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Wie Madame Butault und Miss Rose mit der verborgenen Inschrift eines Geschenkes zu ihrem inneren Frieden fanden.

Miss Rose erlebt es als zutiefst zufriedenstellend, dass sie Jahrzehnt für Jahrzehnt immer ausgeglichener wird. Doch auch sie kennt gute und schlechte Perioden. An manchen Tagen erwacht sie voller nervöser Unrast, geplagt von innerer Unruhe und Unzufriedenheit. Dann kann es passieren, dass sie Hals über Kopf ihr momentanes Zuhause verlässt und so lange weiter stromert, bis sie ein neues Heim gefunden hat. Oder sie gerät mit der nächstbesten Katze in einen Streit, der oft erst nach verheerenden Verletzungen auf beiden Seiten ein Ende findet. Katzenleben pur. An eine erfolgreiche Jagd ist an diesen Tagen nicht zu denken - es ist ihr völlig unmöglich, in solcher Verfassung lange Zeit regungslos vor einem Mäuseversteck zu verharren.

Immer, wenn Miss Rose von Phasen innerer Missstimmung überwältigt wird, erinnert sie sich an die Geschichte von Madame Butault und dem Spruch auf ihrem Armreif:

Eines Tages lebte Miss Rose bei der 40-jährigen Krankenschwester Madame Butault. Diese ging seit über 20 Jahren tagtäglich ihren Pflichten in der städtischen Fraternite-Klinik nach.

Sie hatte in ihrem Beruf unzähliges Leid mitbekommen, miterlebt und mitgefühlt. Besonders schlimm war es für sie, wenn Kinder von unheilbaren Krankheiten befallen wurden. Aber auch die 60-jährige Lungenkrebspatientin hat eigentlich mit zwei Jahrzehnten mehr Lebenszeit gerechnet und fällt in ein tiefes Tal bei Verkündung einer solchen Diagnose. Madame Butault litt stets mit.

Doch die Krankenschwester liebte ihren Beruf. Das lag an all der Dankbarkeit, die ihr von den Patienten entgegengebracht wurde. An Zeiten des Triumphs, wenn jemand mit vagen Chancen das Krankenhaus geheilt verließ. An den Gesprächen mit den glücklichen Angehörigen. Und daran, dass sie ihren Teil dazu beitragen durfte.

Diese Wechselbäder der Gefühle machten Madame Butault in der letzten Zeit immer stärker zu schaffen. Sie fand einfach nicht mehr wie früher zu innerer Ruhe und fühlte sich schon am Morgen so müde, wie sie es noch vor wenigen Jahren erst am späten Abend empfunden hatte. Auch an den freien Wochenenden dachte sie an ihre Patienten, daran, was sie in der zurückliegenden Woche versäumt hatte oder was sie am Montag sofort nachholen würde.

Im selben Ort wie Madame Butault wohnte ein betagtes Muttchen. Dieses lebte alleine in einem reetgedeckten Haus, etwas abgelegen, direkt am Waldrand. Beide Frauen hatten sich kennengelernt, als die alte Dame wegen eines Rückenleidens für einige Tage unter Madame Butaults Obhut im Krankenhaus verweilen musste. Seitdem besuchte Madame Butault die alte Frau regelmäßig, kaufte hin und wieder für sie ein. Beide genossen die gemeinsamen Gespräche.

So bekam die alte Frau natürlich auch mit, wie sich Madame Butault das Auf und Ab des Lebens immer mehr zu Herzen nahm. Eines Tages stand sie unangemeldet in der Tür und überreichte Madame Butault ein kleines Kästchen aus Holz.

"Ein Geschenk? Für mich?", Madame Butault strahlte.

In dem Kästchen befand sich ein silberner Armreif, er wirkte alt und wertvoll. Madame Butault streifte das Schmuckstück über und hob wohlgefällig prüfend die Hand.

Das alte Muttchen lächelte und sprach: "Ich habe lange überlegt, ob ich dir dieses Kästchen schenken darf. Denn es war selbst ein Geschenk an mich. Einst ging es mir nämlich wie dir, mein Leben pendelte hin und her und ich fand einfach nicht mehr in meine Mitte. Zufriedenheit, Gelassenheit ... das hatte ich damals schon lange nicht mehr empfunden. Entweder ich war vorbehaltlos begeistert oder lag weinend in der Küche.

In dieser Zeit klagte ich mein Leid einer alten Kräuterfrau, die zuvor in meinem jetzigen Haus gewohnt hat. Sie schenkte mir daraufhin diesen Armreif. Es ist mehr an ihm dran, als du auf den ersten Blick siehst."

Fragend schaute sich Madame Butault das Kleinod an. Es war fein verziert und würde nach einer Politur sicher wie neu glänzen - doch was sollte so besonders an diesem Reif sein?

Das alte Muttchen grinste und klärte ihre deutlich jüngere Freundin auf: "Auf der Innenseite verbirgt sich eine Botschaft. Sie hilft dir dabei, in den Stürmen des Lebens zu deiner inneren Ruhe zu finden."

Madame Butault wollte gleich nachsehen, doch die alte Frau hielt ihren Arm fest. "Warte! Die Botschaft entfaltet erst ihre Kraft, wenn du sie wirklich brauchst. Erst dann darfst du sie lesen. Versprich es mir." Das tat Madame Butault.

So gingen einige Tage ins Land, ohne dass sie die Botschaft des Armreifes gelesen hatte. Doch dann kam wieder einer dieser Tage. Erst starb morgens ein kleiner Junge an Blutkrebs und am Nachmittag musste sie ein junges Elternpaar trösten, das gerade erfahren hatte, dass ihr kleines Mädchen wohl bis zu ihrem 12. Lebensjahr völlig erblinden würde.

Madame Butault war völlig fertig. Sie schaute Miss Rose an und grinste traurig: "Was meinst du, jetzt wäre doch der Moment gekommen, die Botschaft zu lesen, oder?"

Neugierig erhob sich Miss Rose aus ihrem Körbchen und sprang gespannt auf den Schoß von Madame Butault. Diese nahm den Reif ab und drehte ihn so, dass die Inschrift auf der Innenseite erkennbar wurde. Beide lasen zusammen den Spruch, der mit geschwungenen Lettern in das Silber eingraviert war:

"Auch dies geht vorbei"

Madame Butault sackte in ihrem Sessel zurück. Miss Rose beobachtete, wie sich ihre Gesichtszüge entspannten. Ein Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab, ganz zart nur. Aber der Spruch schien zu wirken.

Einige Tage später kam Madame Butault voller Schwung zur Tür herein. Miss Rose wäre vor Schreck fast von der Sofakante gefallen. Ihr damaliges Frauchen sprudelte los: "Stell dir vor, Miss Rose, ich bin heute zur Sprecherin der Krankenschwestern und Pfleger unseres Hauses ernannt wurden. Alle hatten ein Vorschlagsrecht und ich wurde von drei Viertel der Leute genannt. So etwas hätten sie noch nie erlebt, hat die Chefin gesagt. Und du glaubst gar nicht, wie die mich gelobt haben. Sogar die griesgrämige Maren, die sonst nie für jemanden ein gutes Wort übrig hat, sagte mir, dass sie in mir schon immer ein Vorbild sah. In mir, stell dir das vor!"

Madame Butault überlegte. "Komm", rief sie Miss Rose zu und wirbelte zur Tür, "wir wollen das alte Muttchen am Waldrand besuchen. Sie muss von dieser Geschichte erfahren."

Die alte Frau hörte sich lächelnd die begeisterte Schilderung der Sprecher-Wahl von Madame Butault an. Dann legte sie ganz zart ihre Hand auf deren Arm und sagte: "Weißt du, der Spruch des Ringes ist nicht nur für schlechte Zeiten gedacht. Die Kräuterfrau hat mich damals ermahnt, ihn auch in guten Zeiten zu bedenken."

Miss Rose erstarrte. Kurz zeichnete sich eine Falte zwischen Madame Butault Augenbrauen ab. Doch dann glättete sich ihr Gesicht wieder wie beim ersten Lesen des Armreif-Spruches.

Miss Ross muss heute noch über den raschen Wandel im Gesicht von Madame Butault nach der Ermahnung der Alten schmunzeln. Für sie liegt viel Wahrheit in dem Spruch der alten Kräuterfrau. "Auch dies geht vorbei" - Diese Worte waren Miss Rose nicht nur Trost in unzähligen traurigen Zeiten gewesen, nein, auch in glücklichen Momenten gemahnte sie sich der Weisheit, dass auch dies vorbei gehen würde. Sie schätzte das Gute seitdem umso mehr, bewahrte sich aber eine innere Unabhängigkeit. Miss Rose war jederzeit bereit, von etwas loszulassen. Sie klammerte sich weder an die schönen Dinge, noch bliebt sie unnötig lange bei den traurigen Geschehnissen.

Die unsterbliche Katze streckte sich und beschloss, trotz ihrer schlechten Laune einen Spaziergang zu unternehmen. Denn vielleicht würde ihre üble Stimmung schon währenddessen einfach "vorbeigehen".

(Nach-)Erzählt von Peter Bödeker

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