Verzeihen kann Ihr Leben erleichternNahezu jedem von uns wurde schon einmal Unrecht angetan oder man wurde verletzt. Vermeintliches Unrecht zumindest. Das reicht vom vergessenen Geburtstag bis zum Betrug um das Erbe. Wir wurden beleidigt, verletzt, betrogen, nicht beachtet. Es ist okay, sich darüber aufzuregen, wütend zu sein. Durchleben Sie diese Gefühle bewusst. Aber beenden Sie diese Tiefphase auch aktiv. Wie das möglich ist, zeigt Ihnen dieser Artikel.

Persönliche Verletzungen bedeuten für uns kein größeres Problem, wenn die Angelegenheit rasch aus unserem Kopf verschwindet. Doch oft erleben wir es anders. Wir tendieren dazu, die eigenen Listen an Kränkungen immer nochmal in Gedanken durchzugehen, ärgern uns darüber, fühlen Beleidigung bis hin zur Verfluchung unserer Existenz in dieser schlechten Welt.

Folgen des Nichtverzeihens

Diese inneren Schuldzuweisungen, Beschimpfungen und Verdammung der anderen nagen am seelischen Gleichgewicht, rauben unsere Lebensfreude bis hin zur Erkrankung. Anspannung, Erschöpfung, Bluthochdruck oder Magenschmerzen sind nur einige Symptome, die eventuell entstehen.

Warum verzeihen wir nicht einfach?

Anfänglich ist es, wie gesagt, okay, nicht gleich alles nachzusehen. Versuchen Sie nicht, Ihre Gefühle diesbezüglich zu früh zu stoppen. Seien Sie aber achtsam gegenüber Ihren inneren Vorgängen.

Aber warum vergeben wir nach dieser Phase dem Anderen nicht einfach und legen die Sache ad acta? Dafür finden sich viele Gründe. Wir möchten zum Beispiel, dass der "Peiniger" nicht ungeschoren davon kommt. Beschimpfen ihn in Gedanken, wollen das vermeintliche Vergehen zurückgeben. Leider schädigt uns das aber nur selber in Form schlechter Laune, der andere bekommt ja von unserem Wunsch nichts mit.

Außerdem wäre da noch der Stolz. Und last, but not least wollen wir verhindern, dass uns das Gleiche noch einmal passiert. Doch das lässt sich auch vermeiden, wenn wir vorher verziehen haben.

Fazit: Wenn uns Verletzungen länger als nötig belasten, sollten wir uns eine Vorgehensweise überlegen, diese Krafträuber und Freudezerstörer auch aus unseren Gedanken zu entfernen.

Viele Menschen setzen Verzeihen mit Gutheißen gleich

Doch dem ist nicht so. Wir sollten vor allem für uns selbst verzeihen. Denn mit Angst, Wut oder Kränkungsgefühlen schläft es sich nicht angenehm, wir sind ständig in Gedanken darin verstrickt, bekommen schlechte Laune. Wenn es ungut läuft, mündet dieses Hadern mit dem anderen in einer psychosomatischen Erkrankung.

Zwei Freunde in der Wüste
Zwei Freunde, Roban und Dimos, wanderten in der Wüste. In der Mittagshitze kam es zum Streit um die korrekte Richtung. Im Eifer des Gefechts schlug Roban seinem Freund Dimos ins Gesicht. Entsetzt starrte dieser den Schläger an und zog sich für einige Minuten zurück. Als Dimos wiederkam, nahm er einen Stock und schrieb in den Sand: "Mein Freund Roban hat mich ins Gesicht geschlagen." Danach gingen sie weiter.
Nach mehreren Stunden kam Dimos auf Treibsand und drohte zu versinken. Roban warf sich auf den Boden und befreite ihn unter enormer Anstrengung aus dem tiefen Sand. Für einen Moment sah es so aus, als ober er selbst mit reingezogen würde.
Nachdem Dimos wiederum festen Boden unter den Füßen hatte, ging er zu einem großen Felsen. Er entnahm seinem Rucksack einen Meißel und schlug die folgenden Worte in den Stein: "Heute hat mir mein Freund Roban das Leben gerettet."
Kopfschüttelnd beobachtete Roban, was Dimos dort trieb. "Warum hast du meinen Schlag ins Gesicht von heute Mittag in den Sand geschrieben, die Rettung aber in den Stein gemeißelt?"
Dimos lachte: "Ganz einfach, Freund Roban. Wenn mich jemand verletzt, schreibe ich es in den Sand. Der Wind sorgt schnell dafür, dass dieses Vergehen rasch nicht mehr zu lesen ist. So soll es auch in meinem Geist sein. Genau umgekehrt verfahre ich mit den guten Taten. Diese sollen möglichst lange in meinem Gedächtnis haften. Darum meißele ich sie in Stein."
Nacherzählt, Verfasser unbekannt

Verzeihen können wir üben. Gehen Sie hierfür wie folgt vor:

  • Machen Sie sich die Motivation des anderen bei Ihrem Disput klar. Wenn Sie es nicht verstehen, fragen Sie nach oder suchen Sie in psychologischen Ratgebern nach möglichen Ursachen solch einer Handlung.
  • Hierbei bekommen Sie eventuell auch Anregungen zu: Was haben Sie zur Entstehung der Verletzung beigetragen? Nicht immer findet sich hier etwas, aber oft.
  • Fragen Sie sich: Wann habe ich anderen Schlechtes angetan? Vielleicht sogar Ähnliches?
  • Sagen Sie sich deutlich: "Ich finde dieses Verhalten nicht gut. Ich möchte es nicht abermals erleben." Eventuell schreiben Sie der Person einen Brief, in dem Sie das Fehlverhalten deutlich niederschreiben und Ihre Missbilligung ausdrücken. Sie müssen diesen Brief nicht absenden.

In vielen Fällen wird das verletzte Gefühl dadurch schon schwächer.
Gehen Sie hiernach weiter:

  • Sagen Sie sich: "Ich möchte mit dieser Verletzung abschließen. Sie soll nicht weiter mein Leben belasten. Aus diesem Grunde verzeihe ich dieser Person." Sie vertiefen die Wirkung Ihrer Worte, wenn Sie dabei ein Bild dieses Menschen in Händen halten.
  • Sagen Sie sich: "Ich vergebe XY, mich verletzt zu haben. Er geht jetzt seinen Weg und ich meinen." Anfangs wird hier oft ein innerer Widerstand zu verspüren sein. Wiederholen Sie diesen Akt in dem Fall mehrfach. Mit der Zeit sollte sich das Gefühl des Verzeihens einstellen.
  • Unterstützen Sie diesen Satz durch eine aktive Handlung. Schreiben Sie das Vergehen zum Beispiel auf einen Zettel und verbrennen Sie ihn.

Sich selbst vergeben

Oben stehende Übungen eignen sich ebenfalls dafür, sich selbst zu verzeihen. Wenden Sie von daher diese Technik gleichermaßen auf eigenes Fehlverhalten an. Sagen Sie sich zum Beispiel: "Ich sehe ein, dass ich oftmals extrem aufbrausend bin und dabei meine Mitmenschen beleidige. Ich bin trotzdem ein wertvoller Mensch und verzeihe mir." Im ersten Moment könnten Sie denken: "Na großartig, so macht sich das Ekel die Sache aber leicht. Heißt seine eigenen Pöbeleien auch noch gut." Aber es kommt komplett anders: Sie erkennen die negative Seite an sich ja an, sprechen Sie deutlich aus. So verdrängen Sie dieses Fehlverhalten nicht mehr, können es aber ohne Schmerz wahrnehmen. Das ist die beste Grundlage, in Zukunft ein geändertes Verhalten an den Tag zu legen.

Wütend auf die Herdplatte
Bringt es etwas, auf eine Herdplatte wütend zu sein? Nein? Aber Sie sind doch von ihr verletzt worden! Ach, beim Menschen ist das anders, schließlich hat er den freien Willen und mich in vollem Bewusstsein verletzt. Ja? Dann lesen Sie bitte hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille#Hirnforschung
"Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.“ - Wolfgang Prinz, deutscher Psychologe und Kognitionswissenschafter, geb. 1942

Betrachten Sie jede nicht verziehene Verletzung als einen Felsblock, den Sie mit sich rumtragen. Sehen Sie das Verzeihen als einen Akt an, diesen Felsen ablegen zu dürfen. Der Fels bleibt der Fels, aber Sie sind ihn los.

Dabei gilt: Verzeihen, gegenüber sich und anderen, will gelernt sein. Üben Sie es regelmäßig, damit Sie diese Kunst zur richtigen Zeit beherrschen.

Ausnahmen

Es gibt Verletzungen, die so nicht in den Griff zu bekommen sind. Bei den meisten Menschen würde das zum Beispiel sexueller Missbrauch sein. Oder rohe Gewaltanwendung. In diesen Fällen sollten wir professionelle, therapeutische Hilfe suchen. Hier gibt es tiefergehende Methoden, Verletzungen aus der Vergangenheit abzulegen.

Im rechten Rahmen anwenden

Wie alle Hilfen und Ratschläge, die wir in unseren Artikeln auf blueprints geben, gibt es Grenzen der Anwendung. Sie sollten nicht verzeihen, wenn die zugrunde liegende Verletzung fort besteht. Zum Beispiel dem Mann, der immer und immer wieder seine Frau schlägt. Oder wenn eine gerichtliche Klärung nötig ist.

Der Schwache kann nicht verzeihen.
Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.
M. Gandhi, Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, 1869 - 1948

Oder bei anderen Gründen, wenn eine Aufarbeitung gewünscht und sinnvoll erscheint. Aber bei vielen Fällen (Eltern, verflossene Liebhaber, ungerechte Lehrerbeurteilungen ...) wird sich eine angenehme Lebenserleichterung einstellen, wenn Sie aktiv vergeben.

Können Sie von Erfahrungen mit dem Verzeihen berichten? Haben Ihnen die obigen Anregungen geholfen? Bitte teilen Sie es uns hier mit.

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Kommentare  

arcona07
#1 arcona07 2014-04-28 07:08
Grandios!
Dieser Artikel kam mir gerade recht, ich war nämlich auf 180 - fühlte mich ungerecht behandelt und war gekränkt. Nach Lektüre des Artikels und lautem Nachsprechen der Sätze trat aber unmittelbar eine deutliche Beruhigung ein. Ich kann das Verhalten der anderen Persoon zwar immer noch nicht gutheissen und ich werde mir ein solches Verhalten in Zukunft auch verbitten, wenn ich an die betreffende Person denke, verspüre ich jedoch überhapt keinen Groll mehr, vielmehr ist dieser einem völlig neutralen Gefühl gewichen. Ich hätte nicht gedacht, dass das Vergeben so einfach ist und so gut wirkt! Danke sehr!
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Peter Bödeker
#2 Peter Bödeker 2014-04-28 07:29
Vielen Dank für die Rückmeldung! Genau so sollte es wirken. Es mag sein, dass nach einer gewissen Zeit der Groll in abgeschwächter Form wiederkehrt (hängt auch von unserer eigenen Kraftreserven ab), dann hilft zumeist schon ein kurzes Erinnern, warum Verzeihen zumeist auch für mich der sinnvollere Weg ist.
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Agapesh
#3 Agapesh 2014-04-29 21:36
Ein liebes Hallo,

ich habe dieses Buch letzte Woche von meiner Tochter geschenkt bekommen und bin gespannt wie ein Flitzbogen
wie es in meinem Leben( das gerade durch Rütteln und Schütteln wieder ziemlich bunt ist) weiter gehen wird.

herzliche und vegane Grüße
Barbara :-)
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Peter Bödeker
#4 Peter Bödeker 2014-04-30 07:25
Hallo Barbara, welches Buch meinst du?
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Barbara
#5 Barbara 2014-05-02 07:29
Grüß Dich lieber Peter,
natürlich "Meine Ziele ,meine Ausreden und ich" *lach*
Warum ein Koala Bär auf der Titelseite?
Herzliche und vegane Grüße
Barbara
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Peter Bödeker
#6 Peter Bödeker 2014-05-03 11:32
Warum der Koala auf dem Cover? Nun, wir fanden, der kleine Bär ist ein Sympathieträger . Außerdem bietet er einen schönen Kontrast zur Motivation (bzw. symbolisiert die Ausreden). Dieses Cover ist dann auch in einer Wahl unter blueprints-Lese rn klar als Favorit hervorgegangen.
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Froggy
#7 Froggy 2014-07-04 04:56
Ich habe leider sehr schlechte Erfahrungen gemacht mit Verzeihen. Ich stamme aus einer Kindsmisshandlu ngsfamilie. Auch ich glaubte an die Kraft der Vergebung und habe meinen Eltern immer wieder verziehen. Mit dem Ergebnis, dass sie immer frecher wurden. Sie glaubten (zu Recht), dass sie sich alles herausnehmen können, weil ich ja immer wieder verzeihe. Nun will ich seit mehr als zehn Jahren endlich den Kontakt mit ihnen abbrechen. Die nehmen mich allerdings jetzt nicht mehr ernst. Mit unglaublicher Hartnäckigkeit und Dreistigkeit versuchen sie immer wieder an mich heranzukommen, und erneute Vergebung zu erzwingen. Das ist ja gerade das Problem mit der Vergebung. Sie provoziert Wiederholungstä ter. Die Täter hatten ja einen gewissen Gewinn von ihrem Tun. Und dank dem Verzeihen, erfahren sie nicht mal negative Konsequenzen. Sie hatten also nichts als positive Erfahrungen von ihren Taten. Da ist die Wahrscheinlichk eit gross, dass sie diese wiederholen. Die Vergebung verhindert den Lernprozess des Täters. Auch für mich war das Verzeihen nicht die richtig angegangen bin, dass ich nicht verstanden habe, was erhoffte Wohltat. Es fühlte sich falsch an, wieder lieb und lustig zu sein mit meinen Peinigern. Es blieb ein schales Gefühl von Selbstbetrug... ..
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Peter Bödeker
#8 Peter Bödeker 2014-07-07 12:37
Hallo Froggy,

vielen Dank für die Schilderung deines Erfahrungsweges und deinem Bemühen um "Verzeihen" sowie den damit erlebten Schwierigkeiten.

Um den gesamten oberen Text nicht noch einmal zu wiederholen möchte ich hier nur stichwortartig antworten:

Verzeihen meint nicht, Unrecht passiv über sich ergehen zu lassen und dabei noch gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Sicherlich sollte man alles tun, zukünftiges Leid zu vermeiden.

Es geht hier im Text vor allem darum, das geistige Hadern im eigenen Kopf, welches uns unser gesamtes Leben verleiden kann, zu einem wirklichen Ende zu führen. Zumeist resultiert dies aus "Bagatellvergeh en" unserer Mitmenschen an uns, die oftmals auch gar nicht kränkend gemeint waren.

Natürlich wird die Überwindung des Haderns im Geiste erst dann erreicht, wenn der Zustand dessen, was wir verzeihen wollen, fortbesteht. Es sei denn, wir akzeptieren den leidvollen Zustand für unser Leben, weil er uns vielleicht anderwertige Vorteile gewährt (das sehe ich natürlich in Ihrem Fall, eher z.B. im "Leid", dass ich täglich zur Arbeit gehen muss). Und man muss auch nicht mit allen Menschen, denen man in diesem Sinne "verziehen" hat, weiter Kontakt pflegen.

Sexueller Missbrauch ist, wie im Text erwähnt, eines der Themen, dass zumeist professioneller Hilfe bedarf, um die daraus resultierenden seelischen Schäden zu heilen.
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