Vom Wert des Wartens

Ein junger Bauer wollte einst seine Liebste treffen. Er war - ganz aufgeregt - viel zu früh am vereinbarten Treffpunkt. Das Warten war nicht seins. Er hatte keinen Blick für den Sonnenschein, für den Frühling oder die Vielfalt der Blumen. Voller Ungeduld knallte er sich unter einen Baum. Er haderte - mit sich und der Welt dort draußen.

Mit einen Mal stand ein graues Männlein vor ihm und fragte: "Ich weiß, wo dein Problem liegt ...

Nimm diesen Knopf und nähe ihn an deine Jacke. Wenn du dann in Zukunft auf etwas wartest und du es nicht abwarten magst, dann brauchst du nur diesen Knopf ein wenig nach rechts zu drehen, und du überspringst die Wartezeit bis dahin, wohin du willst."

Der Bauer griff sofort zu und drehte den Zauberknopf. Schon stand seine Liebste vor ihm. Sie lachte. Der Bauer drehte abermals und ruckzuck saßen sie an der Hochzeitstafel. Er sah seiner Frau in die Augen, sagte: "Wenn wir doch bereits alleine wären ..." und dreht wieder am Knopf.

"Wenn unser Haus doch schon fertig gebaut wäre ..." Er drehte. "Wenn die Kinder da wären ..." Er drehte. Immer wieder kam ihm etwas Neues in den Sinn und er drehte und drehte. Er konnte es nicht erwarten.

Drehend sprang das Leben an ihm vorbei. Ehe er sich versah, war der junge Bauer ein alter Mann auf dem Sterbebett. Da merkte er, dass er mit seiner Zeit schlecht gewirtschaftet hatte.

Er erkannte schmerzerfüllt, dass das Warten im Leben von großem Wert ist. Und er wünschte sich die Zeit zurück.

Nach einer Geschichte von Heinrich Spoerl, sprachlich angepasst 

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Kommentare  

Martina
#1 Martina 2016-08-13 05:57
Wie wahr ... welch traurige und gleichzeitig lehrreiche Geschichte.
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Tobias
#2 Tobias 2016-08-13 06:45
Danke für die Geschichte! Ich muss mich dazu auch immer wieder anhalten. Mein Wunsch: Die Zeit zwischen den "großen", freudigen Ereignissen möchte ich besser nutzen und bewusster wahrnehmen. Lg Tobi
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Günter
#3 Günter 2016-08-13 10:04
Warum gerade ein Bauer,
Ich kenne nur Bauern, Landwirte und Gärtner,
die jeden geduldig aussäten und duldsam auf das Ernten warteten.

Ungeduld habe ich meistens bei Handwerkern, Kaufleuten usw kennen gelernt.
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Robert
#4 Robert 2016-08-18 04:26
Hallo Günter,

Erfrischend anregend, Deine Anmerkung, ich kenne als Handwerker Auftraggeber die versuchen an mehreren solchen Knöpfen gleichzeitig zu drehen....:-), wenn mancher dabei nur wüsste was er will.....
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Günter
#5 Günter 2016-08-23 08:56
Moin,Robert
Als Gärtner hatte ich es manchmal etwas einfacher.
aber je näher wir dem Jahr 2000 kamen, desto eiliger hatten es meine Kunden, das ihr Garten sofort fertig wurde, so dass nicht mehr Jahres-Zeit-mäß ig gearbeitet wurde.
Die Kunden wurden immer ungeduldiger und eine 50-60 Stunden Woche war oft die Regel.
aber was solls, ich habe alles gut überstanden. Jetzt habe ich die Zeit das ich mich um mich kümmere, wenn ich will
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