sich selbst moegen apix

Zu dick, zu unattraktiv, zu ungebildet, zu faul, zu unsportlich, zu ... Wir Zivilisationsmenschen sind auf verschiedenen Ebenen unzufrieden.

Als Gründe werden genannt: die ständige Präsenz von scheinbar makellosen Menschen aus der Werbung oder das Anschauen der Heldentaten, der grandiosen Liebhaber, der perfekten Leben in zumeist amerikanischen Spielfilmen.

Mit hinein spielt manchmal auch die missbrauchte Macht der Eltern: "Sei anders und ich hab dich wieder lieb."

Wie können wir trotz all dieser Prägungen lernen, uns wieder selbst zu mögen?

Selbstverurteilung allerorten

Die Saat des Skeptizismus ist aufgegangen. Tatsächlich besitzt der moderne Mensch kein geistiges Selbstvertrauen mehr. Hinter einem selbstsicheren Auftreten verbirgt er eine große geistige Unsicherheit. Trotz seiner großen materiellen Leistungsfähigkeit ist er ein in Verkümmerung begriffener Mensch.
Albert Schweitzer, Aus meinem Leben und Denken 20

Unsere Sozialisation führt bei vielen Menschen dazu, sich vor anderen anders zu geben, als sie sind. Sie spielen eine Rolle, die vermeintlich besser ankommt. Sie versuchen, anderen zu gefallen. Schlimmer noch: Mangelnde Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit mündet in permanente gedankliche Abwertung der eigenen Person, Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe bis hin zu regelrechtem Selbsthass.

Urdrang nach Bestätigung

Es ist normal, dass wir von anderen Menschen geliebt werden wollen. Unser evolutionäres Erbe hat uns tief eingeprägt, dass wir unsere Herdenmitglieder brauchen. In der Kindheit sind wir vom Wohlwollen unserer Eltern abhängig. Und auch als Erwachsene sind wir auf unsere Mitmenschen angewiesen. Und das ist ja weitestgehend auch gut so.

Auf o Seele, du musst lernen,
ohne Sternen,
wenn das Wetter tobt und bricht,
wenn der Nächte schwarze Decken
uns erschrecken,
dir zu sein dein eigen Licht!
Christian Hofmann von Hofmannwaldau

Aber machen Sie sich bitte eines bewusst: Wir respektieren und schätzen weit eher Menschen, die mit sich selbst im Reinen sind. Vielen nicht vor Augen: Wir können die Wertschätzung durch unsere Mitmenschen schwer bis gar nicht wahrnehmen, wenn wir unzufrieden mit uns sind. Leicht deuten wir dann das Verhalten oder Aussagen unserer Mitmenschen falsch, einseitig negativ. Hinzu kommt: Mit sich selbst unzufriedene Menschen besitzen die Tendenz, nur mit Leuten zu verkehren, die vermeintlich schlechter dran sind als sie selbst.

Wem nutzt es?

Ständige Selbstkritik oder gar Selbsthass hat für Sie keinerlei Vorteil - Sie werden dadurch kein besserer Mensch. Es hat aber viele Nachteile. Versuche, fremden Idealvorstellungen nachzueifern oder stets meinen Mitmenschen zu gefallen, führen zu einem Leben, welches kaum ein selbstbestimmtes genannt werden kann.

 
 

gerste sonne gruen 564

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Ansatz 1: Selbsterkenntnis

Möchten Sie wissen, wie es mit Ihrer Selbstliebe bestellt ist? Stellen Sie sich doch einmal nackt vor einen großen Spiegel und spüren Sie nach, wie Sie der Person im Spiegel gegenüber empfinden. Welche Gedanken und Gefühle kommen in Ihnen hoch? Sehen Sie vor allem die Speckrollen, die zu gewaltige Nase, die zu dünnen Beine ...? Würden Sie sich am liebsten sofort wieder zügig anziehen?

Danach versuchen Sie das Folgende: Stellen Sie sich erneut vor den Spiegel und sagen Sie sich: "Ich bin der ich bin. Ich akzeptiere alles an mir. Ich finde mich gut." Spüren Sie in diese Worte hinein. Können Sie dieses Gefühl erwecken? Wie fühlt sich das an?

Wenn Sie noch etwas tiefer gehen möchten, beantworten Sie (am besten schriftlich) die folgenden Fragen:

  • Unterdrücke ich Emotionen wie Wut, Verzweiflung oder Angst?
  • Wann schelte ich mich selbst in Gedanken für meine Unvollkommenheiten, hadere ich mit mir selbst? Wobei genau?
  • Gilt für mich der Glaubenssatz: "Wenn ich etwas nicht gut mache, nicht nett bin, mögen mich die anderen nicht"?
  • Behandle ich mich selbst mit Respekt? Pflege ich meinen Körper? Gönne ich mir Ruhepausen? Wie reagiere ich auf Stress? Mit Entspannungsübungen oder eher mit Essen oder Nikotin?
  • Lasse ich mich von anderen ausnutzen?
  • Habe ich Beziehungen, die mich einseitig belasten? Nur Energie rauben?
  • Verzichte ich häufig darauf, meine eigene Meinung zu sagen, weil ich dadurch Abneigung befürchte?
  • Werde ich in meiner Partnerschaft oder im Freundeskreis oftmals gekränkt?

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Ansatz 2: Üben Sie Selbstwertschätzung

Verlorenes Selbstwertgefühl will zurückerobert werden. Kleine Übungen des Alltags - täglich ausgeführt - bauen unsere Selbstwertschätzung Stück für Stück wieder auf. Machen Sie sich immer bewusst: 

Es ist völlig o. k., dass ich kein perfekter Mensch bin. Allen anderen geht es ebenso.

Diese Sicherheit muss aber auch im Inneren entwickelt werden. Es gibt den sehr attraktiven Standpunkt, so wie ich bin, bin ich vollkommen in Ordnung. Ich bin o. k., ja, ich bin wertvoll. Natürlich ist das alles leichter gesagt als getan. Doch gehen Sie raus aus der Opferrolle, Sie können Dinge verändern!

Versuchen Sie gerne Folgendes:

  1. Fassen Sie den Vorsatz: Ich möchte mich selbst lieben und will in Zukunft gut zu mir sein.
  2. Jedes Mal, wenn Sie in den Spiegel schauen, sagen Sie sich: "Hallo mein Freund, schön, dass du da bist." Lächeln Sie sich an. Rufen Sie ein Gefühl der Zuneigung hervor. Fällt Ihnen die Übung schwer? Irgendwann wird es Ihnen gelingen ...
  3. Gehen Sie am Abend den Tag durch und loben Sie sich für drei Taten des heutigen Tages.
  4. Danach überlegen Sie, ob Sie sich heute über jemanden geärgert haben. Falls ja, versuchen Sie einen Grund, eine innere Motivation für dessen "Fehlverhalten" zu finden.
  5. Lesen Sie "realistische Literatur", Biografien, preisgekrönte Romane. Hier ist oft die Rede von menschlichen Schwächen, Irrungen und Abwegen. Das hilft, die eigene Fragilität ins rechte Licht zu rücken.
  6. Achten Sie auf Ihre inneren Dialoge. Jedes Mal, wenn Sie sich innerlich herabwürdigen, ändern Sie Ihre Selbstkritik zu einer respektvollen Aussage.

Dazu ein Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie lauschen der Antwort einer Mutter, deren Kind ein Ei zu Boden fällt.

  • Einmal sagt sie: "Du bist aber ungeschickt."
  • Ein andermal: "Da ist dir etwas Ungeschicktes passiert."

Spüren Sie den Unterschied? Wie sprechen Sie mit sich, wenn mal etwas schief geht?

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Ansatz 3: Seien Sie gut zu sich selbst

Vergessen Sie bitte nie: Sie sind die wichtigste Person für Ihr Wohlbefinden. Setzen Sie sich bei Ihren Vorhaben nie zu sehr unter Druck. Versuchen Sie, eine innere Unabhängigkeit davon zu erreichen, ob die Dinge so laufen, wie Sie dieses gern hätten. Verlangen Sie nicht zu viel von sich und beenden Sie die inneren Selbstverurteilungen, wenn Ihnen einmal etwas misslingt.

Eine hilfreiche Grundlage für ein positives Selbstwertgefühl geben ein gesunder Körper und regelmäßige Phasen der Muße.

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herz genesen 564

 

Ansatz 4: ... und auch zu anderen

Unterstützung erhält unsere Selbstakzeptanz, wenn wir auch bei anderen Menschen eher mal ein Auge zudrücken und tolerant sind. Dabei hilft obige Übung, sich die Gründe für ein "Fehlverhalten" des anderen bewusst zu machen. 

Wenn man mit sich selbst einig ist und mit seinen Nächsten, das ist auf der Welt das beste.
Goethe, an Christiane Vulpius, 3.10.1799

Und nun?

Jede Empfehlung gilt nur in gewissen Grenzen. Alles kann übertrieben werden. Akzeptanz der eigenen Person sollte nicht als Freibrief für alle Arten menschlichen Fehlverhaltens missbraucht werden. "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu" gilt weiterhin. Jedoch legen Sie mit der Wertschätzung Ihrer eigenen Person die beste Grundlage, (auch) besser mit anderen Menschen auszukommen.

Wenn Sie noch einen Schritt weitergehen möchten, lesen Sie hier über die 6 Säulen des Selbstwertgefühls und wie man sie stärkt.

Wie steht es mit Ihrer Selbsteinschätzung? Haben Sie Tipps für uns, sich selbst mögen zu lernen? Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

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Kommentare  

AndreasS
#1 AndreasS 2013-08-16 09:04
Ein sehr wichtiger Schritt für mich zu meiner (positiven) Selbsteinschätz ung war das Klären meiner Werte. Ich habe mir eine lange Liste mit allen möglichen Werten gesucht und jeden einzelnen für mich hinterfragt. Schriftlich, damit es für mich nachvollziehbar bleibt und auch spätere Entwicklungen meiner Persönlichkeit wieder an diesen Werten neu gemessen werden können!
Heute prüfe ich wichtige Entscheidungen oder neue Beziehungen immer anhand meiner persönlichen Grundwerte. Wenn ich gegen meine innersten Überzeugungen handle, wird mein Unterbewusstsei n mir immer schlechte Gefühle bereiten. Wenn ich aber im Einklang mit meinen Werten lebe und handle, kann ich auch Fehlentscheidun gen akzeptieren und diese im Sinne meiner Werte korrigieren.
Ich glaube, das ist Freiheit: Aus seiner eigenen Überzeugung frei entscheiden, wenn nötig auch heute anders als gestern.

Grüße Andreas
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