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Miss Rose lebte einst bei einem alten Professor, der kurz vor seiner Rente stand. Er gab seit einigen Jahren unentgeltlich ein Seminar für Studenten, die nicht wissen, wohin die Reise in ihrem Leben gehen soll. Er wollte den jungen Menschen bei der Orientierung auf ihrem Weg helfen. Die Zusammenkunft fand immer die ersten vier Samstage im Semester statt, Beginn 14 Uhr, in der Stube des Professors.

Der private Kurs wurde als Geheimtipp an auserwählte Freunde auf dem Campus weiter empfohlen. Die Plätze waren streng rationiert, mehr als 20 Sterbliche passten einfach nicht in die Stube des Professors.

Heute war es wieder soweit, die erste Stunde des Seminars stand an. Die jungen Frauen und Männer waren vollzählig im Wohnzimmer eingetroffen und tuschelten aufgeregt miteinander. Keiner von ihnen wusste, welche Inhalte dieser Workshop haben würde und wie der "Meister", wie die Studenten den Professor liebevoll nannten, ihnen bei ihren Fragen helfen könnte. Miss Rose lag neugierig oben auf dem Regal hinter dem Kamin. Sie fragte sich, warum diese Zusammenkunft so beliebt war.

Endlich betrat der Professor sein Wohnzimmer. Er blickte lächelnd in die Runde und begann ohne Umschweife mit einer Geschichte:

Eine zierliche Baumelfe hatte einst Mitleid mit einem jungen Studenten namens Tobias, der einfach nicht wusste, was er aus seinem Leben machen sollte. Vielseitig begabt, standen ihm viele Wege offen, doch welchen sollte er gehen? Voller Verzweiflung vertraute er sein Leid einer riesigen Buche an, in deren Wipfeln die Elfe ihr Zuhause hatte.

"Vielleicht hat er ja einfach nur Angst davor, dass der Weg, den er einschlägt, scheitern könnte", überlegte die kleine Elfe. "Diese Angst kann ich ihm nehmen."

Sprach's und offenbarte sich dem jungen Mann: "Hallo Tobias, ich komme, um dir zu helfen. Ich kenne eine Fee, die dir das Gelingen eines Lebenszieles garantieren kann." Dann schnippte sie mit den Fingern und beide standen vor einer alten Hütte, die direkt an einen wild wuchernden Wald grenzte.

Auf das Klopfen der Elfe öffnete eine alte Frau mit grauem, langem Haar die quietschende Eingangstür. In ihrer rechten Hand trug sie einen weißen Ebenholzstab.

Sie schien Bescheid zu wissen und begrüßte die Ankömmlinge mit den Worten: "Hallo Tobias. Wie du schon gehört hast, kann ich dir heute ein Lebensziel erfüllen. Komm, ich zeige dir, was dir alles offensteht."

Tobias bückte sich beim Hineingehen und staunte über die Größe der Hütte im Inneren. Die Fee schritt in einen Gang, der sich endlos in die Tiefe der Klause erstreckte.

Bei der ersten Tür blieb sie stehen. "Hier ist der Raum der Wirtschaft, Tobias. Wenn du dich für diese Tür entscheidest, wirst du große geschäftliche Erfolge in deinem Leben feiern. Du wirst tausende Angestellte haben, und weltweit Märkte erobern."

"Das ist toll", sagte Tobias, "aber ich würde gerne noch die anderen Möglichkeiten kennenlernen."

"Aber gerne", strahlte die Fee und ging zum nächsten Raum. "Hier ist der Raum des Ruhmes. Wenn du dich für diesen Weg entscheidest, wirst du auf der ganzen Welt bekannt sein und du wirst Millionen von Fans haben."

Tobias dachte darüber nach. Einmal so berühmt wie Ed Sheeran, dann würden ihm die Frauen zu Füßen liegen. Überall würde man ihm mit großem Respekt begegnen. "Das ist auch toll", sagte er zu der Fee, "doch ich würde gerne auch noch die anderen Räume sehen."

Sie gingen weiter. Der nächste Raum nannte sich Reichtum. "Wenn du durch diese Tür gehst, wirst du dein Leben lang viel Geld haben. Egal, was du tust."

Mit Geld kann ich mir alles ermöglichen, die ganze Welt steht mir offen, überlegte Tobias. Das wäre es! Doch ihm kamen auch Zweifel: Geld und Glück sollen ja zwei verschiedene Dinge sein. Vielleicht sollte er sich doch noch die restlichen Räume anschauen.

So gingen sie von Raum zu Raum. Überall ergaben sich andere, tolle Lebenswege. Von Weisheit bis Sportskanone war alles dabei.

Schließlich kamen sie an das Ende des Ganges. "Nun entscheide dich, Tobias. Welchen der Räume möchtest du betreten?"

Tobias hatte noch keine Wahl getroffen. Ihm war bewusst geworden, dass er sich bei Wahl eines Lebensweges viele andere Möglichkeiten verbaute. "Bitte lasse mir noch ein wenig Zeit", bat Tobias, "damit ich mir meinen Wunsch gut überlegen kann."

Da blitzte es und Tobias saß wieder neben der kleinen Elfe unter der gewaltigen Buche. Das kleine Zauberwesen schaute ihn traurig an und meinte: "Armer Tobias. Ihr Menschen seid schon ein komisches Volk. Ihr wisst einfach nicht, was ihr euch wünschen sollt oder ihr wollt etwas, aber dafür nicht auf etwas anderes verzichten. So schiebt ihr eure Entscheidungen immer weiter auf, bis es zu spät ist. Wenn ihr aber wisst, was ihr wollt, steht euch die Welt offen."

In der Stube des Professors war es mucksmäuschenstill.

(Nach-)erzählt von Peter Bödeker

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