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Zwischen Vergangenheit und Zukunft findet sich das Jetzt. Bis zu einem gewissen Grade und bis zu einer gewissen Dauer können wir unsere Gedanken frei in die Zukunft oder in die Vergangenheit schweifen lassen oder im Jetzt halten. Im Jetzt zu bleiben ist schwierig und außer in meditativen Übungen meist auch nicht gewollt. Wir brauchen die Fähigkeit, die Gedanken zwischen Vergangenheit, Jetzt und Zukunft hin und her schweifen zu lassen. Dies kann gewollt und nutzbar sein. Geschieht dies unwillkürlich als Ablenkung wirkt dies unaufmerksam, unkonzentriert oder zerstreut.

 

Was den meisten Schmerz oder die größte Lust bereitet, drängt sich immer wieder in unsere bewusste Wahrnehmung: sei es aus der Vergangenheit, dem Jetzt oder seien es Befürchtungen, die wir in die Zukunft projizieren.

Der Kluge lebt aus der Vergangenheit für die Zukunft. Klugheit kalkuliert den nächsten möglichen Schritt im Sinne des eigenen Interesses. Der Kluge bedenkt im Jetzt die Folgen seines Handelns. Dumme werden von den Folgen überrascht. Deshalb fragen sie sich: "Womit habe ich das nur verdient?" Kluge fragen im Jetzt: "Was kann ich, Fehler in der Vergangenheit erkennend oder vermutend, besser machen?" Kluge wollen Kritik. Dumme fragen nie, was sie besser machen könnten, sie erwarten Lob und lassen sich mit solchen unbegründeten Positivaussagen abspeisen.

Auch wer sein gegenwärtiges bewusstes Sein damit stört, sich mit Situationen zu beschäftigen, deren Folgen nicht in seiner Hand liegen, kann nicht als klug bezeichnet werden. Irreal ist das, was nicht mehr oder noch nicht ist.

"Zu meiner Zeit war alles besser" – das ist mehr als nostalgische Erinnerung an schöne Phasen. "Alles besser" enthält einen Totalitätsanspruch. Wer so denkt, träumt in Nostalgie. Er findet in der Gegenwart nichts, was es möglich macht, die Gegenwart als Gegenwart zu akzeptieren. Dann werden abgelegte Gebrauchsgegenstände in den Adelsstand von Antiquitäten erhoben. Flohmärkte beweisen dies! Solches Denken verhindert andere, neue Lebensmöglichkeiten zu finden. "Ja, wenn damals das nicht so gelaufen wäre, wäre mein Leben ganz anders ... dann würde ich ...." oder "Wenn mich meine Eltern nicht so versaut hätten ...." Dies hört sich an wie die Klage einer Frau beim Psychiater ihres Mannes: "Was der Alkohol aus meinem Mann gemacht hat!"

Wer zu wenig oder nie im Jetzt leben kann, neigt dazu, die Verantwortung auf die Vergangenheit oder halluzinierend auf zukünftige Wahrscheinlichkeiten zu verlagern. Rechtfertigung heißt nicht umsonst "Schuldverlagerung durch Scheinargumente"! Auch wer die Vergangenheit glorifiziert, von ihr träumt, betrügt sich um das Jetzt und die Zukunft. Solches Denken heißt auch, in der Jetztzeit, die vor allem die Jungen als ihre Zeit betrachten, nichts Gutes zu finden. Dann fällt es auch den Jungen schwer, in ihrer Zeit das Gute zu finden.

Vergangenheit ist festgelegt, sie kann nur erinnert werden. Zukunft ist in freier Weise gestaltbar. Hypothesen im Jetzt können Annahmen über die Zukunft auslösen. Zum Beispiel kann aus Enttäuschung über den vergangenen Urlaub der nächste Urlaub glorifiziert werden. Es kann aber auch zur morbiden Freude werden, sich Sorgen zu machen. So wie manche Leute nicht gesund sind, wenn sie nicht krank sind.

Manche Menschen brauchen die Sorgen – in die Zukunft projizierte Angst – um überhaupt etwas zu haben, wenn die Gegenwart so langweilig ist. Das ist nicht schlimm, wenn sie von solchen Ausflügen bald wieder zurückkehren und nicht, wie viele Negativdenker, sich noch tiefer in die selbst geschaufelten Löcher graben oder wie Positivdenker, die die Gegenwart verdrehen oder aus ihr fliehen.

Viele wollen "etwas hinter sich bringen" – und arbeiten daran, Stück um Stück hinter sich zu lassen mit der Hoffnung, dass es dann endlich Ruhe gibt. So arbeiten viele wie verrückt, um zur Ruhe zu kommen. Tritt aber dann wirklich Ruhe ein, halten sie es nicht aus und suchen etwas, womit sie sich beschäftigen können. Sie sind Sklave ihrer Hoffnungen, Sklave der Zukunft geworden, unfähig für die Gegenwart. "Wenn erst die Kinder groß sind, dann ...", "Wenn wir erst pensioniert sind, dann ...", sind Hoffnungen, mit denen das Elend im Jetzt überbrückt werden soll.

Viele, die die Gegenwart nicht aushalten, fliehen in die Zukunft, denn diese gibt eine Art von Halt. So lange wir auf etwas zuarbeiten, wissen wir, wozu wir da sind. "Ich arbeite zur Zeit an dem und dem ..." oder die Frage "Woran arbeiten Sie zur Zeit ..." zeigen, dass es als wertvoll gilt, an etwas zu arbeiten. Man muss an etwas arbeiten, um vor anderen und vor sich jemand zu sein. Das gibt eine gewisse Identität.

Ist das Ziel erreicht und steht nicht ein neues Ziel zur Verfügung, sinken viele in ein Loch. Sie wissen dann nicht mehr, wozu sie da sind. Es ist wichtig, gebraucht zu werden. Es ist wertvoll, an etwas mitzuarbeiten. Das kann der Anfang von Workaholic, dem Wunsch nach nie aufhörenden Aufgaben sein. Diese Art, das Jetzt auszublenden, trägt aber nur, so lange man arbeitsfähig ist. Nicht ausspannen ist oft auch vergessen wollen.

Wer sich auch dem Jetzt überlassen kann, findet dabei wirkliche Entspannung. Spiel – nicht kompensierender Ausgleichs-Sport – und Spaziergänge statt Wanderungen können Inseln sein, nicht nur äußerlich, sondern auch von innen her. Inseln der Regression, des Zurücksinkens. Nur vom Spiel kann kein erfülltes Leben entstehen. Wer das glaubt, sinkt auf den Zustand eines Kleinkindes, das die einzelnen Zustände, die es empfindet, nicht miteinander verbinden kann, noch keine ausgeprägte Identität hat, noch ganz im Griff seiner Situationen und Launen ist.

Es ist nicht verboten, an das Vergangene zu denken. Beschäftigung mit der Vergangenheit ist nötig, gerade um in der Gegenwart zu leben. Wir wissen dann besser wer wir sind. Um die Verantwortung heute zu erkennen, müssen wir erkennen, frühere Ereignisse erinnern und akzeptieren. Das erleichtert den Abschied vom Vergangenen. Damit es uns nicht immer wieder in die Vergangenheit zieht, müssen wir uns trauernd damit beschäftigen. Dann kann das Erlebte wirklich ankommen, wenn das Vergangene nachdenkend, wiederholend Zuwendung erfuhr.

Dasselbe gilt auch für die Zukunft. Aus praktischen Gründen ist es notwendig, sich die Zukunft vorzustellen, zu planen, das menschliche Leben und die Verwirklichung von Ideen. In der Gegenwart ist dies nur dadurch möglich, dass das Denken aus der Zukunft in die Gegenwart zurückkehrt.

Das Große am Menschen ist, dass er sich mit der Zukunft beschäftigen kann, denn gäbe es das nicht, wäre er unfrei wie ein Tier, sein Haupt wäre zu Boden gebeugt und er wäre zu simplen Instinktreaktionen und zur Bedürfnisbefriedigung verdammt.

Ob jemand in der Gegenwart lebt oder nicht, hängt nicht nur daran, ob er sich mit dem Vergangenen oder Zukünftigen beschäftigt, sondern wie er das tut. Negativ so, dass er der Gegenwart ausweicht oder sie überspringt oder positiv, dass er aus einer erfüllten Gegenwart sich dem Vergangenen oder Zukünftigen zuwendet. Oft entspringt es auch nicht eigenem Können und Handeln, weshalb das, was in der Gegenwart erscheint, positiv erlebt wird. Manches ist gar nicht auf bewusste eigene Entschlüsse zurückzuführen.

Um den Raum der Gegenwart dem schenken zu können, das kommen möchte, muss man selbst einen Zustand haben, den man als Aufmerksamkeit versteht. Vielfältige Interessenbeziehungen müssen sich in dieser Einheit einer gesteigerten Aufmerksamkeit bündeln, um dem Neuen ein Gegenüber sein zu können. Die Hände müssen frei und offen sein. Wer etwas festhalten will, kann Künftiges nicht ergreifen!

Die Einheit von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart gehört zu unserer Seele. Es sind drei verschiedene Dimensionen eines einzigen Lebens. Wäre es anders, könnten wir uns an nichts erinnern, könnten nichts vorher ahnen. Es ist die Einheit, die eine alles umgreifende Gegenwart darstellt. Das ist der Boden für die Gegenwart, in der uns etwas entgegenkommen kann. Etwas, das wir mit der Vergangenheit vergleichen und mit dem wir unsere erfolgreiche Zukunft aktiv gestalten können.

Horst Rückle (Unternehmensberater, Coach und Trainer)

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