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"Jetzt lerne endlich, dass sich das nicht gehört!" Wer von uns kennt nicht solche Anweisungen der wohlmeinenden Eltern. Sie wollen, dass das Kind auf das momentan gezeigte Verhalten verzichtet und sich anders verhält.

Leider enthält die Formulierung gleich mehrere Fehler: Sie ist befehlend formuliert und fordert so Unterwerfung. Sie enthält das Wort "endlich", welches die Ungeduld, die Emotion des Senders verrät. Es wird nicht gesagt, was mit "das" gemeint und was stattdessen gewollt ist.

In der vorrevolutionistischen Anschauung galt der Weg zum Erwachsenwerden als nichts weiter als eine voluminöse Ausdehnung des bereits Vorhandenen. Wachstum im Sinne des nur additiven Zuwachses. Das reicht schon lange nicht mehr. Heute ist Lernen, zu verstehen als "Verzicht auf das Bisherige", ein Prozess, welcher neue Verbindungen im Gehirn entstehen lässt. Wurden diese Verbindungen stark genug, werden sie gegenüber den früheren Verbindungen bevorzugt. Beobachter können dann feststellen: "Das Neue ist gelernt". Lernprozesse finden immer dann statt, wenn neue Lösungen für vorhandene oder neue Aufgaben und Probleme entwickelt werden und das Erfahrene beibehalten wird. Also gewollt oder ungewollt: lebenslang. Die Frage ist nur, zwingen uns Veränderungen und Schicksalsschläge dazu oder lernen wir aktiv, sozusagen bevor die Probleme entstehen? Sportler wissen das, sie trainieren, Künstler auch, sie üben, Mitarbeiter oft nicht, sie nennen die dazu notwendige Zeit häufig "Überstunden". Nur wer akzeptiert, dass er nur für sich und seine Zukunft lernt, hat die notwendige Motivation und die Antriebskraft zum Durchhalten.

Wer heute nicht lernt, wird morgen so leben wie gestern. Weg vom Gestern, hin zum Morgen sind Anlässe für immer neue Lernschritte. Aus den dabei gesammelten Erfahrungen und häufigen Wiederholungen entsteht Intuition (fälschlicherweise auch emotionale Intelligenz genannt), ein Gefühl für die Beurteilung gleicher oder ähnlicher Situationen. Intuition erleichtert und beschleunigt Entscheidungen, verhilft zu Spontaneität.

Lernen geschieht in jeweiligen Rollen. So lernen wir, dass wir in der einen Rolle dürfen, was in anderen Rollen verboten ist. Ich erinnere mich, dass ich bei meinen Großeltern als Enkel durfte, was ich bei meinen Eltern als deren Kind nicht durfte, und heute noch als Fußgänger vieles darf, was mir als Autofahrer verboten ist. Über das Lernen von Rollen(-verhalten) entwickelt sich die Persönlichkeit getreu der Erkenntnis: "Persönlichkeit ist die Schnittmenge von sozialen Rollen". Zum Beispiel im Sport, wenn nicht nur das sachliche Ergebnis, sondern auch die psychologischen Prozesse wichtig sind.

Damit wir in der jeweiligen Rolle erfolgreich sein können, ist ein Abgleich von Anlagen, Begabungen und Talenten mit den aus der Rolle resultierenden Anforderungen sinnvoll. Anlagen sind relativ schwache, Begabungen stärkere und Talente relativ starke Potentiale, die als Grundlagen den Erfolg in der jeweiligen Rolle wesentlich mitbestimmen.

Treffen Anforderungen auf Begabungen oder gar Talent, fällt Lernen leicht. Fehlen Begabungen oder Talent, kann die Rolle nur schwer oder gar nicht gelernt bzw. ausgeführt werden. Denken wir in diesem Zusammenhang an sprachbegabte Kinder, denen Fremdsprachen leicht fallen, während sich Kinder mit weniger Begabung trotz intensiven Lernens (hier ist der Prozess gemeint) schwer tun; oder an musisch Talentierte, bei denen man oft meint, sie müssten sich um die Entwicklung ihres Talents nicht bemühen. Natürlich stimmt das so nicht, das Lernen fällt ihnen nur leichter und die Ergebnisse sind besser.

Wo allerdings Anlagen, Begabungen oder Talente für die in der Rolle geforderten Verhaltensweisen fehlen, bringt auch Lernen nicht den gewünschten Erfolg. Aus einem Ackergaul wird auch nach langem Lernen kein Rennpferd.

Sei es die Rolle als Schüler, als Freund, als Vereinsmitglied, als Verkehrsteilnehmer, als Sportler, als Verkäufer, Mitarbeiter oder Führungskraft, die Anforderungen und damit das zu Lernende sind unterschiedlich. Wer die zur Rolle gehörenden Wissensinhalte, Regeln und Verhaltensweisen gelernt hat, ist in die "Rolle hineingewachsen", wer nicht lernt, ist gefährdet "aus der Rolle zu fallen". Gelernt ist, wenn Wissen sich in der Anwendung zeigt.

Zum lebenslangen Lernen gehört also, die jeweiligen Rollen den Begabungen und Talenten entsprechend auszuwählen und braucht die Bereitschaft, das zu lernen, was zur erfolgreichen Gestaltung dieser Rollen hilfreich ist.

Zu viele Menschen beschreiten (meist fremdbestimmt) einen Lebensweg, für den sie nicht oder zu wenig ausgestattet sind. Erfolgserlebnisse bleiben aus, Arbeit wird zur Qual, die weinende Seele wird schließlich mit Konsum befriedigt. Der richtige, den Begabungen und passenden Rollen entsprechende Weg, geht leicht. Überall dort, wo große Anstrengungen notwendig werden oder sich ständiger Disstress bemerkbar macht, ist der Weg falsch. Die Erfolge von Umschülern, Berufswechslern, Firmenwechslern und anderen, die oft erst nach entsprechenden Analysen und Coachings den Mut hatten ihren Potentialen zu folgen, unterstreichen dies.

Das soll nicht dazu auffordern, die "Flinte zu früh ins Korn zu werfen", sondern fordert vielmehr ein genaues Abgleichen der Anforderungen mit den gegebenen Möglichkeiten. Misserfolg ist dann eine gute Gelegenheit, sich zu prüfen und neu anzufangen. Viele Unternehmen wissen das, wenn sie für ihre Mitarbeiter vor der Übernahme neuer Aufgaben Assessment-Center, zu Deutsch: Begabungspotential-analysen, realisieren.

Wer den für ihn richtigen Weg - er mag das seine Lebensaufgabe nennen - gefunden hat, ist interessiert, lernwillig und veränderungsbereit, mit sich im Reinen und gesund. Das führt zu Aufmerksamkeit, Interesse und Neugierde - solche Persönlichkeiten sind ständig "auf dem Weg".

Zum Autor

Horst Rückle ist Berater und Mentor des blueprints Team. Aus seiner über 35-jährigen Erfahrung als Trainer, Coach und Unternehmer steuert er als blueprints Autor Inhalte und Artikel bei.

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