Geschichten und Fabeln

 

Geschichten und Fabeln auf blueprints.

hirsch-564 apix

Hunde machten auch vor Miss Rose nicht halt und sie geriet immer wieder in Situationen, in denen sie flüchten musste. Aber sie machte es stets mit Bedacht und überlegte sich immer, wenn sie sich hinlegte oder neue Gebiete betrat, was der beste Fluchtweg wäre.

Eine Fabel des griechischen Dichters Aesop erinnerte sie stets daran, Vorsicht walten zu lassen. Und die Geschichte geht so:


bank buch alt z5 564


Miss Rose
wohnte einst bei einem Anhänger des Bahai-Glaubens. Ein gottesfürchtiger Mann, dessen Rat in seiner Gemeinde geschätzt wurde. Er hieß Sahid Batun und war Mitglied des örtlichen Geistigen Rates. Vieles, was in seiner Religion als Verhalten gefordert wurde, fand Wohlgefallen bei Miss Rose. Zudem war Sahid ein einfacher Mann, der kaum etwas zu seiner Zufriedenheit brauchte. Miss Rose hatte schon immer größeres Vertrauen zu Menschen gehabt, die nur wenig bedurften.

Eines Tages hörte ein Urlauber von dem weisen Bahai in der Stadt und stand unangemeldet vor Sahids Tür. Sahid bat ihn in die kleine Wohnung herein und bot dem Fremden einen Platz auf einer schmalen Holzbank an.


wachtel vogel rock apix

Es lebte einmal ein Riesenvogel namens Rock. Sein Rücken war so hoch wie der Berg Tai, und wenn er seine Flügel ausbreitete, dann waren sie weit wie die Wolken, die den Himmel bedecken. Sobald er sich in die Lüfte erhob, begann ein ungeheurer Sturm, und wenn er hoch über den Wolken unter dem tiefblauen Himmel dahinschwebte, legte er mit einem einzigen Flügelschlag tausend Meilen zurück.

Einmal flog er vom Norden zum Südlichen Meer. "Was er nur hat?" wunderte sich eine Wachtel und konnte das Lachen nicht verbergen. "Ich hüpfe hier von Ast zu Ast oder vergnüge mich unten in den Büschen. Das genügt mir völlig. Wo der bloß hin will!"

Wenn der Horizont verschieden ist, sind es auch die Gedanken.

(Aus China)


autor schreibt hand 7 564

Miss Rose lebte einst bei einem Autor. Dieser war ein berühmter Schriftsteller, alle Menschen kannten seinen Namen. Er hat wunderbare, tief berührende Geschichten geschrieben. Miss Rose hat alle seine Bücher gelesen. Sie will uns aber diesmal den Namen des Autors nicht verraten.

Der Autor erhielt von seinem Verlagsleiter den Auftrag, ein Werk zu schaffen, welches die Herzen der Leser nachhaltig bewegen möge und welches in ihrem Geist eine Ahnung von Weisheit aufkommen lasse.

Nachdem der Autor den Brief mit der Bitte erhalten hatte, blickte er lange auf Miss Rose, die wie üblich neben seinem Schreibtisch unter der Heizung lag.

Miss Rose liebte schon immer diese Plätze an den Öfen der Menschenhäuser.

Dann machte der Autor erst einmal fünf Tage lang nichts, er saß einfach nur da. In dieser Zeit brachte er kein Wort zu Papier …


rose jaron apix

Einst hatte Miss Rose ihr Zuhause bei einer Frau, die mit ihrem Sohn Gill in einfachen Verhältnissen lebte. Sie brauchte alle Zeit und Kraft, um ihren Sohn, Miss Rose und sich mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Seit Wochen holte Miss Rose den kleinen Gill aus der Schule ab. Als sie an diesem Tag durch die Brombeerhecke an der Schule schlüpfte, sah sie, wie Gill von drei Jungen umringt war.

Der größte von ihnen sagte: "Deine blöden Ideen will doch keiner hören. Ein fliegendes Fahrrad; eine Uhr, die spricht. Pah! Du bist ein Trottel von armen Eltern. Du bist ein Spinner und wirst nie dazugehören."

Die drei Jungen zerrten Gill zur Dornenhecke und warfen ihn hinein.

Einer der Drei bespuckte Gill noch bevor sie ihn alleine mit Miss Rose zurück ließen.

Abends schmierte Gills Mutter seine Wunden ein. Sie küsste ihren Sohn auf die zerkratzte Stirn und sagte: "Lass mich Dir eine traurig schöne Geschichte erzählen. Mein Opa war Förster und er hat sie mir als junges Mädchen erzählt. Es ist die Legende vom Jaron-Kobel."

Miss Rose lag unter dem Bett und spitzte die Ohren.


vater sohn sonnenuntergang al 564

Katze Miss Rose lebte einst bei einem Psychiater mit Namen Eric in Düsseldorf. Sie durfte dort während der Patientensitzungen in einem Körbchen unter der Heizung liegen.

Eines Tages behandelte Eric einen Bankdirektor, der viele Tränen in seiner ersten Sitzung vergoss. In der zitternden Hand hielt er ein verblichenes Bild, auf dem er mit seinem Vater Hand in Hand in den Sonnenuntergang ging.

Seine Geschichte lautete wie folgt: ...


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Seit etlichen Monaten ging Virgo täglich an einem Hang vorbei, an dem ein Mann eine Mauer baute. Tagein, tagaus sah er ihn Steine von den Feldern holen, sie wie Puzzleteile aufeinander zu stapeln und deren Sitz zu prüfen. Schritt für Schritt wuchs die Mauer, die er zum Hang hin ständig mit schwerer, lehmiger Erde auffüllte. Langsam entstand so ein kleines Plateau.

Die wunden Hände des Mannes waren geschäftig von früh am Morgen bis spät in den Abend. Virgo war verwundert über den alten Mann, der trotz der schweren Arbeit immer ein Lächeln auf seinem faltigen Gesicht trug.

Doch eines Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, blieb Virgo vor der mittlerweile mächtigen Mauer stehen. Das Plateau hinter der Mauer war bereits so groß wie ein Tennisfeld.


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Vor vielen Jahren holte Hausdiener Kildram jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss Madrub zum Haus seines Herrn. Die beiden Krüge hängte er an die Enden eines Holzstabes, den er über der Schulter trug.

Einer der beiden Krüge bekam eines Tages einen Sprung, so dass er auf dem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines wertvollen Inhaltes verlor. Dieser Krug bemühte sich nach Kräften, seinen Riss wieder zu verschließen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, es tröpfelte immer etwas heraus. Der beschädigte Krug wurde sehr zornig mit sich.

So ging es ein ganzes Jahr lang, unser kaputter Krug wurde von Tag zu Tag trauriger. Dann hielt er es nicht mehr aus. Mit Verzweiflung in der Stimme wendete er sich an Kildram und klagte:


gorilla boese 8d 564

An einem feuchten Wintertag beäugte ein Spatz aus seinem trockenen Nest heraus, wie ihm ein Gorilla missmutig im kalten Regen auf dem Ast gegenüber saß. In bestem Bestreben gab er dem Gorilla einen Rat. Hätte er mal besser geschwiegen ...


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Im Dschungel herrscht angsterfüllte Aufregung. Der Tiger hat eine Liste geschrieben. Eine Liste des Todes. Viele der Dschungelbewohner haben Angst, auf dieser Liste zu stehen.

Das alte Stachelschwein nimmt allen Mut zusammen und geht zur Höhle des Tigers und fragt ihn:


die sonne und der wind apix

Einst stritten sich die Sonne und der Wind, wer von ihnen beiden der Stärkere sei, und man ward einig, derjenige solle dafür gelten, der einen Wanderer, den sie eben vor sich sahen, am ersten nötigen würde, seinen Mantel abzulegen.

Ein nachdenkenswerter Wettkampf begann.


Die Gaben der Tiere

So konnte es nicht weitergehen! Alle Tiere des Hofes hatten sich im langen Stallgebäude vor der Schafweide versammelt. Es musste etwas geschehen, und jetzt war die passende Zeit dafür: Weihnachten. Da waren sich alle Tierbewohner der Farm einig. Doch was sollte man tun? Niemand konnte mit den Menschen reden. Sogar die schlaue Stute Herminda schnaubte ratlos mit ihren Nüstern.

"Darf ich einen Vorschlag machen?"

Alle Versammlungsmitglieder verstummten. Woher kam die schnatternde Stimme? Die Tiere blickten verwirrt von einem zum anderen.


Das letzte Geschenk

Großmutter fiel aus dem Rahmen. Gäste empfing sie liegend - auf ihrem Diwan. Stets glomm dabei eine schwarze Zigarettenspitze zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ganz Greta Garbo.

Keine Familienfeier, auf der Omi meiner Mutter nicht durch einen anzüglichen Witz die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Sogar Vater stand mitunter der Mund offen.

Ich liebte meine Großmutter. Über alles!


landschaft berge 564

Der Buddhismus ist reich an Geschichten, die den Menschen an seinen inneren Kern führen wollen. Dabei soll meist gezeigt werden, dass der Mensch im Inneren schon alles hat. Es will allerdings frei gelegt werden, so wie der Bildhauer die Figur aus dem Stein befreit.

So auch die Geschichte von den zwei Freunden, die finanziell ganz unterschiedlich gestellt waren. Der reiche Freund lebte in der Hauptstadt des Landes, er besaß dort ein Haus mit Park und mehreren Hausangestellten. Sein Freund hingegen wohnte in einer baufälligen Hütte auf dem Land, er konnte gerade einmal sechs Hühner sein eigen nennen.

Die Beiden trafen sich regelmäßig, doch heute war etwas anders ...


steine turm 564

Zen-Meister Min-To weinte bitterlich. Sein jüngster Sohn Maru war vom Pferd gefallen. Sein Genick brach, er war sofort tot.

"Warum weint Ihr, Meister?", fragte einer seiner Schüler vorsichtig. "Ihr lehrtet uns doch, dass alles Illusion sei."

"Das stimmt auch", antwortete der Meister, "alles ist Illusion. Doch der Tod eines Kindes ist die Größte aller Illusionen."


Eine Geschichte darüber, wie Unzufriedenheit in Zufriedenheit verwandelt werden kann.

indien palast 250"Hilfe! Wir werden noch wahnsinnig. Es muss etwas passieren." Antonio zog mit beiden Händen an seinen wuscheligen Haaren. Er lebte zusammen mit seiner Frau, den Schwiegereltern und seinen vier Kindern in einer 1-Zimmer-Wohnung in der Altstadt.

"Aber was bloß? Wir können uns keine größere Wohnung leisten." Maria, seine Frau, hob hilflos die Arme.

"Es ist die Hölle. Den ganzen Tag brüllt irgendwer, wir schreien uns an, ich habe mich heute schon dreimal mit deinem Vater gestritten." Antonio blickte stumpf auf den Küchentisch und fuhr mit den Fingern die Holzmaserungen nach. Die kleine Belana, gerade ein Jahr alt geworden, krabbelte zwischen seinen Beinen hindurch.

"Vielleicht weiß der Meister einen Rat?" Seine Frau zog fragend die Augenbrauen hoch.

Antonio wippte abwägend den Kopf hin und her. Wie sollte der weise Mann bei diesem Problem helfen können? Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch, die kleine Belana fiel vor Schreck einfach um. "Ich werde gleich hingehen und ihn um Rat fragen. Schaden kann es ja nichts."

Beim Meister

Zu Antonios Überraschung meinte der Alte schon nach kurzer Überlegung, eine Lösung für das Problem zu kennen. "Aber zunächst verspreche mir, genau das zu tun, was ich dir als Lösung vorschlage", forderte der Meister.


fenster ausblick Der 50-jährige Antipasti-Händler Tobias erlitt eines schönen Frühlingsmorgens auf dem Weg zum Markt mit seinem Transporter einen schweren Unfall. Er schlug hart mit den Rippen auf das in die Fahrerkabine gedrückte Lenkrad. Die Diagnose der Ärzte: Mindestens acht Wochen strengste Bettruhe in einem Stützkorsett, das jegliches Aufrichten oder Drehen verhindert. Mit Glück würde er danach wieder gehen können.

Niedergeschlagen ließ er sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er halbherzig und versank sogleich in düstere Schwermut. Apathisch starrte er auf die weiße Decke. Wie würde es mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Markt stehen können? Welche Alternativen hätte er?

Wenn er doch wenigstens eine Partnerin hätte, auf die er in dieser schweren Zeit bauen könnte. Jetzt rächte sich sein eigenbrötlerischer Lebensstil, den er seit vielen Jahren kultivierte. Hin und wieder löste sich in ihm ungewollt ein Stöhnen oder ein leises Seufzen.

Tobias war in einen dämmrigen Halbschlaf voller trüber Fantasien gefallen, als die Schwester erneut in das Krankenzimmer hereinkam. Aus den Augenwinkel nahm er wahr, wie sie den Kopfbereich des Bettes vom Alten am Fenster elektrisch hochfuhr, so dass dieser aufrecht sitzend aus dem Fenster schauen konnte. Was dieser dort sah, konnte Tobias nicht erkennen. Sein Kopf war durch das Stützkorsett in seinem Bewegungsradius fast vollständig eingeschränkt.

Nachdem die Schwester das Zimmer wieder verlassen hatte, begann der Greis, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, zu sprechen: "Ich habe Flüssigkeit in der Lunge und werde jeden Tag für eine Stunde aufgerichtet. Das ist für mich die schönste Zeit des Tages. Möchten Sie, dass ich Ihnen schildere, was ich hier sehe?"


maus loewe

Manchmal vergessen wir durch die zeitfüllenden Herausforderungen des Alltags, was wirklich wichtig ist. Die Geschichte vom Löwen und der Maus zeigt, dass wir im Kleinen achtsam bleiben sollten.

Ein Mäuschen lief über einen schlafenden Löwen. Dieser erwachte und packte es mit seinen gewaltigen Tatzen.

"Verzeih mir meine Unvorsichtigkeit", flehte das Mäuschen. "Ich habe dich nicht stören wollen. Schenke mir mein Leben, ich will dir ewig dankbar sein."

Großmütig schenkte der Löwe ihr die Freiheit und lächelte in sich hinein: "Wie will wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein?"


vielfalt-einfaltVielfalt sieht man überall, jetzt im Frühling. In jeder Ecke, in jedem noch so unscheinbaren Winkel kann man in der Natur einen Farbklecks entdecken. Jede winzige Nische wird genutzt, um eine ganz spezielle Pflanze hervorzubringen. Keine andere könnte gerade da wachsen, Nährstoff- und Umgebungsangebote lassen nur diese eine zu. Und wie oft erfreut sich der zufällig darauf fallende Blick daran.

Gott sei Dank ist es bei uns Menschen genauso. Noch gehören wir ja zur Natur. Warum fällt es uns dann oft so schwer, unsere Einzigartigkeit zu akzeptieren?


kailash 250Vor langer Zeit plagte Häuptling Norbu vom Amdo-Stamm in der tibetanischen Hochebene ein schwieriges Problem. Er spürte das Ende seiner Zeit, die er unter den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas verbringen durfte, gekommen und somit wurde es höchste Zeit, einen Nachfolger zu finden. Laut den Gesetzen des Stammes musste das jemand sein, der von der Gargya-Blutsverwandtschaft abstammt. Somit kamen nur seine drei Söhne in Frage. Doch welchen sollte er als künftiges Oberhaupt des Stammes einsetzen? Er stellte ihnen eine unmögliche Aufgabe ...


GrabsteinWenn ich mein Leben nochmals leben könnte, würde ich versuchen, mehr Fehler zu begehen. Ich würde nicht immer perfekt sein wollen, würde mich vielmehr die meiste Zeit eher entspannen.

Ich wäre ein wenig ausgefallener, als ich es gewesen bin, kurzum:


Eine Geschichte von Selma Lagerlöf, geringfügig der heutigen Sprache angepasst von Peter Bödeker

MönchEine Räubermutter, welche in einer Räuberhöhle oben im bergigen Göinger Wald im Norden von Dänemark hauste, hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter begeben. Der Räubervater selbst war ein ausgestoßener Mann und durfte den Wald nicht verlassen, sondern musste sich damit begnügen, den Wegfahrenden aufzulauern, die sich trotz der Gefahr in den Wald wagten.

Doch zu der Zeit, als der Räubervater und die Räubermutter ihr Leben in dem Göinger Wald fristeten, gab es im nördlichen Schonen nicht allzu viel Reisende. Wenn es sich also begab, dass der Räubervater ein paar Wochen lang Pech bei seiner Jagd hatte, dann machte sich die Räubermutter auf ihre Wanderschaft. Sie nahm ihre fünf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte zerlumpte Fellkleider und Holzschuhe an und trug auf dem Rücken einen Sack, der gerade so lang war wie das Kind selbst. Diesmal jedoch sollte die Reise das Leben der Räuberfamilie für alle Zeit verändern.


KroneNacherzählt von Peter Bödeker

Der frischgekrönte König von Rikania, seine Hoheit Trubor Dallante, gerade einmal 25 Jahre jung, strebte danach, ein guter und gerechter Herrscher zu werden. Er war überzeugt davon, dass der oberste Führer eines Königreiches nach weisem Rat streben sollte. Aber wie sollte er diesen finden? Wer konnte ihn als Herrscher kompetent beraten?

Die Lehrer des vorigen Königs buhlten wohl um seine Gunst. Doch ihn störte deren Geltungsdrang und er erkannte in ihren Ratschlägen allzuoft die Verstrickungen in die Interessen ihrer Familien. So beschloss er, in seinem Reich auf die Suche nach Weisheit zu gehen. Jedoch fand er zunächst etwas anderes ...


In seiner RadioNotenserie (paul harvey news and comment) "Der Rest der Geschichte" erzählte Paul Harvey (legendärer Radiokommentator) einmal, wie aufrichtige Anerkennung das ganze Leben eines Menschen ändern kann.


Auf dem Hühnerhof erkrankte der Hahn so schwer, dass man nicht mehr damit rechnen konnte, dass er am nächsten Morgen krähen werde. Die Hennen machten sich daraufhin große Sorgen und fürchteten, dass die Sonne an diesem Morgen nicht aufgehe, wenn das Krähen ihres Herrn und Meisters sie nicht rufe.


Der Floh und der Hammel

Allzu leicht denken wir, dass etwas anderes für uns besser wäre als das, was wir gerade haben. Doch wie auch der Floh in der folgenden Geschichte müssen wir uns auf unvorhergesehene Folgen gefasst machen.

Ein Floh, der im geschorenen Fell eines Hundes wohnte, vernahm eines Tages den angenehmen Geruch von Wolle.

"Was ist denn das?" Der Floh machte einen Sprung und bemerkte, dass sein Hund auf dem Fell eines Hammels eingeschlafen war.

"Welch ein Pelz ist das gegen den meines Hundes?!" sprach der Floh. "Er ist dicker und weicher, und vor allem ist er sicherer. Da besteht keine Gefahr, dass mich die Krallen und Zähne des Hundes erwischen und töten. Außerdem wird das Hammelfell sicherlich wohnlicher sein."

Ohne weiter nachzudenken wechselte der Floh seine Behausung.


"Sagen Sie bitte der Firma, ich rufe zurück sobald ich vom Mittagstisch mit dem Kunden zurückkomme."

Ich nickte meinem Chef schnell noch zu und schnappte Lederjacke, Handtasche und Buch. Etwas lauter als gewollt fiel die Bürotür ins Schloss.

Endlich! Ich hätte keine Sekunde länger mehr auf eine Pause verzichten können. Zum x-ten Male dieselben Fragen, dieselben unvernünftigen Fragen und Antworten, Ärger, unterschwellige Unzufriedenheit. Ich konnte halt mal gerade keinen positiven Fuß in die Verhandlungstür bekommen.

In Gedanken versunken durchquerte ich eilig die Bank. Für einen Moment lang schloss ich die Augen und seufzte erleichtert, in der belebten Fußgängerzone in den strahlenden Sommertag eintauchen zu können.

Alles und alle zerrten seit längerem an meinen Nerven. Und heute einmal mehr hatte ich es versäumt "NEIN" zu sagen. Nur heute? Was gäbe ich darum, allen gedanklichen Ballast an den berühmten Nagel zu hängen und einfach nur zu SEIN!

Trotz Sonne fröstelte es mich. Jetzt wie Veronika beschließen zu sterben wie bei Coelho. Würde mir das endlich Ruhe bringen?


Ein Mann ging zu einem Mönch, als dieser in seinem Dorf Rast machte und rief aus. "Gib mir sofort den Stein, den Edelstein!" Der Mönch antwortete: "Von welchem Stein sprichst du". Der Mann sagte: "Heute Nacht ist mir Gott im Traum erschienen und sagte zu mir: Morgen um die Mittagszeit wird ein Mönch durchs Dorf kommen, und wenn er dir den Stein gibt, den er bei sich trägt, wirst du der reichste Mann des ganzen Landes. Also her mit dem Stein!"

Der Mönch kramte in seiner Tasche und zog einen Diamanten hervor. Es war der größte Diamant der Welt, so groß wie ein Kohlkopf. Dann sagte er: "Ist das der Stein, von dem du sprichst? Ich habe ihn im Wald gefunden. Du kannst ihn haben."

Der Mann nahm den Stein und lief nach Hause. Doch als die Nacht kam und er sich schlafen legte, brachte er kein Auge zu. Am nächsten Morgen, zu früher Stunde, ging er an den Ort zurück, an dem der Mönch friedlich unter einem Baum schlief. Er weckte ihn und sagte: "Da hast du deinen Stein wieder. Gib mir lieber den Reichtum, der es dir so leicht macht, den Reichtum wegzuwerfen."

Aus Indien


Eiswasser

Eine der Kurzgeschichten aus der Kindle-Version des Buches: "Strandglut 27 Short(s) Stories" von Nika Lubitsch, eingesandt von Gabriele Juin, mit freundlicher Genehmigung von Frau Lubitsch.

Sie waren alle gekommen, zur großen Party:

Das Leid trug, natürlich, schwarz. Mit einem raffinierten kleinen Spitzenschleier.

Beim Glück konnte man kaum hinsehen, sein goldenes Paillettenkleid funkelte und blitzte im Scheinwerferlicht, dass es in den Augen wehtat.

Die Sorgen machten mal wieder einen auf ernst. Typisch. Mausgraue Anzüge, selbst die Krawatten waren wenig kreativ, dafür aber von erster, teurer Qualität.

Die Freude war ganz in Gelb gehüllt und hatte sich eine riesige Sonnenblume ans Kleid geheftet.

Für den Geschmack vom Ärger ziemlich vulgär. Aber Ärger war nun mal ein bisschen verkniffen. Das sah man schon am dunkelgrünen Anzug.

"Grün, ich bitte Sie, das tragen schließlich nur Versager", flüsterte die Bosheit ihrem Nachbarn, dem Neid, zu.


Ein Kalb entdeckte einen Igel und sprach: "Ich fresse dich!" Der Igel wusste nicht, dass Kälber keine Igel fressen, erschrak, rollte sich ein und fauchte: "Versuch es doch!" Mit erhobenem Schwanz fing das einfältige Kalb an zu hüpfen, stieß mit den Hörnern in die Luft, spreizte die Vorderfüße und beleckte den Igel.

"Oi, oi, oi", brüllte das Kalb und rannte zur Kuh-Mutter und beklagte sich: "Der Igel hat mich in die Zunge gestochen."

Die Kuh hob den Kopf, blickte nachdenklich drein und riss weiter Gras ab. Der Igel indes rollte sich in eine dunkle Höhle unter einer Ebereschenwurzel und meinte fröstelnd: "Ich habe ein riesiges Tier besiegt. Ich muss ein Löwe sein!"

Und der Ruf über die Tapferkeit des Igels eilte bis hinter den blauen See, bis hinter den dunklen Wald. "Wir haben einen Igel, der ist ein Recke*", flüsterten ängstlich die Tiere.

Leo Tolstoi, russischer Schriftsteller, 1828 - 1910

*Ein Recke ist ein kampferprobter und kühner Krieger.


Ein vor Jägern fliehender Fuchs fand, nachdem er lange in der Wildnis herumgelaufen war, endlich einen Holzhacker und bat denselben inständig, ihn doch bei sich zu verbergen. Dieser zeigte ihm seine Hütte, worauf der Fuchs hineinging und sich in einem Winkel versteckte. Als die Jäger kamen und sich bei dem Manne erkundigten, so versicherte dieser zwar durch Worte, er wisse nichts, deutete aber mit der Hand nach dem Orte hin, wo der Fuchs versteckt war. Allein die Jäger hatten nicht darauf geachtet und entfernten sich sogleich wieder. Wie nun der Fuchs sie fortgehen sah, ging er wieder heraus, ohne etwas zu sagen; und als der Holzhacker ihm Vorwürfe machte, dass er ihm, durch den er doch gerettet worden sei, keinen Dank bezeuge, drehte sich der Fuchs nochmals um und sprach: "Ich wüsste dir gerne Dank, wenn die Werke deiner Hand und deine Gesinnung mit deinen Reden im Einklange ständen."

Die Fabel geht diejenigen an, die zwar die Rechtschaffenheit im Munde führen, durch ihre Handlungen aber das Gegenteil an den Tag legen.  

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Ein Holzhacker kam in einen Wald und bat ihn um die Erlaubnis, etwas Holz zu einem Stiel für seine Axt abhauen zu dürfen.

Der Wald bewilligte es, bald aber hatte er Ursache, seine Entscheidung zu bereuen. Der Holzhacker bediente sich nun seiner Axt, große Äste von den Bäumen abzuhauen und beraubte so den Wald seiner vornehmsten Zierde. Der gute Wald konnte es nicht verwehren, denn er hatte dem Holzhauer die Waffe selbst in die Hände gegeben.

Es bedienen sich Undankbare oft der empfangenen Wohltaten gegen ihre Wohltäter.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

 


Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm.

Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in einem Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass.

Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur.

Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen.

"Was machst du da?" fragte der Vater. "Ich mache ein Tröglein", antwortete das Kind, "daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin."

Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen an zu weinen, holten den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Aus der Märchensammlung der Brüder Grimm, basiert auf Johann Michael Moscheroschs Mahngedicht Kinderspiegel von 1643


Ein Vogelsteller hatte viele Köstlichkeiten geschickt auf seinem Herd ausgebreitet und einen Lockvogel dazugesetzt, der vortrefflich singen konnte

Die Vögel in der Nachbarschaft hörten diesen Gesang, flogen herbei und sprachen: "Was hier für ein Überfluss von Speisen daliegt! Und wie freundlich uns unser Geselle, dem selbst so wohl ist, dazu einlädt! Wir wollen diese Gelegenheit benützen!"

Kaum hatten sie zu fressen angefangen, so fiel das Garn, und sie verloren Freiheit und Leben.

Ein Vogel nur hatte sich entfernt gehalten, und der Lockvogel rief ihm zu: "Wer hat dich allein so klug gemacht, dass du nicht näher kommst?"

"Eine einfache Lehre meines Vaters! - Sohn, sagte er oft, wenn man dir einen Vorteil zeigt, gar so groß und gar so leicht zu erlangen, so hüte dich, denn gemeiniglich liegt Betrug im Hinterhalte."

August Gottlieb Meißner, deutscher Universitätsprofessor, Schriftsteller, 1753 - 1807


Ein Fuchs schlich sich an einen Weinstock heran. Sein Blick hing sehnsüchtig an den dicken, blauen, überreifen Trauben. Er stützte sich mit seinen Vorderpfoten gegen den Stamm, reckte seinen Hals empor und wollte ein paar Trauben erwischen, aber sie hingen zu hoch. Verärgert versuchte er sein Glück noch einmal. Diesmal tat er einen gewaltigen Satz, doch er schnappte nur ins Leere. Ein drittes Mal sprang er aus Leibeskräften - so hoch, dass er auf den Rücken fiel. Nicht ein Blatt hatte sich bewegt. Der Fuchs rümpfte die Nase: "Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben." Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

Die Reaktion des Fuchses bezeichnen wir heute als Auflösung von kognitiver Dissonanz. Um dies zu tun, hat der Fuchs drei Möglichkeiten:

  • Er schafft es doch noch, die Trauben zu holen
  • Er erkennt, dass seine Fähigkeiten dazu nicht ausreichen
  • Er interpretiert um (dieses Vorgehen wählt der Fuchs in dem Fall)

von Christian Fürchtegott Gellert, deutscher Dichter, 1715 - 1769

Vorzeiten gab's ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er red'te,
Nicht, wenn er ging, gehinkt hätte;
Denn beides hielt man für galant.
Ein Fremder sah den Übelstand;
Hier, dacht er, wird man dich
im Gehn bewundern müssen,
Und ging einher mit steifen Füßen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn,
Und jeder blieb vor Lachen stehen,
Und schrie: "Lehrt doch den Fremden gehen!"

Der Fremde hielt's für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
"Ihr", rief er, "hinkt; ich aber nicht:
Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!"
Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande.

Gewohnheit macht den Fehler schön,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wird's ein Kluger wagen
Und, dass wir töricht sind, uns sagen
Wir selber halten ihn dafür,
Bloß, weil er klüger ist als wir.

Gellert galt zeitlebens als meistgelesener deutscher Schriftsteller.


Zwei Freunde gelobten sich gegenseitig, sich in allen Fällen treu beizustehen und Freud und Leid miteinander zu teilen. So traten sie ihre Wanderschaft an.

Unvermutet kam ihnen auf einem engen Waldwege ein Bär entgegen. Vereint hätten sie ihn vielleicht bezwungen. Da aber dem einen sein Leben zu lieb war, verließ er, ebenso bald vergessend, was er kurz vorher versprochen hatte, seinen Freund und kletterte auf einen Baum. Als sich der andere nun verlassen sah, hatte er kaum noch Zeit, sich platt auf den Boden zu werfen und sich tot zu stellen, weil er gehört hatte, dass der Bär keine Toten verzehre.

Der Bär kam nun herbei, beleckte dem Daliegenden die Ohren, warf ihn mit der Schnauze einige Male herum und trabte dann davon, weil er ihn für tot hielt.

Sobald die Gefahr vorüber war, stieg jener vom Baume herab und fragte seinen Gefährten voll Neugierde, was ihm der Bär zugeflüstert habe?

"Eine vortreffliche Warnung", antwortete dieser, "nur schade, dass ich sie nicht früher gewusst habe."

Man solle sich nicht mit Menschen einlassen, die ihre Freunde in der Not verlassen.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Es lief ein Hund durch einen Strom und hatte ein Stück Fleisch im Maul; als er aber das Spiegelbild vom Fleisch im Wasser sah, dachte er, es wäre auch Fleisch, und schnappte gierig danach. Als er aber das Maul auftat, entfiel ihm das Stück Fleisch, und das Wasser trug es weg; also verlor er beides: das Fleisch und das Spiegelbild.

Martin Luther, deutscher Reformator, 1483 - 1546


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Die Abendsonne beschien mit goldenen Strahlen eine riesige Fichte, die an einer felsigen Berghalde stand. Ihr stachliges Laub prangte im schönsten Grün, und ihre Äste waren wie mit Feuer übergossen und glänzten weit sichtbar. Sie freute sich über ihren Glanz und meinte, all diese Herrlichkeit gehe von ihr selbst aus und sei ihr eigener Verdienst, so dass sie eitel wurde. Prahlend rief sie: "Seht her, ihr anderen Gewächse und Geschöpfe, wo erscheint eines in solcher Pracht wie ich edle Fichte? Gewiss, ihr seid zu bedauern, dass euch der Schöpfer nicht schöner geschmückt hat." 

Das hätte sie nicht rufen sollen.


Es war einmal ein Mann, der auf seiner Reise mitten im Gebirge von der Dunkelheit überfallen wurde. Er suchte im Stamm eines hohlen Baumes Obdach. Gegen Mitternacht versammelten sich Elfen auf dem freien Platz vor dem Baum, und der Mann, aus seinem Versteck hervorlugend, geriet vor Schreck außer sich.


Missmutig über den Tod seiner Erschlagenen, neigte ein siegender König sein Haupt gegen den Boden. Ein Schmeichler, der merkte, was den Fürsten drückte, zeigte ihm zahllose am Boden liegende Blätter unter einer Linde und fragte den König: "Werden diese nicht wieder wachsen?"

Das empörte einen edlen Mann, der neben ihm stand. Dieser führte den König in das Dickicht des Waldes, zeigte ihm tausend vom Sturme niedergestürzte Tannen und sagte zu ihm: "Werden denn diese auch wieder wachsen?"

Johann Heinrich Pestalozzi, schweizer Pädagoge und Sozialreformer, 1746 - 1827


Der Hase mit den Hörnern (Fabel)Ein Häschen tummelte sich ausgelassen an einem wunderschönen Sommermorgen auf einem freien Plätzchen, das von dichtem Buschwerk umgeben war. Hier fühlte es sich sicher. Vergnügt hopste es über ein paar Heidebüschel, sauste übermütig im Kreis umher und wälzte sich mit Wohlbehagen im sonnengewärmten Sand. Es zersprang fast vor Lebenslust und wusste vor Glück nicht wohin mit seinen Kräften.

Aber plötzlich duckte es sich blitzartig in einer kleinen Erdmulde nieder. Ein Hirsch setzte über die Büsche hinweg, und gleich darauf folgte ein Widder. Danach trampelte auch noch ein schwerer Stier respektlos quer durch das sonnige Morgenreich des kleinen Häschens.

"Unverschämte Bande", kreischte das Häschen, "mir meinen schönen Morgen so zu verderben!" Kaum hatte es sich wieder aufgerappelt, sprang eine Ziege über die Sträucher. "Halt", schrie das Häschen, "was soll das bedeuten, wo läuft ihr denn alle hin?"


elephant apix

Er war nicht der Klügste seiner Art. Er bekam aber wegen des Ansehens, das er unter den Tieren seines kleinen Bezirks hatte, einen so guten Namen, dass ihn die Tiere des großen Landes baten: "Werde unser König!"

Er wollte anfangs nicht und sagte: "Ich will bei meinen Tieren leben und sterben." Aber auch diese baten ihn: "Nimm die Ehre an und werde ein König."

Endlich war er bereit und tat es, aber die Folgen waren fatal.


Das kranke Bäumchen (Fabel)Sein Vater hatte es gepflanzt es wuchs mit ihm auf, es liebte es wie eine Schwester und wartete seiner wie seiner Kaninchen und seiner Schäfchen.

Aber das Bäumchen war krank; täglich welkten seine Blätter. Das gute Kind jammerte; riß ihm täglich die welkenden Blätter von seinen Zweigen und goß dann auch täglich gutes, nährendes Wasser auf seine Wurzeln.


Eine Ballade von Ernst Moritz ArndtUnd die Sonne machte den weiten Ritt um die Welt,
Und die Sternlein sprachen: "Wir reisen mit
Um die Welt";
Und die Sonne, sie schalt sie: "Ihr bleibt zu Haus!
Denn ich brenn euch die goldnen Äuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt."
Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen: "Du, der auf Wolken thront
In der Nacht,
Lass uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein,
Er verbrennet uns nimmer die Äugelein."


Der Wolf und der Kranich (von Aesop)Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, dass ihm ein Knochen im Rachen stecken blieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde. Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung.

"Wie?" höhnte der Wolf, "du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, dass du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, dass du noch lebest!"

Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Arbeite! (von Émile Zola)Arbeite! Das ist das einzige Gebot auf dieser Welt! Jeder soll seine Aufgabe erfassen und diese soll sein Leben ausfüllen. Es kann eine ganz bescheidene Aufgabe sein, aber sie ist deswegen doch etwas Nützliches und Wertvolles. Es kommt nicht darauf an, worin sie besteht, wenn sie nur da ist und aufrechterhält. Wenn du sie ausführst, ohne das Maß dabei zu überschreiten, gerade so viel als du jeden Tag leisten kannst, dann wirst du gesund und froh leben.

Émile François Zola, französischer Schriftsteller und Journalist, 1840 - 1902


Die Stute und der Ackergaul von TolstoiEine hübsche Stute war Tag und Nacht auf der Weide und nie vor dem Pflug; ein Ackergaul aber weidete nur des Nachts und musste tagsüber pflügen.

Die Stute sagte zum Ackergaul: "Warum rackerst du dich so ab? Ich an deiner Stelle würde einfach nicht hingehen. Und wenn dir der Bauer mit der Peitsche kommt, komm du ihm mit deinen Hufen!"


Ein Zwerg wollte hoch scheinen; dafür setzte er sich auf das höchste Roß, das im Lande war. Ein Bauer, der ihn antraf, glaubte, es sitze ein Kind auf diesem Rosse und sagte zu ihm: "Du hast gewiss keinen Vater daheim, dass man dich auf das höchste Roß setzt. Komm, ich will dir herunterhelfen; du könntest sonst zu Tode fallen."

Man denke sich jetzt die Augen des Zwergs, aber auch das Lachen des Bauers, da er sah und erkannte, wen er vor sich hatte.

Johann Heinrich Pestalozzi, schweizer Pädagoge und Sozialreformer, 1746 - 1827


Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche herum.


pfeile gruen 564

Einst gab es einen großen König, der war auch ein meisterhafter Krieger. Er war stolz darauf, dass ihn keiner besiegen konnte. Doch eines Tages, bei einer Jagd, sah er etwas, das ihm seine Zuversicht nahm.

Der König starrte auf einen Pfeil, der genau im Zentrum einer winzig kleinen Zielscheibe steckte, welche auf einen Baum aufgemalt war. Der König wusste aus seiner Ausbildungszeit, dass ein solcher Schuss extrem schwierig war. Er würde nie einen solch perfekten Pfeil schießen können. Da war er sich sicher.

"Wer war dies?", frage der König spontan. Gleichzeitig überkam ihn eine Angst, dass sich der Schütze irgendwo verborgen hielt und vielleicht gerade auf ihn zielte. Mit solch einer Fähigkeit würde er ihn von großer Distanz mühelos treffen.

Als der König zurück in den Palast kam, sendete er einen ganzen Trupp aus, diesen Krieger zu suchen und zu finden. Die Männer gaben sich alle Mühe und durchsuchten den gesamten Wald, doch sie entdeckten keine Spur von dem Unbekannten.

Und es kam schlimmer.


 
 

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