Systemische BeratungSystemische Beratung spiegelt eine Haltung zur Wirkungsweise von Organisationen wider und drückt sich aus in der Art und Weise, in Organisationen Bewegung und Veränderung anzustoßen.

Je nach Denkhintergrund können wir die Welt, in der wir uns bewegen, als getrennt von einander wirkende Elemente verstehen, deren Veränderungen losgelöst von den jeweils anderen Teilen geschehen. Jedes Element entwickelt sich in eigenen Strukturen und in einer logischen Art und Weise. Die dem Geschehen innewohnende Logik ist ein Ursache-Wirkungs-Denken, das Zusammenhänge linear-kausal erkennt. So kann sich jemand, der seine Welt so beobachtet und einordnet, als davon getrennt erleben, sich selbst als davon unbeeinflusst und unabhängig verstehen, als jemand der selber Einfluss keinen Einfluss auf das Geschehen hat.

Andererseits können wir die Welt als ganzheitlich verstehen, in der Verhalten sich wechselseitig bedingt, aufeinander bezogen ist und sich Verhaltensmuster wiederholen, um sich selber zu erhalten. Der Beobachter dieser Welt erlebt sich als dazugehörig, an den sich wechselseitig bedingenden Verhaltesweisen beteiligt. So kann er beeinflussen und gleichzeitig beeinflusst sein. Seine Interpretationen des Wahrgenommenen sind daher immer auch Interpretationen oder Annahmen über die eigenen Wirkungen im System. Diese Art und Weise, die Welt zu verstehen und zu beobachten, wird als systemisch bezeichnet. Dabei ist die Systemtheorie eine übergeordnete Theorie mit dem Ziel, verschiedene Wissenschaftsgebiete wie Physik, Biologie, Philosophie, Psychologie zu integrieren. Als Metatheorie werden Gesetzmäßigkeiten gesucht, deren Gültigkeit sich in nahezu allen Wissensgebieten nachweisen lassen.

Systemische Beratung in sozialen Systemen achtet auf die Gesetzmäßigkeiten von Beziehungen, Beeinflussungen und Wirkungen, die einerseits den Status quo des Systems erhalten sollen und andererseits Entwicklungen durch Regeländerungen voranbringen sollen. Gegenläufige Kräfte, die wirksam sind und beinahe gleichzeitig wirken können. Diese Widersprüchlichkeit gehört zur Normalität und ist das, was Veränderung in einer sich wandelnden Umwelt sicherstellt. Lebenden Systemen und damit sozialen Systemen ist es eigen, sich ständig zu verändern, sich im Fluss zu befinden. Es gilt ständig Gleichgewicht (Homöostase) zu erzeugen, das sich sofort wieder auflöst. Das Ausbalancieren von Gleichgewicht und Ungleichgewicht ist es, was die Veränderungsfähigkeit und einen guten Umgang mit Konflikten ermöglicht.

Zum systemischen Verständnis:

Systemische Beratung vollzieht sich vor dem Denkhintergrund systemischer Theorie deren Grundannahmen in den folgenden Thesen zusammengefasst werden kann.

  • Systeme sind zweckorientiert und befinden sich in einem permanenten Veränderungsprozess, um diesen Zweck zu erfüllen.
  • Prozesse vollziehen sich einerseits in Richtung Entwicklung von Ganzheit und andererseits in Form von Auseinanderfallen.
  • Auf dem Weg zur Zweckerfüllung finden im System selbstregulierende Prozesse ohne direkte Einwirkung von außen statt.
  • In einer sich wandelnden Umwelt soll einerseits Konstanz erhalten bleiben und gleichzeitig Bewegung stattfinden als Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen.
  • Ständige Rückkopplungen im System über Verhalten dienen als Information über Verhalten und lösen entweder Ungleichgewicht oder Gleichgewicht aus.
  • Regeln im System werden auf eine nächst höhere Stufe an sich verändernde Bedingungen angepasst, um ein Weiterfunktionieren des Systems zu gewährleisten.
  • Die Charakteristik lebender Systeme lassen sich auf jeder Systemstufe wiederfinden.
  • Regeln im System können funktional oder dysfunktional, explizit oder implizit sein.
  • Es gibt keine Realität in sozialen Systemen, sondern nur in Relation auf die Beobachtung eines bestimmten Beobachters.
  • Es gibt so viele Realitäten wie Beobachter.

Systemische Beratung und Haltung der Berater

Eine „systemische Beraterhaltung“ lässt sich anhand einiger Charakteristika erläutern:

  • Es gibt keine Objektivität. Daher müssen Berater sich den Kontext ansehen, in dem Verhalten entsteht, gezeigt wird. Jedes Verhalten einer Person ist sinnvoll, wenn Kontexte des Entstehens bekannt werden. Es gibt immer mehrere Perspektiven und nicht eine Wirklichkeit. Um mich orientieren zu können, muss ich Hypothesen über eine Sache bilden, denn meine Beobachtungen stellen immer nur einen Ausschnitt dar und sind daher nur ein Teil der Wirklichkeit.
  • Widersprüche gehören zum Leben und sind Reichtum und Ausdruck von Vielfältigkeit. Sie haben ihre dunklen und hellen Seiten. Es gilt die dunklen, verleugneten oder abgelehnten Seiten sichtbar zu machen und Balance zwischen beiden herzustellen. Widersprüche erzeugen Spannungen, die Energien freisetzen. Widerstände sind Ausdruck von Energie, die genutzt werden sollte.
  • Es ist, wie es ist, und was ist, muss sein dürfen. Zunächst gilt es zu erkennen, welcher Sinn in den typischen Mustern eines Systems liegt. Das Gute im Schlechten sehen  - bei  Defizitorientierung oder das Schlechte im Guten sehen – bei Idealisierungen. Entdramatisieren!
  • Es geht darum, Strukturen, Beziehungsmuster und Denkroutinen zu verändern um andere Verhaltensweisen zu ermöglichen, nicht aber eine einzelne Person. „Schuldige“ im System sind eher Symptomträger für das, was typisch im System ist. Es haben alle Betroffenen Anteil an einer Situation.
  • Alles hängt in einem System mit allem zusammen und alles ist in jeder kleinen Einheit enthalten. „Wie im großen, so im Kleinen“
  • Umdeuten – Reframing – ändert den Rahmen unserer Betrachtungen und der wahrgenommenen Zusammenhänge sowie deren Bedeutungen. Es schafft neue Bezugsrahmen und erweitert die Handlungsoptionen.
  • Tiefere mentale Veränderungen brauchen Zeit. Lebende Systeme entwickeln sich in der ihnen eigenen Zeit. Anstöße von außen werden wahrgenommen oder auch nicht, führen zu Reaktionen oder auch nicht.

Systemische Beratung bedeutet Impulsgebung und Begleitung auf Zeit. Es wird eine höhere Problemlösungskompetenz des Systems angestrebt. Annahmen über explizite oder implizite Regeln im System sind Ausgangspunkt für Interventionen. Deren Wirkung im System gilt es zu beobachten, um erneut Annahmen zu bilden und erneut zu intervenieren. So entsteht eine sich wiederholende Schleife.

Systemische Beratung baut für die jeweiligen Anliegen eines Kunden Räume, die sich zu einem Gesamtbild fügen, so dass ein konzeptionelles Gebäude entsteht. Die Aktivitäten in diesen Räumen sind jeweils anders, auf einen Zweck, aber nicht auf ein konkretes, vorgedachtes Ergebnis gerichtet. Da Systeme ihre eignenen Gesetze und Regeln haben, auch Subsysteme ihren eigenen Regeln folgen, wird das Bild über das System klarer, wenn verschiedene Sichtweisen, aus anderen Perspektiven, zum Tragen kommen.

Koautorin Inge Glatz, inge-glatz(a)blueprints.de

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