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Tag 1

Herr Straub: "Da ist wieder dieser unmögliche Vertriebsmann."
Herr Franke: "Ja, den kenne ich, der ist wirklich schrecklich."
Herr Straub: "Ich hoffe, der kommt nicht zu uns an den Tisch."
Und er setzt sich an den Tisch.

Tag 2

Herr Straub: "Da ist der Neue, der ist ein ganz Netter!"
Herr Franke: "Habe ich auch schon gehört."
Herr Straub: "Ich habe mich einmal mit ihm unterhalten. Der ist echt offen und freundlich."
Auch er setzt sich mit an den Tisch.

Die Ausgangssituationen dieser beiden neuen Tischnachbarn könnte unterschiedlicher nicht sein. Und es wird sich das entwickeln, was die beiden Kollegen sich ausmalten. Eine sich selbsterfüllende Prophezeiung nennt man das. Sie werden es so wahrnehmen, dass sie ihre Meinungen bestätigt bekommen.

Der Vertriebsmann wird zu einer "Plage" während des Essens und der Neue zu einer "Bereicherung" der Mittagspause.

Warum ist das so? Maßgeblich kommt es zu diesem Phänomen durch zwei immer wieder zu beobachtende Effekte.

 


1. Sich selbsterfüllende Prophezeiung*

In unserer Sprache, Betonung und Körpersprache bringen wir zum Ausdruck, was wir vom Gegenüber halten. Unsere Einstellung wird offensichtlich.

Kommunikation und Verhalten folgt dem Reiz-Reaktionsprinzip. Der Gesprächspartner reagiert auf unsere Ablehnung, auf unser Verhalten oder auf unsere Wortwahl so, wie wir dies unbewusst projizieren und bestätigt damit wiederum unsere Meinung. 

Beispiel:

Im Gespräch sagt der Vertriebsmann: "Die Ausweitung unserer Märkte nach Asien gefällt mir. Es sichert uns einen großen und interessanten Markt."

Reaktion: "Das ist doch Quatsch. Sie müssen das so sehen..." (--> verbale Bestrafung, Angriff) 

Der Neue sagt einen Tag später das Gleiche.

Reaktion: "Ich sehe das etwas anders. Meiner Meinung nach ... (--> wertneutrale Ich-Aussage, kein Angriff)

(*auch Versuchsleiter- oder Rosenthal-Effekt)

 

2. Selektive Wahrnehmung*

Wir sehen das, was uns wichtig ist, was wir sehen wollen. Wir suchen unbewusst nach Bestätigung unserer Urteile und Meinungen. Einstein formulierte hierzu einst sehr treffend: "Es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein Vorurteil."

Beispiel:

Der Vertriebsmann kippt versehentlich sein Glas um.

Reaktion: "Na typisch, das war doch klar, dass dieser Trottel sein Glas umkippt."

Der Neue kippt sein Glas um. Reaktion: "Das kann ja mal passieren. Nehmen Sie meine Serviette."

(*auch Attributionsfehler)

 

Neu Maß nehmen

Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch. (George Bernard Shaw, irischer Dichter, 1856 - 1950)

Es geht nicht darum "Everybody's Darling" zu sein. Aber wir sollten unseren Mitmenschen, Mitarbeitern etc. immer wieder eine Chance geben, die gefasste Meinung zu revidieren. Wir lernen Menschen immer nur in Ausschnitten kennen. Es sind Bruchteile der Wahrheit. Vielleicht versteckt sich im "Vertriebsmann" ein wertvoller, hilfsbereiter Mensch. Wir gaben ihm nur noch keine Chance, es zu zeigen.

 

Reflexionsübung

  • Wie denke ich über das Thema?
  • Bei wem habe ich mich anfangs getäuscht, der heute zu meinen Freunden zählt?
  • Wem sollte ich eine weitere Chance geben?

 

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