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John Locke (englischer Philosoph, Wegbereiter der Aufklärung, * 29. August 1632 in Wrington bei Bristol; † 28. Oktober 1704 in Oates) wurde zu nächtlicher Stunde des Öfteren von seinen Geistesblitzen aus dem Schlaf geholt. Da lag er dann, der kluge Mann, und überlegte, ob er aufstehen und in sein Arbeitszimmer gehen sollte. Dort könnte er die Eingebung festhalten und in der nächtlichen Ruhe von allen Seiten durchdenken.

So geschah es auch in dieser Nacht. Herr Locke lag im Bett und überlegte, was er tun solle. Wenn er aufsteht, müsste er das gemütliche Bett räumen. Es würde abkühlen und seine Behaglichkeit verlieren. Zudem würde ihn die biestige Vermieterin am nächsten Morgen traktieren. Sie hatte sich schon oft über seine nächtlichen Besucher im Arbeitszimmer beschwert, obwohl er sich stets so leise wie möglich verhielt.

Auf der anderen Seite - wenn er in den Daunen verbleiben würde - wäre der Gedanke erfahrungsgemäß am kommenden Tage verschwunden. Nach einigem Hin und Her entschied sich Herr Locke für das Bett.

Am nächsten Morgen erhob er sich mit dem ersten Klappern in der Küche. Doch trotzdem er noch auf der Bettkante in seinem Gehirn nach dem nächtlichen Einfall suchte, wollte dieser nicht zu ihm zurückkehren.

"Egal, ich habe mich frei für diese Möglichkeit entschieden. Die Gefahr des Vergessens war mir bewusst", murmelte Herr Locke, stand auf und ging zur Tür. Er stellte fest, dass die Tür von außen verschlossen war. Herrn Locke war sofort klar: Seine Vermieterin hatte rigoros seine nächtlichen Wanderungen unterbunden.

Mit der Hand auf der Türklinke kamen ihm mit einem Mal Zweifel. Hatte er in der Nacht wirklich die freie Wahl gehabt?

Was meinen Sie?


John Locke begann mit diesem persönlichen Erlebnis gerne seine Ausführungen zum Thema Freiheit. Ihm ging es darum aufzuzeigen, wie komplex die Frage, ob es einen freien Willen gibt, sein kann.

Es gibt für dieses Rätsel keine kurze oder eindeutige Antwort.

Vielmehr sollte man sich verdeutlichen, wie stark unsere persönlichen Entscheidungsmöglichkeiten und sogar unser vermeintlich eigener Wille von gesellschaftlichen Regeln, eingeimpften Glaubenssätzen, genetischen Prädispositionen, den Gesetzen und so etwas wie einer verschlossenen Tür determiniert werden. Hinzu kommt die komplexe Welt der Neigungen und Triebe.

Zumeist können wir nicht so genau sagen, was alles bei einer Entscheidung eine Rolle spielt.

Einige Philosophen schlugen in diesem Zusammenhang eine Differenzierung in "Negative Freiheit" und "Positive Freiheit" vor. Nach Isaiah Berlin ist negative Freiheit ein Zustand der Freiheit, in dem keine von anderen Menschen ausgehenden Zwänge ein Verhalten erschweren oder verhindern.

Beispiele:

  • Die Tür ist unverschlossen, Herr Locke könnte diese (theoretisch) öffnen und seinen nächtlichen Aktivitäten nachgehen.
  • Anderes Beispiel: Ich kann meine Meinung äußern, ohne hierdurch negative Konsequenzen zu fürchten.

Die positive Freiheit wird hingegen als „Freiheit zu [etwas]“ aufgefasst.

Beispiele:
Herr Locke ist gesundheitlich in der Lage, das Bett zu verlassen und besitzt die Kraft, dies auch zu tun.

Ich habe zusätzlich zur Meinungsfreiheit auch Zugang zu öffentlichen Kommunikationsmitteln.

Viele gehen so weit, Positive Freiheit erst dann anzuerkennen, wenn die Freiheit auch wirklich ausgenutzt wird. Herr Locke also aufsteht, die Meinungsfreiheit im zweiten Beispiel auch in reale Äußerung mündet.

Die Begriffe Negative und Positive Freiheit werden sowohl auf Willens- als auch auf Handlungsfreiheit angewendet.

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