Aesop - die Fabeln eines Sklaven und Dichters

Aesop war griechischer Sklave und Fabeldichter und lebte um 550 v. Chr. Um ihn ranken zahlreiche Legenden und spannende Geschichten. Er gilt als Begründer der europäischen Fabeldichtung.

Hier eine Sammlung seiner besten Fabel, wobei wir viele davon sprachlich angepasst haben. Eine Fabeln sind sogar vertont. Weitere großartige Quellen sind Wikipedia  und die Sammlung auf Gutenberg.de von Spiegel-Online.

 
 

  • Eine Mücke forderte mit den übermütigsten Worten einen Löwen zum Zweikampf heraus: "Ich fürchte dich nicht, du großes Ungeheuer", rief sie ihm zu, "weil du gar keine Vorzüge vor mir hast; oder nenne sie mir, wenn du solche zu haben glaubst; etwa die, dass du deinen Raub mit Krallen zerreißest und mit Zähnen zermalmest? Jedes andere feige Tier, wenn es mit einem Tapferen kämpft, tut dasselbe, es beißt und kratzt. Du sollst aber empfinden, dass ich stärker bin als du!" Mit diesen Worten flog sie in eines seiner Nasenlöcher und stach ihn so sehr, dass er sich vor Schmerz selbst zerfleischte und sich für überwunden erklärte.

    Stolz auf diesen Sieg flog die Mücke davon, um ihn aller Welt auszuposaunen, übersah aber das Gewebe einer Spinne und verfing sich in demselben. Gierig umarmte die Spinne sie und sog ihr das Heldenblut aus. Sterbend empfand die Mücke ihre Nichtigkeit, indem sie, die Besiegerin des Löwen, einem so verächtlichen Tiere, einer Spinne, erliegen musste.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • wilder hund 564 apix2

    Eisig jagte der Wind über die Felder und das Land lag seit vielen Wochen unter einer mächtigen Schneedecke. Zugefroren waren Bäche und Weiher. Das Leben schien erstarrt.

    Zum Schutz vor der Kälte hatte sich ein wilder Hund in einer Höhle verkrochen und er fror jämmerlich. Immer wieder stand er zitternd auf und rollte sich ein wenig mehr zusammen. Die Augenlider des entkräfteten Hundes begannen sich für immer zu schließen. Dem Tode nahe flüsterte er vor sich hin: "Wenn es doch nur Sommer wäre. Wenn es nur wieder warm wäre. Überlebe ich, will ich eine Hütte bauen, damit ich im nächsten Winter nicht so frieren muss." 

    Der wilde Hund überlebte, und als der Sommer mit seiner wohltuenden Wärme da war, hatte er seinen Vorsatz vergessen. Er lag in der Sonne, reckte und streckte sich, blinzelte behaglich in die Sonne und dachte nicht mehr an den letzten, fast tödlichen Winter. Er dachte nicht mehr daran, sich eine Hütte zu bauen.

    Der nächste Winter kam. Erneut war er bitterkalt und der wilde Hund erfror.

    blueprints-Fazit: Vergesse nicht, dich in guten Zeiten für die schlechten zu rüsten.

    Nach der Fabel "Der wilde Hund" des griechischen Sklaven und Fabeldichters Aesop, der um 550 v. Chr. lebte, sprachlich angepasst von Michael Behn

  • Der Fabeldichter Aesop war in seiner Jugend Sklave.

    Eines Tages befahl sein Herr, dass die Sklaven sich für eine längere Reise mit dem notwendigen Gepäck beladen sollten. Aesops Blick erspähte einen hoch mit Broten gefüllten Korb, der das schwerste Stück der Lasten war und lief gleich darauf zu, um sich seiner zu bemächtigen.

    Die anderen, die nach leichten Bürden suchten, lachten ihn wegen seiner Unklugheit aus. Der Spot hörte auch auf dem Marsch nicht auf, als sie sahen, wie der kleine, noch obendrein verkrüppelte Aesop unter seinem schweren Korb keuchte, während die heiße kleinasiatische Sonne auf ihn hernieder brannte.

    Als der Mittag kam, rastete man. Alle fielen über den Brotkorb her, der dank dem Hunger der erschöpften Sklaven rasch um vieles leichter wurde.

    Nun dämmerte es manchem, wie klug der Verspottete gehandelt hatte, und als nach dem Nachtmahl der Korb völlig leer gegessen und die Reise noch lange nicht beendet war, hatten das Lachen und der Spott ganz aufgehört und alle beneideten Aesop darum, dass er nur noch einen leeren Korb zu tragen hatte.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Von zwei Hähnen, welche um Hennen miteinander kämpften, behielt der eine die Oberhand über den andern. Der Überwundene zog sich zurück und verbarg sich an einem dunklen Orte; der Sieger aber flog aufwärts, stellte sich auf eine hohe Wand und krähte mit lauter Stimme. Da schoss jählings ein Adler herab und nahm ihn mit sich fort. Nunmehr kam der Versteckte ungehindert wieder aus seinem Unterschlupf hervor und gesellte sich zu den Hennen.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Ein Fuchs sah einen Eber seine Hauer an einem Eichstamme wetzen und fragte ihn, was er da mache, da er doch keine Not, keinen Feind vor sich sehe?

    "Wohl wahr", antwortete der Eber, "aber gerade deswegen rüste ich mich zum Streit; denn wenn der Feind da ist, dann ist es Zeit zum Kampf, nicht mehr Zeit zum Zähnewetzen."

    Bereite dich im Glück auf das künftige Unglück, sammle und rüste in guten Tagen auf die schlimmern.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Ein Ochsentreiber fuhr mit einem Wagen, welcher mit Holz schwer beladen war, nach Hause.

    Als der Wagen im Moraste stecken blieb, flehte sein Lenker, ohne sich selbst auch nur im Geringsten zu bemühen, alle Götter und Göttinnen um Hilfe an. Vor allem bat er den wegen seiner Stärke allgemein verehrten Herkules, ihm beizustehen. 

    Da soll ihm dieser erschienen sein und ihm seine Lässigkeit also vorgeworfen haben: "Lege die Hände an die Räder und treibe mit der Peitsche dein Gespann an, zu den Göttern flehe jedoch erst dann, wenn du selbst etwas getan hast; sonst wirst du sie vergeblich anrufen."

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Eine Schildkröte wurde wegen ihrer Langsamkeit von einem Hasen verhöhnt. Da forderte die Schildkröte den Hasen zu einem Wettlauf heraus, den der Hase, mehr aus Scherz als aus Prahlerei, annahm. Der Tag des Wettlaufs kam. Das Ziel wurde bestimmt und die beiden Kontrahenten betraten die Bahn.

    Die Schildkröte kroch langsam, jedoch unermüdlich. Der Hase hingegen rannte los und machte dabei unendliche viele Seitensprünge. Rechts, links, rechts... Nur noch wenige Schritte vom Ziel entfernt legte sich der Hase ins Gras und schlief aus Mattigkeit ein. Durch den Jubel der Zuschauer wachte der Hase auf und erblickte die Schildkröte bereits oben am vereinbarten Ziel.

    Als die Zuschauer und die Schildkröte zurückkehrten, ging der Hase aus Scham auf die Seite. Beschämt gestand er, dass er in seinem zu großen Vertrauen auf seine Behendigkeit vom wohl langsamsten Tier der Welt besiegt wurde. 

    Moral: Oft werden gute, aber flatterhafte Köpfe von mittelmäßigen, aber anhaltend fleißigen, eingeholt, ja übertroffen.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr., angepasster Text von Michael Behn

  • Der Löwe, ein Schaf und andere Tiere gingen zusammen auf die Jagd. Der Löwe schwur, er wolle nach ihrer Zurückkunft alles Erbeutete mit ihnen redlich teilen. Als nun ein Hirsch in einem Sumpfe steckenblieb, wo gerade das Schaf Wache hielt, meldete dieses dem Löwen den Vorfall.

    Der Löwe eilte herbei, erwürgte den Hirsch und teilte die Beute in vier gleiche Teile.

    "Der erste Teil gehört mir", sagte er nun zu den Umstehenden, "weil ich der Löwe bin; der zweite, weil ich der Herzhafteste unter euch bin; den dritten müsst ihr mir als dem Stärksten überlassen, und den werde ich auf der Stelle erwürgen, welcher mir den vierten abspricht."

    So behielt der Löwe den ganzen Hirsch, ohne dass es seine Jagdgenossen auch nur wagen durften, darüber zu klagen.
     
    Mit einem starken Gewalttätigen gehe nicht gemeinschaftlich auf Geschäfte aus, er teilet immer zum Nachteil des Schwächeren.

    Aesop, um 550 v. Chr., griechischer Sklave und Fabeldichter

  • Ein Esel warf einmal eine Löwenhaut um sich her, lustwandelte mit stolzen Schritten im Wald und schrie sein 'Ia Ia' aus allen Kräften, um die andern Tiere in Schrecken zu setzen. Alle erschraken, nur der Fuchs nicht. Dieser trat keck vor ihn hin und höhnte ihn: "Mein Lieber, auch ich würde vor dir erschrecken, wenn ich dich nicht an deinem 'Ia' erkannt hätte. Ein Esel bist und bleibst du!"

    Mancher Einfältige in prächtigem Gewande gälte mehr, wenn er schwiege, denn: Mit Schweigen sich niemand verrät.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Ein großer Hund hatte einem kleinen, schwächlichen Hündchen ein dickes Stück Fleisch abgejagt. Er brauste mit seiner Beute davon. Als er über eine schmale Brücke lief, fiel zufällig sein Blick ins Wasser. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, denn er sah unter sich einen Hund, der gierig seine Beute festhielt. 

    "Der kommt mir zur rechten Zeit", sagte der Hund auf der Brücke, "heute habe ich wirklich Glück. Sein Stück Fleisch scheint noch größer zu sein als meins." 

    Gefräßig stürzte sich der Hund kopfüber in den Bach und biss nach dem Hund, den er von der Brücke aus gesehen hatte. Das Wasser spritzte auf. Er ruderte wild im Bach umher und spähte hitzig nach allen Seiten. Aber er konnte den Hund mit dem Stück Fleisch nicht mehr entdecken, er war verschwunden. 

    Da fiel dem Hund sein soeben erbeutetes, eigenes Stück ein. Wo war es geblieben? Verwirrt tauchte er unter und suchte danach. Doch vergeblich, in seiner dummen Gier war ihm auch noch das Stück Fleisch verlorengegangen, das er schon sicher zwischen seinen Zähnen gehabt hatte.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • aesop fabel apix

    Eine wilde Ziege flüchtete vor den Hunden des Jägers in einen Weinberg und versteckte sich unter den Blättern eines alten Weinstocks. Die Hunde rannten vorbei und die Ziege entkam ihren Verfolgern. Doch dann machte sie einen fatalen Fehler.

    Kaum glaubte sie sich außer Gefahr, machte sie sich auch gleich über die Reben her. Sie fraß die Blätter, die kurz zuvor ein Versteck waren und ihr das Leben retteten. Das Fressgeräusch der wilden Ziege machte den Jäger aufmerksam, der weit hinter seinen Hunden herangepirscht war. Er entdeckte auch bald die Ziege und erlegte sie. 

    "Ach!" seufzte die Ziege sterbend, "mit Recht habe ich diese Strafe verdient, weil ich meinen Beschützer mit schnödem Undank belohnte."

    Es ist das größte Unrecht, Wohltaten mit Übel zu vergelten; der Undankbare entgeht selten der verdienten Strafe.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr. 

  • Ein mit Salz beladener Esel musste durch einen Fluss, fiel hin und blieb einige Augenblicke behaglich in der kühlen Flut liegen. Beim Aufstehen fühlte er sich um einen großen Teil seiner Last erleichtert, weil das Salz im Wasser geschmolzen war. Langohr merkte sich diesen Vorteil und wandte ihn gleich am folgenden Tage an, als er mit Schwämmen belastet durch eben diesen Fluss ging.

    Diesmal fiel er absichtlich nieder, sah sich aber arg getäuscht. Die Schwämme hatten nämlich das Wasser angezogen und waren bedeutend schwerer als vorher. Die Last war so groß, dass er erlag.

    Sei vorsichtig mit Mitteln: das eine dient nicht für jeden Fall.

    Aesop, um 550 v. Chr., griechischer Sklave und Fabeldichter

  • Ein Mann kaufte einen Esel, aber nicht gleich endgültig, sondern er machte eine Probezeit aus. Als er mit ihm in seinen Hof kam, wo schon mehrere Esel teils bei der Arbeit, teils bei der Abfütterung waren, ließ er ihn frei laufen. Sogleich trottete der neue zu dem faulsten und gefräßigsten Gefährten und stellte sich zu ihm an die Futterkrippe. Da legte ihm der Mann den Strick wieder um den Hals und brachte ihn dem bisherigen Besitzer zurück. 

    "So schnell kannst du ihn doch gar nicht erprobt haben", wunderte sich der. 

    "O mir genügt, was ich gesehen und erfahren habe: Nach der Gesellschaft, die er sich ausgesucht hat, ist er ein übler Bursche!" 

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, dass ihm ein Knochen im Rachen stecken blieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde. Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung.

    "Wie?" höhnte der Wolf, "du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, dass du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, dass du noch lebest!"

    Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Zwei Freunde gelobten sich gegenseitig, sich in allen Fällen treu beizustehen und Freud und Leid miteinander zu teilen. So traten sie ihre Wanderschaft an.

    Unvermutet kam ihnen auf einem engen Waldwege ein Bär entgegen. Vereint hätten sie ihn vielleicht bezwungen. Da aber dem einen sein Leben zu lieb war, verließ er, ebenso bald vergessend, was er kurz vorher versprochen hatte, seinen Freund und kletterte auf einen Baum. Als sich der andere nun verlassen sah, hatte er kaum noch Zeit, sich platt auf den Boden zu werfen und sich tot zu stellen, weil er gehört hatte, dass der Bär keine Toten verzehre.

    Der Bär kam nun herbei, beleckte dem Daliegenden die Ohren, warf ihn mit der Schnauze einige Male herum und trabte dann davon, weil er ihn für tot hielt.

    Sobald die Gefahr vorüber war, stieg jener vom Baume herab und fragte seinen Gefährten voll Neugierde, was ihm der Bär zugeflüstert habe?

    "Eine vortreffliche Warnung", antwortete dieser, "nur schade, dass ich sie nicht früher gewusst habe."

    Man solle sich nicht mit Menschen einlassen, die ihre Freunde in der Not verlassen.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Ein Fuchs schlich sich an einen Weinstock heran. Sein Blick hing sehnsüchtig an den dicken, blauen, überreifen Trauben. Er stützte sich mit seinen Vorderpfoten gegen den Stamm, reckte seinen Hals empor und wollte ein paar Trauben erwischen, aber sie hingen zu hoch. Verärgert versuchte er sein Glück noch einmal. Diesmal tat er einen gewaltigen Satz, doch er schnappte nur ins Leere. Ein drittes Mal sprang er aus Leibeskräften - so hoch, dass er auf den Rücken fiel. Nicht ein Blatt hatte sich bewegt. Der Fuchs rümpfte die Nase: "Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben." Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

    Die Reaktion des Fuchses bezeichnen wir heute als Auflösung von kognitiver Dissonanz. Um dies zu tun, hat der Fuchs drei Möglichkeiten:

    • Er schafft es doch noch, die Trauben zu holen
    • Er erkennt, dass seine Fähigkeiten dazu nicht ausreichen
    • Er interpretiert um (dieses Vorgehen wählt der Fuchs in dem Fall)
  • maus loewe

    Manchmal vergessen wir durch die zeitfüllenden Herausforderungen des Alltags, was wirklich wichtig ist. Die Geschichte vom Löwen und der Maus zeigt, dass wir im Kleinen achtsam bleiben sollten.

    Ein Mäuschen lief über einen schlafenden Löwen. Dieser erwachte und packte es mit seinen gewaltigen Tatzen.

    "Verzeih mir meine Unvorsichtigkeit", flehte das Mäuschen. "Ich habe dich nicht stören wollen. Schenke mir mein Leben, ich will dir ewig dankbar sein."

    Großmütig schenkte der Löwe ihr die Freiheit und lächelte in sich hinein: "Wie will wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein?"

  • Drei Stiere schlossen miteinander ein Bündnis, jede Gefahr auf der Weide mit vereinten Kräften abzuwehren; so vereinigt, trotzten sie sogar dem Löwen, dass dieser sich nicht an sie wagte.

    Als ihn eines Tages der Hunger arg plagte, stiftete er Uneinigkeit unter ihnen. Sie trennten sich, und nach nicht acht Tagen hatte er alle drei, jeden einzeln, angegriffen und verzehrt.

    Eintracht gibt Stärke und Sicherheit, Zwietracht bringt Schwäche und Verderben.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Ein gutes, altes Hausmütterchen weckte ihre Mägde jeden Morgen mit dem ersten Hahnenschrei.

    Dieses frühe Aufwecken und Aufstehen ärgerte die Mägde.

    "Wäre nur der schreckliche Hahn nicht", sagten sie, "dann dürften wir auch länger schlafen". So sprachen sie und drehten ihm den Hals um.

    Doch schon bald wünschten sie ihn ins Leben zurück. Denn nun wurden sie von der Hausfrau, die altershalber wenig schlief und ihre gewohnte Hausuhr, den Hahn, nicht mehr hatte, sogar um Mitternacht geweckt.

    Man sucht oft kleinen Unannehmlichkeiten zu entgehen, und kommt in weit größere.

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

  • Die Bienen, unwillig darüber, dass sie nur für die undankbaren Menschen arbeiten sollten, brachten dem Jupiter die feinsten Waben zur Gabe und erbaten sich von ihm die Gnade, er möchte ihren Stacheln die Eigenschaft verleihen, recht empfindliche Schmerzen zu verursachen.  

    "Es sei", sprach Jupiter, ergrimmt über die Rachgier dieser so kleinen Tierchen, "aber so, dass auch ihr zugleich mit dem Stachel euer Leben lasset!" 

    Lass dich vom Hasse nicht betören, denn seine Folgen können oft für dich selbst gefährlich werden. 

    Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.
     

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