Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

"Wie soll ich wissen was Du meinst, wenn ich höre, was Du sagst?" Eine Frage, die treffend ausdrückt wie wichtig es ist, das Gemeinte zu sagen - wenn man kann oder darf.

In manchen Situationen dürfen Politiker den Bürgern, Führungskräfte den Mitarbeitern, Ärzte den Patienten und Eltern den Kindern (noch) nicht alles und in aller Deutlichkeit sagen. Dann mögen Umschreibungen hilfreich sein und das Bibelwort  "wer Ohren hat zu hören, der höre" den Betroffenen helfen, sich ihren Reim zu machen.

Was zur Abwendung von Gefahr und zur Schonung der Zielgruppen toleriert werden kann, schadet dort, wo Klarheit erfolgsentscheidend ist. Dort reicht es nicht, wenn die Zielgruppen sich "ihren Reim" machen. Gemeinsame Sprache lebt von gemeinsamen Definitionen. Diese können in verschiedenen Rollen verschieden sein. So wird ein Mathematiker unter dem Begriff "Wurzel" etwas anderes verstehen als ein Zahnarzt oder Gärtner. Und wenn eine Führungskraft einen Bericht erbittet, ist es hilfreich wenn die Beauftragten unter diesem Begriff das Gleiche versteht wie sie selbst. Das geht nur, wenn klar definiert ist was in einer Gemeinschaft mit einem bestimmten Wort gemeint ist. Den Regelverstoß "Abseits" wird ein Nichtfußballer erst erkennen können, wenn er die fußballerische Definition verstanden hat.

Definitionen sind Festlegungen. Festlegungen muss man treffen, wenn man erfolgreich zusammenarbeiten will, auch um sicher zu gehen, dass man das Gleiche meint. Viele Definitionen erfahren wir beim Sprechen lernen. Wir müssen kaum jemandem die Definition für "Apfel" aufschreiben, wir halten ihm einfach einen hin und sagen: das ist ein Apfel. Weil wir es uns so einfach machen, weiß der so Informierte zwar, dass dies ein Apfel ist und kann Anderen diesen und andere Äpfel zeigen, definieren aber und damit ohne Vorhandensein des Gegenstandes erklären, kann er nicht. Erklären bzw. definieren Sie bitte einmal einen Baum ohne zu sagen "das dort, das ist einer".

Was bei Gegenständen noch einigermaßen akzeptabel ist - zeigen, was man meint, ist bei abstrakten Begriffen unmöglich. "Orientierung" kann man nicht zeigen. Erst mit der lexikalischen Definition "eindeutige Ausrichtung" und der Erklärung der Abstammung "von Orient - Osten" ist der Verstand programmiert und man hat verstanden.

Spricht also ein Unternehmen von Kundenorientierung, meint es damit die "eindeutige Ausrichtung am und auf den Kunden". Was ist dann mit dem Ertrag und den Mitarbeitern? Ist gemeint, was gesagt ist, müsste das Unternehmen auch dem Kunden liefern, der Rabatte bis unter die Selbstkostengrenze und Produkte die dem Image des Lieferanten nicht entsprechen, liefern. Versteht sich das Unternehmen dagegen ertragsorientiert, führen nicht Umsätze, sondern (auch langfristig erzielbare) Erträge zu Gestaltungselemente der Beziehung. Sprachlich sauber könnte dann formuliert werden: "Wir sind ertragsorientiert, wertebestimmt und zielgruppenbezogen". Anders ausgedrückt: Für den (potentiellen) Kunden, der uns unseren Ertrag gönnt, unsere Werte achtet, "reißen wir uns", wie Agip das einmal formulierte, "sechs Beine aus".

Wer die Definitionsregeln beachtet, nutzt Oberbegriffe und Unterscheidungsmerkmale. Falls Sie den Begriff "Baum" noch nicht definiert haben, wird es damit ganz einfach. Er ist "eine Pflanze mit verholztem Stamm".

Wird im Unternehmen von "Menschen" gesprochen, gehören auch diejenigen dazu, die eine "Freizeit orientierte Schonhaltung" eingenommen oder innerlich gekündigt haben. Von Mitarbeitern zu sprechen würde wohl eher benennen was gemeint ist. Benennungen wie  "Beschäftigte", "Mitstreiter", "Kollegen" passen dann eher bei Behüteten Werkstätten, Kampfeinheiten und Hierarchiegleichen.

Vor Gericht wird Wahrheit gefordert. Was gesagt wird, muss nachprüfbar richtig sein. Ehrlichkeit, die manche Firmen in ihren Kunstruck-Imagebroschüren versprechen würde heißen, alles zu sagen was man weiß. Soll dann der Verkäufer im Fachgeschäft dem Kunden unaufgefordert sagen, dass das gleiche Produkt im Internet billiger zu haben ist?

Es soll Firmen geben, die "Offenheit" fordern. Vielleicht meinen sie loyal sein oder Kritik äußern. Nicht umsonst wird Offenheit verballhornt in dem Joke "wer zu offen ist, kann nicht ganz dicht sein". Sagen Sie einmal einem Verwandten, dem Chef, dem Nachbarn ganz offen was Sie denken - besser nicht.

Kunden- und Mitarbeiterbindungsprogramme werden oft als besondere Aktivität eines Unternehmens herausgestellt. Die dabei wahrscheinlich genutzte Definition von Bindung "eine enge emotionale Beziehung", scheint geschönt. Bindung ist Einschränkung der Freiheit. Eine gute, auch enge Beziehung zwischen Unternehmen, Mitarbeitern und Kunden ist etwas anderes als eine Bindung. Es gibt Beziehung zwischen, aber nur Bindung an. Der Unterschied wird auch deutlich, wenn wir Beziehung und Bindung gegenüberstellen. Beziehung ist definiert als "wechselseitige Bedürfnisbefriedigung" und wird zwischen Lebewesen gestaltet. Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden tun gut daran, ständig an der Qualität der Beziehung zu arbeiten. Ein Schritt dazu ist, Fragen der Zielgruppen überhaupt und richtig, entsprechend der lexikalischen oder organisationsintern festgelegten Definition beantworten zu können. Zum Beispiel die Fragen eines Mitarbeiters "woran würden Sie erkennen, dass ich kundenorientiert arbeite?" Dabei darf die Antwort nicht zu weit vom lexikalischen oder generellen Sprachverständnis abweichen. "Daran, dass Sie mit Ihrer Leistung zum Ertrag beitragen" würde dem gewählten Begriff nicht entsprechen.

Abschließend möchte ich einen Begriff beleuchten, der schon gar nicht mehr in die Zeit passt, in der Mitarbeiter alle Macht haben und bei nicht gelebten Regeln und wenig gepflegter Beziehung, die Guten gehen und die Schlechtleister bleiben: den Begriff Durchsetzungsvermögen.

Wer sich durchsetzt, produziert Verlierer! Das wollen "Win-Win-Techniken", zuvorderst das Harvard-Konzept, vermeiden und raten deshalb, eine Verhandlung, in der es nur Gewinner und Verlierer gibt, in ein Gespräch zu überführen. Ganz widersprüchlich erscheinen Firmen, wenn sie in ihren Personalsuchanzeigen und im normalen Sprachgebrauch von Durchsetzungsvermögen (und Überzeugungskraft) schreiben und reden und in ihren Werten oder Beurteilungsbögen "Partnerschaft" belohnen.

Wird schließlich noch beachtet, dass Worte Bilder erzeugen können - Lesen ist Kino im Kopf - dürfen Euphemismen, Wörter, die das Gleiche wirksamer ausdrücken, gewählt werden. Dann sprechen Boxmoderatoren statt von Fäusten von Händen, Verkäufer statt von Einwänden von Konflikten beim Partner und statt Abschluss von positiver Entscheidung und Werbeleute statt von Gummiwischlippe von einer mikroscharf geschliffenen Doppelwischkante. Nur übertreiben darf man nicht, sonst wird man auch dabei nicht mehr verstanden.

In dieser Ausgabe durfte ich wie immer schreiben, was ich in meiner Berater- und Trainertätigkeit erlebe. Wenn ich damit dazu beitragen konnte, dass Wörter überlegter und genauer formuliert werden, ist ein wichtiger Beitrag zum Unternehmenserfolg entstanden. Wie las ich kürzlich? "Der Unterschied zwischen dem richtigen und dem fast richtigen Wort ist der gleiche wie zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz." Leider war kein Verfasser angegeben. 

Zum Autor

Horst Rückle ist Berater und Mentor des blueprints Team. Aus seiner über 35-jährigen Erfahrung als Trainer, Coach und Unternehmer steuert er als blueprints Autor Inhalte und Artikel bei.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Über den Autor


{introtext} {readmore:Mehr zu Horst Rückle}

Wenn Sie nach oben scrollen, finden Sie jeweils den Text markiert, der gerade vorgelesen wird.

Der Beitrag ist eingeordnet unter:

Auch interessant

Das war ein Beitrag aus der

GUTEN-MORGEN-GAZETTE

Lesefreude und spannendes Wissen seit über 15 Jahren

Aktuelle Inhalte der Gazette vom 17.11.2019

  • Expressives Schreiben - Anleitung für eine großartige Technik bei Krisen, Problemen, Ängsten
  • Zitat der Woche
  • Bildzitat
  • Wort der Woche
  • Die Mitte suchen
  • Logogriph-Rätsel von Karl Rudolf Hagenbach
  • Aufgabe: Differenz gleich 5
  • Humorige Anekdote
  • Beliebtester Beitrag der Vorwoche

 

Möchten Sie die Gazette jeden Sonntag früh kostenlos erhalten? 

Wenn Sie unseren Newsletter abonnieren, speichern wir Ihre E-Mail-Adresse und senden Ihnen diesen regelmäßig zu. Beim Öffnen der E-Mail und Anklicken der Links erfolgen statistische Erhebungen. Details dazu finden Sie im Punkt "Newsletter" unserer Datenschutzerklärung. Mit dem Abonnieren erklären Sie sich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.

Die Abmeldung ist jederzeit möglich, z.B. mit einem Link unten in jedem Newsletter.

jeden Sonntag / kostenfrei / unabhängig

Anregungen durch Sinngeschichten, Fabeln, Artikel ...

Wissen und Wortschatz mit Freude vergrößern

Lesespaß und Humor von Schriftstellern, Philosophen und anderen großen Denkern