Geschichten und Fabeln auf blueprints.de

Seit Jahrtausenden geben Völker ihr Wissen in Geschichten weiter. Ob der Indianer am Lagerfeuer, der Philosoph in der Wandelhalle an seine Schüler oder die Oma an ihre Enkel.

Die Geschichten auf dieser Seite handeln von Menschen und Tieren auf ihren persönlichen Lebenswegen mit all den möglichen Problemen, Gefahren, Geheimnissen und Erlebnissen. Sie stammen von Schriftstellern aus aller Welt und aus unterschiedlichen Zeiten.

Einige der Geschichten sind von uns erfunden oder auf Basis alter Geschichten neu formuliert worden. Andere Geschichten stammen aus der Feder begnadeter Autoren.

Geschichten können uns erinnern, motivieren, nachdenklich machen oder auf andere Art und Weise bewegen. Bei jeder Geschichte trifft die Idee des Autors auf die Vorerfahrungen, Ideen, Wünsche, Ziele, Sorgen und Ängste des Lesers. Was daraus entsteht, kann somit sehr unterschiedlich sein.

Beim Lesen, Zuhören oder beim Besprechen der Geschichten wünschen wir viel Freude und hilfreiche Erkenntnisse. Aber vorerst noch ein paar Informationen über Fabeln, Anekdoten und Kurzgeschichten.

„Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.“

Jean Paul

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1. Die Fabel 

Fabeln sind in Versform oder Prosa verfasste, kürzere Erzählungen mit belehrender Absicht. Die Hauptrolle spielen zumeist Tiere, aber auch Pflanzen oder fabelhafte Mischwesen, die menschliche Eigenschaften besitzen und auch menschlich handeln.

Besonders häufig kommen in Fabeln der Löwe, der Wolf, die Eule und der Fuchs vor. Die Fabeltiere verkörpern dabei menschliche Charakterzüge. Der Fuchs ist der Listige aber auch arglistige, der nur auf seinen Vorteil schaut. Die weise Eule, die dumme Gans, der mächtige und mutige Löwe, die hinterhältige Schlange oder die kleine, einfache Maus.

Sie merken, dass wir heute auch in der Umgangssprache uns dieser Verbindungen bedienen. Der "Angsthase" oder die "dumme Gans" sind einigen von uns sicher bereits über die Lippen gegangen.

Fabeln wollen eine Wahrheit oder eine Lehre vermitteln. Sie beziehen sich auf alltägliche, menschliche Charakterzüge und wie Gier, Unfairness, Neid oder Eitelkeit, aber auch Hilfsbereitschaft, Mut, Bescheidenheit und andere.

Punkt 2

2. Die Anekdote

Die Anekdote ist ein literarisches Genre, das sich auf eine bemerkenswerte Begebenheit, meist aus dem Leben einer Person bezieht.

Die wichtigsten Merkmale sind: die Pointe, die Reduktion auf das Wesentliche und die Charakterisierung einer oder auch mehrerer Personen.

Der DUDEN beschreibt die Anekdote als kurze, meist witzige Geschichte, die eine Persönlichkeit, eine soziale Schicht, eine Epoche u. Ä. treffend charakterisiert.

Punkt 3

3. Drei Beispiele für Anekdoten

Als sich Mark Twain auf einer Vortragstournee durch Europa befand, verbreitete sich das Gerücht, er sei gestorben. Mark Twain kabelte daraufhin die folgende Richtigstellung nach Amerika: "Nachricht von meinem Tode stark übertrieben."

Der dänische Märchenautor Hans-Christian Andersen zog sich zumeist schlampig an. Einmal fragte ihn ein junger Giftpilz: "Dieses jämmerliche Ding auf Ihrem Kopf nennen Sie Hut?" Andersen blieb gelassen und antwortete: "Dieses jämmerliche Ding unter Ihrem Hut nennen Sie Kopf?"

Am Stachus in München sprach ein Fremder den Schauspieler und Komiker Karl Valentin an. Er sagte: "Sie, wie weit ist es denn von hier bis zum Hauptbahnhof?" Valentin sagte: "Wenn Sie so weiter gehen wie bisher, sind es noch circa 40.000 Kilometer. Wenn Sie aber umdrehen, bloß fünf Minuten."

Weitere Anekdoten findest du auf blueprints im Bereich "Humor und Anekdoten".

„Je mehr ich las, umso näher brachten die Bücher mir die Welt, umso heller und bedeutsamer wurde für mich das Leben.“

Maxim Gorki

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4. Die Kurzgeschichte

Ihren Ursprung hat die Kurzgeschichte in der amerikanischen Short Story. Wie der Begriff bereits sagt, ist das wesentliche Merkmal die Kürze der Geschichte.

Die Sprache ist zumeist schlicht und ungekünstelt. Die Sätze sind zumeist ebenfalls kurz und der Ton ist oft umgangssprachlich.

Punkt 5

5. Entstehung der Kurzgeschichte

Ein Grund für die Verbreitung bzw. Entstehung des Genres "Kurzgeschichte" hängt eng zusammen mit dem Zeitschriftenwesen im 19. Jahrhundert. Zeitschriften ermöglichten den amerikanischen Autoren bessere Absatzmöglichkeiten als der Buchmarkt. Das Genre Kurzgeschichte entstand.

In der englischsprachigen Literatur waren es zum Beispiel Edgar Allan Poe, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und William Faulkner, die auch short stories schrieben.

 

geschichten und fabeln 2

Punkt 6

6. Erste Kurzgeschichte der Weltliteratur

Welche die erste Kurzgeschichte der Weltliteratur ist, ist nicht eindeutig zu beantworten. Zwei Geschichten gehören auf jeden Fall in den Kreis der Mitanwärter.

Einige sehen Edgar Allan Poes Kurzgeschichte "Metzengerstein" als die erste Kurzgeschichte an. Sie erschien erstmals 1832 im "Philadelphia Saturday Courier". Die Geschichte handelt von den wohlhabenden, über den Tod hinaus verfeindeten Familien Berlifitzing und Metzengerstein. Zu Poe sehr passend, endet die Geschichte in einem flammenden Inferno.

Andere hingegen denken, dass Washington Irvings Geschichten "Rip Van Winkle and The Legend of Sleepy Hollow" die ersten Kurzgeschichten der Weltliteratur sind. 1820 erschienen die Geschichten als Teil eines Sketch Books.

Wie dem auch sei, Poes und Irvings Kurzgeschichten sind brillant und lesenswert.

Punkt 7

7. Kurzgeschichten in Deutschland

Im deutschsprachigen Raum wurde die Kurzgeschichte erstmals um 1900 aufgegriffen. Hier musste diese moderne literarische Form sich zunächst gegen andere etablierte Kurzformen wie die Novelle, Anekdote und Kalendergeschichte durchsetzen. Eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Kurzgeschichte in Deutschland war die Gruppe 47. Die Gruppe 47 war ein Zusammenschluss von Schriftstellern der Nachkriegszeit. Seit 1950 wird der Preis der Gruppe 47 verliehen - einer der bedeutendsten Literaturpreise der Bundesrepublik.

„Eine gut erzählte Geschichte macht aus den Ohren Augen.“

Chinesisches Sprichwort

Punkt 8

8. Kurzgeschichten heute

2013 wurde die kanadische Schriftstellerin Alice Munro der Literaturnobelpreis verliehen. Das Spannende war, dass ihr Werk ausschließlich aus Kurzgeschichten besteht, was dem Genre Kurzgeschichte weltweit starke Aufmerksamkeit verschaffte.

Das Internet hat zu einem weiteren Aufleben der Kurzgeschichten geführt. Ob die Verbreitung der klassischen Kurzgeschichten auf Portalen wie gutenberg.de bis hin zu Portalen, wo jeder seine Kurzgeschichten veröffentlichen kann, Kurzgeschichten sind beliebter denn je.

Punkt 9

9. Anekdoten und Geschichtenbuch vom blueprints Team

blueprints-Buch: Humoriges und Nachdenkenswertes der Jahrhunderte

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In eigener Sache

blueprints anekdotenbuch

blueprints-Anekdotenbuch: Humoriges und Nachdenkenswertes der Jahrhunderte

Wie nützlich Anekdoten doch sind. Lockere mit ihnen ernste Themen auf - oder bringe andere zum Lachen - zeige Probleme aus neuen Perspektiven. Nutze die Kurzgeschichten für deine Argumentation in Gesprächen und belebe deine Sprache und dein Schreiben damit. 

Zu kaufen: hier auf Thalia.de oder hier auf Amazon.

blueprints-Geschichten-Buch: Was wiegt dein Leben?

Was wiegt dein Leben?

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9.1. blueprints-Geschichtenbuch: Was wiegt dein Leben?

Ob der Indianer am Lagerfeuer, der Philosoph in der Wandelhalle an seine Schüler oder die Oma an ihre Enkel. Seit Jahrtausenden geben Völker ihr Wissen in Geschichten weiter.

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Punkt 10

10. 100 Kurzgeschichten, Geschichten, Fabeln und Anekdoten

Nun viel Freude beim Lesen der Kurzgeschichten, Geschichten, Fabeln und Anekdoten auf blueprints.de:

Bewertung: 3 / 5

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Das Brot - Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert

Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still, und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte; sein Atem fehlte.


Fabel Eber und der Fuchs – Aesop

Bewertung: 5 / 5

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Der Eber und der Fuchs

Ein Fuchs sah einen Eber seine Hauer an einem Eichstamme wetzen und fragte ihn, was er da mache, da er doch keine Not, keinen Feind vor sich sehe?

"Wohl wahr", antwortete der Eber, "aber gerade deswegen rüste ich mich zum Streit; denn wenn der Feind da ist, dann ist es Zeit zum Kampf, nicht mehr Zeit zum Zähnewetzen."

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

Original - Moral: Bereite dich im Glück auf das künftige Unglück, sammle und rüste in guten Tagen auf die schlimmern. 


Ackergaul, Bauern

Bewertung: 5 / 5

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Die Stute und der Ackergaul

Eine hübsche Stute war Tag und Nacht auf der Weide und nie vor dem Pflug; ein Ackergaul aber weidete nur des Nachts und musste tagsüber pflügen.

Die Stute sagte zum Ackergaul: "Warum rackerst du dich so ab? Ich an deiner Stelle würde einfach nicht hingehen. Und wenn dir der Bauer mit der Peitsche kommt, komm du ihm mit deinen Hufen!"

Am andern Morgen tat der Ackergaul genau das, was ihm die Stute geraten hatte. Und der Bauer sah, wie störrisch der Ackergaul war, und nahm die Stute ins Geschirr, ehe sie recht merkte, was mit ihr geschah.

Leo Tolstoi (1828 - 1910), russischer Schriftsteller


Der Löwe und das Mäuschen – Moral

Bewertung: 4 / 5

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Der Löwe und das Mäuschen – Aesop

Ein Mäuschen lief über einen schlafenden Löwen. Dieser erwachte und packte es mit seinen gewaltigen Tatzen.

"Verzeih mir meine Unvorsichtigkeit", flehte das Mäuschen. "Ich habe dich nicht stören wollen. Schenke mir mein Leben, ich will dir ewig dankbar sein."

Großmütig schenkte der Löwe ihr die Freiheit und lächelte in sich hinein: "Wie will wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein?"


Bewertung: 5 / 5

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Die Schildkröte und der Hase

Eine Schildkröte wurde wegen ihrer Langsamkeit von einem Hasen verhöhnt. Da forderte die Schildkröte den Hasen zu einem Wettlauf heraus, den der Hase, mehr aus Scherz als aus Prahlerei, annahm. Der Tag des Wettlaufs kam. Das Ziel wurde bestimmt und die beiden Kontrahenten betraten die Bahn. 


Der kluge Dichter

Bewertung: 5 / 5

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Der kluge Dichter von Aesop

Der Fabeldichter Aesop war in seiner Jugend Sklave. Eines Tages befahl sein Herr, dass die Sklaven sich für eine längere Reise mit dem notwendigen Gepäck beladen sollten. Aesops Blick erspähte einen hoch mit Broten gefüllten Korb, der das schwerste Stück der Lasten war und lief gleich darauf zu, um sich seiner zu bemächtigen.

Die anderen, die nach leichten Bürden suchten, lachten ihn wegen seiner Unklugheit aus. 


Die traurige Geschichte vom wilden Hund - Aesop

Bewertung: 4 / 5

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Die traurige Geschichte vom wilden Hund

Eisig jagte der Wind über die Felder und das Land lag seit vielen Wochen unter einer mächtigen Schneedecke. Zugefroren waren Bäche und Weiher. Das Leben schien erstarrt.

Zum Schutz vor der Kälte hatte sich ein wilder Hund in einer Höhle verkrochen und er fror jämmerlich. Immer wieder stand er zitternd auf und rollte sich ein wenig mehr zusammen. 


Die Hohlköpfigkeit der Durchschnittsameise (von Mark Twain)

Bewertung: 5 / 5

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Die Hohlköpfigkeit der Durchschnittsameise

Samuel Langhorne Clemens - besser bekannt als Mark Twain - war ein amerikanischer Schriftsteller. Die meisten kennen seine Bücher über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Seine humoristische Schreibweise und scharfzüngige Gesellschaftskritik brachte auch großartige Kurzgeschichten hervor - wie die von der Hohlköpfigkeit der Durchschnittsameise. Bitte frage dich beim Lesen, ob er wirklich über Ameisen schreibt. ;-)


Bewertung: 5 / 5

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Katze Miss Rose lebte einst bei einem Psychiater mit Namen Eric in Düsseldorf. Sie durfte dort während der Patientensitzungen in einem Körbchen unter der Heizung liegen.

Eines Tages behandelte Eric einen Bankdirektor, der viele Tränen in seiner ersten Sitzung vergoss. In der zitternden Hand hielt er ein verblichenes Bild, auf dem er mit seinem Vater Hand in Hand in den Sonnenuntergang ging.

Seine Geschichte lautete wie folgt: ...


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rose jaron apix

Einst hatte Miss Rose ihr Zuhause bei einer Frau, die mit ihrem Sohn Gill in einfachen Verhältnissen lebte. Sie brauchte alle Zeit und Kraft, um ihren Sohn, Miss Rose und sich mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Seit Wochen holte Miss Rose den kleinen Gill aus der Schule ab. Als sie an diesem Tag durch die Brombeerhecke an der Schule schlüpfte, sah sie, wie Gill von drei Jungen umringt war.

Der größte von ihnen sagte: "Deine blöden Ideen will doch keiner hören. Ein fliegendes Fahrrad; eine Uhr, die spricht. Pah! Du bist ein Trottel von armen Eltern. Du bist ein Spinner und wirst nie dazugehören."

Die drei Jungen zerrten Gill zur Dornenhecke und warfen ihn hinein.

Einer der Drei bespuckte Gill noch bevor sie ihn alleine mit Miss Rose zurück ließen.

Abends schmierte Gills Mutter seine Wunden ein. Sie küsste ihren Sohn auf die zerkratzte Stirn und sagte: "Lass mich Dir eine traurig schöne Geschichte erzählen. Mein Opa war Förster und er hat sie mir als junges Mädchen erzählt. Es ist die Legende vom Jaron-Kobel."

Miss Rose lag unter dem Bett und spitzte die Ohren.


Bewertung: 5 / 5

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Miss Rose
wohnte einst bei einem Anhänger des Bahai-Glaubens. Ein gottesfürchtiger Mann, dessen Rat in seiner Gemeinde geschätzt wurde. Er hieß Sahid Batun und war Mitglied des örtlichen Geistigen Rates. Vieles, was in seiner Religion als Verhalten gefordert wurde, fand Wohlgefallen bei Miss Rose. Zudem war Sahid ein einfacher Mann, der kaum etwas zu seiner Zufriedenheit brauchte. Miss Rose hatte schon immer größeres Vertrauen zu Menschen gehabt, die nur wenig bedurften.

Eines Tages hörte ein Urlauber von dem weisen Bahai in der Stadt und stand unangemeldet vor Sahids Tür. Sahid bat ihn in die kleine Wohnung herein und bot dem Fremden einen Platz auf einer schmalen Holzbank an.


Die Legende von der Christrose

Bewertung: 5 / 5

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Eine Geschichte von Selma Lagerlöf, geringfügig der heutigen Sprache angepasst von Peter Bödeker

Eine Räubermutter, welche in einer Räuberhöhle oben im bergigen Göinger Wald im Norden von Dänemark hauste, hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter begeben. Der Räubervater selbst war ein ausgestoßener Mann und durfte den Wald nicht verlassen, sondern musste sich damit begnügen, den Wegfahrenden aufzulauern, die sich trotz der Gefahr in den Wald wagten.

Doch zu der Zeit, als der Räubervater und die Räubermutter ihr Leben in dem Göinger Wald fristeten, gab es im nördlichen Schonen nicht allzu viel Reisende. Wenn es sich also begab, dass der Räubervater ein paar Wochen lang Pech bei seiner Jagd hatte, dann machte sich die Räubermutter auf ihre Wanderschaft. Sie nahm ihre fünf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte zerlumpte Fellkleider und Holzschuhe an und trug auf dem Rücken einen Sack, der gerade so lang war wie das Kind selbst. Diesmal jedoch sollte die Reise das Leben der Räuberfamilie für alle Zeit verändern.


Bewertung: 5 / 5

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Es war einmal ein König, dem kam der Gedanke, dass man niemals einen Fehlschlag erleiden könnte, wenn man stets im Voraus wüsste, wann jedes Ding zu beginnen sei, mit welchen Menschen man sich abzugeben habe und mit welchen nicht und welche der zu lösenden Aufgaben die allerdringendste wäre.

Nachdem der König darüber nachgegrübelt hatte, ließ er im ganzen Lande verkünden, dass er denjenigen königlich belohnen wolle, der ihn lehren würde, wie man für jede Aufgabe die richtige Zeit finden könnte, welches die wichtigsten Leute seien und welche Aufgabe am dringlichsten sei.

Da erschienen beim König gelehrte Leute und gaben ihm die verschiedensten Ratschläge. Einige meinten, man müsse sich ein Verzeichnis der Tage, der Monate und des Jahres machen und sich streng danach richten. Wieder andere behaupteten, dass es unmöglich sei, im Voraus zu wissen, welche Aufgabe zu einer bestimmten Zeit zu erledigen sei. Man müsse einfach stets auf den Gang der Dinge achten, um im gegebenen Augenblick das Notwendigste zu tun. Die dritte Gruppe behauptete, dass ein einzelner Mensch nicht in der Lage sei, immer die richtige Entscheidung zur rechten Zeit zu treffen. Deshalb brauche er weise Ratgeber, auf die er hören müsse, um dann entsprechend zu handeln. Die vierte Gruppe meinte, dass es Dinge gäbe, die keinen Aufschub zuließen. In solchen Fällen habe man sofort eine Entscheidung zu treffen, ohne die Meinung seiner Ratgeber einzuholen. Um aber zu wissen, was in solchen Fällen zu tun sei, müsse man im Voraus wissen, was geschehen würde, und das könnten nur Zauberer oder Wahrsager wissen.


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Fabel "Ein alter Elefant" von Johann Heinrich Pestalozzi

Er war nicht der Klügste seiner Art. Er bekam aber wegen des Ansehens, das er unter den Tieren seines kleinen Bezirks hatte, einen so guten Namen, dass ihn die Tiere des großen Landes baten: "Werde unser König!"

Er wollte anfangs nicht und sagte: "Ich will bei meinen Tieren leben und sterben." Aber auch diese baten ihn: "Nimm die Ehre an und werde ein König."

Endlich war er bereit und tat es, aber die Folgen waren fatal.


Die Liste des Tigers

Bewertung: 5 / 5

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Im Dschungel herrscht angsterfüllte Aufregung. Der Tiger hat eine Liste geschrieben. Eine Liste des Todes. Viele der Dschungelbewohner haben Angst, auf dieser Liste zu stehen.

Das alte Stachelschwein nimmt allen Mut zusammen und geht zur Höhle des Tigers und fragt ihn:


Fabel: Das kranke Bäumchen von Johann Heinrich Pestalozzi
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Fabel "Das kranke Bäumchen" von Johann Heinrich Pestalozzi

Sein Vater hatte es gepflanzt, es wuchs mit ihm auf, er liebte es wie eine Schwester und wartete seiner wie seiner Kaninchen und seiner Schäfchen.

Aber das Bäumchen war krank; täglich welkten seine Blätter. Das gute Kind jammerte; riss ihm täglich die welkenden Blätter von seinen Zweigen und goss dann auch täglich gutes, nährendes Wasser auf seine Wurzeln.


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An einem feuchten Wintertag beäugte ein Spatz aus seinem trockenen Nest heraus, wie ihm ein Gorilla missmutig im kalten Regen auf dem Ast gegenüber saß. In bestem Bestreben gab er dem Gorilla einen Rat. Hätte er mal besser geschwiegen ...


Das hohe Roß und der Zwerg

Bewertung: 5 / 5

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Ein Zwerg wollte hoch scheinen; dafür setzte er sich auf das höchste Ross, das im Lande war. Ein Bauer, der ihn antraf, glaubte, es sitze ein Kind auf diesem Rosse und sagte zu ihm: "Du hast gewiss keinen Vater daheim, dass man dich auf das höchste Ross setzt. Komm, ich will dir herunterhelfen; du könntest sonst zu Tode fallen."

Man denke sich jetzt die Augen des Zwergs, aber auch das Lachen des Bauers, da er sah und erkannte, wen er vor sich hatte.

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827), schweizer Pädagoge und Sozialreformer


Fabel - Die Lerche und ihre Jungen
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Die Lerche und ihre Jungen – Fabel von August Friedrich Ernst Langbein

Hoch wallte das goldene Weizenfeld und baute der Lerche ein Wohngezelt. Sie flog einst in Geschäften aus und kam erst am Abend wieder nach Haus. Da rief der Kindlein zitternde Schar:

"Ach, Mutter, wir schweben in großer Gefahr. Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann, ging heut' mit dem Sohn hier vorbei und begann: 'Der Weizen ist reif, die Mahd muss geschehn. Geh, bitte die Nachbarn, ihn morgen zu mähn.'"

"Oh", sagte die Lerche, "dann ist es noch Zeit; nicht flugs sind die Nachbarn zu Diensten bereit."


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Missmutig über den Tod seiner Erschlagenen, neigte ein siegender König sein Haupt gegen den Boden. Ein Schmeichler, der merkte, was den Fürsten drückte, zeigte ihm zahllose am Boden liegende Blätter unter einer Linde und fragte den König: "Werden diese nicht wieder wachsen?"

 


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Ein Hühnerfreund kaufte ein Rebhuhn, um es in seinem Hof mit seinem anderen Geflügel laufen zu lassen, allein die Hühner bissen und trieben es stets vom Fressen ab. Dies schmerzte das Tier sehr, denn es glaubte, es geschehe ihm diese Zurücksetzung, weil es fremd sei; betrübt zog es sich in einen Winkel zurück.

Bald aber tröstete es sich, als es sah, dass sich die Hühner untereinander ebenso bissen und sprach zu sich: "Wenn diese schlechten Tiere Feindseligkeiten sogar gegen sich selbst ausüben, so werde ich wohl eine solche Behandlung mit Gleichmut ertragen können."

Geiz und Missgunst sind die größten Feinde des Friedens!

Aesop, um 550 v. Chr., griechischer Sklave und Fabeldichter


Bewertung: 5 / 5

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Ein Wolf sagte zu einem Pferde: "Warum bleibst du denn dem Menschen so treu, der dich doch sehr plagt, und suchst nicht lieber die Freiheit?" - "Wer würde mich wohl in der Wildnis gegen dich und deinesgleichen verteidigen", antwortete das philosophische Pferd, "wer mich pflegen, wenn ich krank wäre, wo fände ich solches gutes, nahrhaftes Futter, wo einen warmen Stall? Ich lasse dir gern für das alles, das mir meine Sklaverei verschafft, deine Chimäre von Freiheit. Und selbst die Arbeit, die ich habe, ist sie Unglück?"

Novalis, eigentlich Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, deutscher Lyriker, 1772 - 1801


Fabel - Merops - Gotthold Ephraim Lessing
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Merops

"Ich muss dich doch etwas fragen", sprach ein junger Adler zu einem tiefsinnigen, grundgelehrten Uhu. "Man sagt, es gäbe einen Vogel mit Namen Merops, der, wenn er in die Luft steige, mit dem Schwanze voraus, den Kopf gegen die Erde gekehrt, fliege. Ist das wahr?"

"Ei nicht doch!", antwortete der Uhu, "das ist eine alberne Erdichtung des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein, weil er nur gar zu gern gen Himmel fliegen möchte, ohne die Erde auch nur einen Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren."

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781), deutscher Schriftsteller


Fabel - Der Fuchs und die Trauben - von Aesop

Bewertung: 5 / 5

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Der Fuchs und die Trauben (von Aesop)

Ein Fuchs schlich sich an einen Weinstock heran. Sein Blick hing sehnsüchtig an den dicken, blauen, überreifen Trauben. Er stützte sich mit seinen Vorderpfoten gegen den Stamm, reckte seinen Hals empor und wollte ein paar Trauben erwischen, aber sie hingen zu hoch. 


Bewertung: 5 / 5

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Die Drei Söhne von Leo Tolstoi

Drei Frauen trafen sich am Brunnen beim Wasser holen. Nicht weit davon saß ein alter Mann auf einer Bank und hörte, wie die Frauen ihre Söhne lobten.

"Mein Sohn", sagte die erste, "ist so geschickt, dass er alle anderen hinter sich lässt ..." "Mein Sohn", stand die zweite Frau nicht nach, "singt so schön wie die Nachtigall! Es gibt keinen, der eine so schöne Stimme hat wie er..."

"Und warum lobst du deinen Sohn nicht?", fragten sie die Dritte, weil diese schwieg.


Bewertung: 5 / 5

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Geschichten aus Pakistan

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Ein König fragte einst seinen Wesir: "Was hat es denn nun mit der Geschichte von der Schildkröte und dem Skorpion auf sich?"

Der Wesir erzählte: "Verehrter König! Die Geschichte verlief so: Eines Tages lag eine Schildkröte am Ufer eines Flusses in der Sonne. Da begann es zu brennen und die Schildkröte wollte ans andere Ufer fliehen.


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aesop zwei haehne

Von zwei Hähnen, welche um Hennen miteinander kämpften, behielt der eine die Oberhand über den andern. Der Überwundene zog sich zurück und verbarg sich an einem dunklen Orte; der Sieger aber flog aufwärts, stellte sich auf eine hohe Wand und krähte mit lauter Stimme. Da schoss jählings ein Adler herab und nahm ihn mit sich fort. Nunmehr kam der Versteckte ungehindert wieder aus seinem Unterschlupf hervor und gesellte sich zu den Hennen.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Der alte Löwe und der Fuchs

Bewertung: 4 / 5

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Der alte Löwe und der Fuchs

Ein alter, schwacher Löwe lag in seiner Höhle und war nicht mehr fähig zu jagen.

Er war im Begriff zu verhungern. Doch in seiner Not ließ der Löwe in seinem Reich die Botschaft von seinem nahen Tode verbreiten. Er befahl allen Untertanen, an die königliche Höhle zu kommen, wo er von jedem persönlich Abschied nehmen wolle. 


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Ein Ochsentreiber fuhr mit einem Wagen, welcher mit Holz schwer beladen war, nach Hause.

Als der Wagen im Moraste stecken blieb, flehte sein Lenker, ohne sich selbst auch nur im Geringsten zu bemühen, alle Götter und Göttinnen um Hilfe an. Vor allem bat er den wegen seiner Stärke allgemein verehrten Herkules, ihm beizustehen. 

Da soll ihm dieser erschienen sein und ihm seine Lässigkeit also vorgeworfen haben: "Lege die Hände an die Räder und treibe mit der Peitsche dein Gespann an, zu den Göttern flehe jedoch erst dann, wenn du selbst etwas getan hast; sonst wirst du sie vergeblich anrufen."

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Die Suche des Königs

Bewertung: 5 / 5

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Der frischgekrönte König von Rikania, seine Hoheit Trubor Dallante, gerade einmal 25 Jahre jung, strebte danach, ein guter und gerechter Herrscher zu werden. Er war überzeugt davon, dass der oberste Führer eines Königreiches nach weisem Rat streben sollte. Aber wie sollte er diesen finden? Wer konnte ihn als Herrscher kompetent beraten?

Die Lehrer des vorigen Königs buhlten wohl um seine Gunst. Doch ihn störte deren Geltungsdrang und er erkannte in ihren Ratschlägen allzu oft die Verstrickungen in die Interessen ihrer Familien. So beschloss er, in seinem Reich auf die Suche nach Weisheit zu gehen. Jedoch fand er zunächst etwas anderes ...


Bewertung: 3 / 5

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Es lief ein Hund durch einen Strom und hatte ein Stück Fleisch im Maul; als er aber das Spiegelbild vom Fleisch im Wasser sah, dachte er, es wäre auch Fleisch, und schnappte gierig danach. Als er aber das Maul auftat, entfiel ihm das Stück Fleisch, und das Wasser trug es weg; also verlor er beides: das Fleisch und das Spiegelbild.

Martin Luther, deutscher Reformator, 1483 - 1546


Bewertung: 1 / 5

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Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, dass jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie mich! dachte er. Aber als er ein bisschen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor ihm, dass er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an den Fingerspitzen.


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Ein Esel warf einmal eine Löwenhaut um sich her, lustwandelte mit stolzen Schritten im Wald und schrie sein 'Ia Ia' aus allen Kräften, um die andern Tiere in Schrecken zu setzen. Alle erschraken, nur der Fuchs nicht. Dieser trat keck vor ihn hin und höhnte ihn: "Mein Lieber, auch ich würde vor dir erschrecken, wenn ich dich nicht an deinem 'Ia' erkannt hätte. Ein Esel bist und bleibst du!"

Mancher Einfältige in prächtigem Gewande gälte mehr, wenn er schwiege, denn: Mit Schweigen sich niemand verrät.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Bewertung: 4 / 5

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Vor langer Zeit plagte Häuptling Norbu vom Amdo-Stamm in der tibetanischen Hochebene ein schwieriges Problem. Er spürte das Ende seiner Zeit, die er unter den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas verbringen durfte, gekommen und somit wurde es höchste Zeit, einen Nachfolger zu finden. Laut den Gesetzen des Stammes musste das jemand sein, der von der Gargya-Blutsverwandtschaft abstammt. Somit kamen nur seine drei Söhne in Frage. Doch welchen sollte er als künftiges Oberhaupt des Stammes einsetzen? Er stellte ihnen eine unmögliche Aufgabe ...


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Ein großer Hund hatte einem kleinen, schwächlichen Hündchen ein dickes Stück Fleisch abgejagt. Er brauste mit seiner Beute davon. Als er über eine schmale Brücke lief, fiel zufällig sein Blick ins Wasser. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, denn er sah unter sich einen Hund, der gierig seine Beute festhielt. 

"Der kommt mir zur rechten Zeit", sagte der Hund auf der Brücke, "heute habe ich wirklich Glück. Sein Stück Fleisch scheint noch größer zu sein als meins." 

Gefräßig stürzte sich der Hund kopfüber in den Bach und biss nach dem Hund, den er von der Brücke aus gesehen hatte. Das Wasser spritzte auf. Er ruderte wild im Bach umher und spähte hitzig nach allen Seiten. Aber er konnte den Hund mit dem Stück Fleisch nicht mehr entdecken, er war verschwunden. 

Da fiel dem Hund sein soeben erbeutetes, eigenes Stück ein. Wo war es geblieben? Verwirrt tauchte er unter und suchte danach. Doch vergeblich, in seiner dummen Gier war ihm auch noch das Stück Fleisch verlorengegangen, das er schon sicher zwischen seinen Zähnen gehabt hatte.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


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aesop fabel apix

Eine wilde Ziege flüchtete vor den Hunden des Jägers in einen Weinberg und versteckte sich unter den Blättern eines alten Weinstocks. Die Hunde rannten vorbei und die Ziege entkam ihren Verfolgern. Doch dann machte sie einen fatalen Fehler.

Kaum glaubte sie sich außer Gefahr, machte sie sich auch gleich über die Reben her. Sie fraß die Blätter, die kurz zuvor ein Versteck waren und ihr das Leben retteten. Das Fressgeräusch der wilden Ziege machte den Jäger aufmerksam, der weit hinter seinen Hunden herangepirscht war. Er entdeckte auch bald die Ziege und erlegte sie. 

"Ach!" seufzte die Ziege sterbend, "mit Recht habe ich diese Strafe verdient, weil ich meinen Beschützer mit schnödem Undank belohnte."

Es ist das größte Unrecht, Wohltaten mit Übel zu vergelten; der Undankbare entgeht selten der verdienten Strafe.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr. 


Bewertung: 5 / 5

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Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, dass ihm ein Knochen im Rachen stecken blieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde. Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung.

"Wie?" höhnte der Wolf, "du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, dass du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, dass du noch lebest!"

Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


Der Wandel | Eine blueprints Geschichte
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Eine Geschichte darüber, wie Unzufriedenheit in Zufriedenheit verwandelt werden kann.

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"Hilfe! Wir werden noch wahnsinnig. Es muss etwas passieren." Antonio zog mit beiden Händen an seinen wuscheligen Haaren. Er lebte zusammen mit seiner Frau, den Schwiegereltern und seinen vier Kindern in einer 1-Zimmer-Wohnung in der Altstadt.

"Aber was sollen wir tun? Wir können uns doch keine größere Wohnung leisten!" Maria, seine Frau, hob hilflos die Arme.

"Es ist die Hölle. Den ganzen Tag brüllt irgendwer, wir schreien uns an, ich habe mich heute schon dreimal mit deinem Vater gestritten." Antonio blickte stumpf auf den Küchentisch und fuhr mit den Fingern die Holzmaserungen nach. Die kleine Belana, gerade ein Jahr alt geworden, krabbelte zwischen seinen Beinen hindurch.

"Vielleicht weiß der Meister einen Rat?" Seine Frau zog fragend die Augenbrauen hoch.

Antonio wippte abwägend den Kopf hin und her. Wie sollte der weise Mann bei diesem Problem helfen können? Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch, die kleine Belana fiel vor Schreck einfach um. "Ich werde gleich hingehen und ihn um Rat fragen. Schaden kann es ja nichts."

Beim Meister

Zu Antonios Überraschung meinte der Alte schon nach kurzer Überlegung, eine Lösung für das Problem zu kennen. "Aber zunächst verspreche mir, genau das zu tun, was ich dir als Lösung vorschlage", forderte der Meister.


Bewertung: 1 / 5

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Der Löwe, ein Schaf und andere Tiere gingen zusammen auf die Jagd. Der Löwe schwur, er wolle nach ihrer Zurückkunft alles Erbeutete mit ihnen redlich teilen. Als nun ein Hirsch in einem Sumpfe steckenblieb, wo gerade das Schaf Wache hielt, meldete dieses dem Löwen den Vorfall.

Der Löwe eilte herbei, erwürgte den Hirsch und teilte die Beute in vier gleiche Teile.

"Der erste Teil gehört mir", sagte er nun zu den Umstehenden, "weil ich der Löwe bin; der zweite, weil ich der Herzhafteste unter euch bin; den dritten müsst ihr mir als dem Stärksten überlassen, und den werde ich auf der Stelle erwürgen, welcher mir den vierten abspricht."

So behielt der Löwe den ganzen Hirsch, ohne dass es seine Jagdgenossen auch nur wagen durften, darüber zu klagen.
 
Mit einem starken Gewalttätigen gehe nicht gemeinschaftlich auf Geschäfte aus, er teilet immer zum Nachteil des Schwächeren.

Aesop, um 550 v. Chr., griechischer Sklave und Fabeldichter


Die Gaben der Tiere

Bewertung: 5 / 5

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Die Gaben der Tiere

So konnte es nicht weitergehen! Alle Tiere des Hofes hatten sich im langen Stallgebäude vor der Schafweide versammelt. Es musste etwas geschehen, und jetzt war die passende Zeit dafür: Weihnachten. Da waren sich alle Tierbewohner der Farm einig. Doch was sollte man tun? Niemand konnte mit den Menschen reden. Sogar die schlaue Stute Herminda schnaubte ratlos mit ihren Nüstern.

"Darf ich einen Vorschlag machen?"

Alle Versammlungsmitglieder verstummten. Woher kam die schnatternde Stimme? Die Tiere blickten verwirrt von einem zum anderen.


Bewertung: 5 / 5

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Auf dem Hühnerhof erkrankte der Hahn so schwer, dass man nicht mehr damit rechnen konnte, dass er am nächsten Morgen krähen werde. Die Hennen machten sich daraufhin große Sorgen und fürchteten, dass die Sonne an diesem Morgen nicht aufgehe, wenn das Krähen ihres Herrn und Meisters sie nicht rufe.


Bewertung: 4 / 5

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Ein Mann kaufte einen Esel, aber nicht gleich endgültig, sondern er machte eine Probezeit aus. Als er mit ihm in seinen Hof kam, wo schon mehrere Esel teils bei der Arbeit, teils bei der Abfütterung waren, ließ er ihn frei laufen. Sogleich trottete der neue zu dem faulsten und gefräßigsten Gefährten und stellte sich zu ihm an die Futterkrippe. Da legte ihm der Mann den Strick wieder um den Hals und brachte ihn dem bisherigen Besitzer zurück. 

"So schnell kannst du ihn doch gar nicht erprobt haben", wunderte sich der. 

"O mir genügt, was ich gesehen und erfahren habe: Nach der Gesellschaft, die er sich ausgesucht hat, ist er ein übler Bursche!" 

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.


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pfeile gruen 564

Einst gab es einen großen König, der war auch ein meisterhafter Krieger. Er war stolz darauf, dass ihn keiner besiegen konnte. Doch eines Tages, bei einer Jagd, sah er etwas, das ihm seine Zuversicht nahm.

Der König starrte auf einen Pfeil, der genau im Zentrum einer winzig kleinen Zielscheibe steckte, welche auf einen Baum aufgemalt war. Der König wusste aus seiner Ausbildungszeit, dass ein solcher Schuss extrem schwierig war. Er würde nie einen solch perfekten Pfeil schießen können. Da war er sich sicher.

"Wer war dies?", frage der König spontan. Gleichzeitig überkam ihn eine Angst, dass sich der Schütze irgendwo verborgen hielt und vielleicht gerade auf ihn zielte. Mit solch einer Fähigkeit würde er ihn von großer Distanz mühelos treffen.

Als der König zurück in den Palast kam, sendete er einen ganzen Trupp aus, diesen Krieger zu suchen und zu finden. Die Männer gaben sich alle Mühe und durchsuchten den gesamten Wald, doch sie entdeckten keine Spur von dem Unbekannten.

Und es kam schlimmer.


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Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche herum.


Die Elfen und der neidische Nachbar
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Ein Märchen aus Japan

Es war einmal ein Mann, der auf seiner Reise mitten im Gebirge von der Dunkelheit überfallen wurde. Er suchte im Stamm eines hohlen Baumes Obdach. Gegen Mitternacht versammelten sich Elfen auf dem freien Platz vor dem Baum, und der Mann, aus seinem Versteck hervorlugend, geriet vor Schreck außer sich.


Bewertung: 5 / 5

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Noten

In seiner Radioserie (paul harvey news and comment) "Der Rest der Geschichte" erzählte Paul Harvey (legendärer Radiokommentator) einmal, wie aufrichtige Anerkennung das ganze Leben eines Menschen ändern kann.


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fichte apix

Die Abendsonne beschien mit goldenen Strahlen eine riesige Fichte, die an einer felsigen Berghalde stand. Ihr stachliges Laub prangte im schönsten Grün, und ihre Äste waren wie mit Feuer übergossen und glänzten weit sichtbar. Sie freute sich über ihren Glanz und meinte, all diese Herrlichkeit gehe von ihr selbst aus und sei ihr eigener Verdienst, so dass sie eitel wurde. Prahlend rief sie: "Seht her, ihr anderen Gewächse und Geschöpfe, wo erscheint eines in solcher Pracht wie ich edle Fichte? Gewiss, ihr seid zu bedauern, dass euch der Schöpfer nicht schöner geschmückt hat." 

Das hätte sie nicht rufen sollen.


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krug riss k3 564

 

Vor vielen Jahren holte Hausdiener Kildram jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss Madrub zum Haus seines Herrn. Die beiden Krüge hängte er an die Enden eines Holzstabes, den er über der Schulter trug.

Einer der beiden Krüge bekam eines Tages einen Sprung, so dass er auf dem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines wertvollen Inhaltes verlor. Dieser Krug bemühte sich nach Kräften, seinen Riss wieder zu verschließen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, es tröpfelte immer etwas heraus. Der beschädigte Krug wurde sehr zornig mit sich.

So ging es ein ganzes Jahr lang, unser kaputter Krug wurde von Tag zu Tag trauriger. Dann hielt er es nicht mehr aus. Mit Verzweiflung in der Stimme wendete er sich an Kildram und klagte:


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Eine Ballade von Ernst Moritz ArndtUnd die Sonne machte den weiten Ritt um die Welt,
Und die Sternlein sprachen: "Wir reisen mit
Um die Welt";
Und die Sonne, sie schalt sie: "Ihr bleibt zu Haus!
Denn ich brenn euch die goldnen Äuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt."
Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen: "Du, der auf Wolken thront
In der Nacht,
Lass uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein,
Er verbrennet uns nimmer die Äugelein."


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Der Hase mit den Hörnern (Fabel)Ein Häschen tummelte sich ausgelassen an einem wunderschönen Sommermorgen auf einem freien Plätzchen, das von dichtem Buschwerk umgeben war. Hier fühlte es sich sicher. Vergnügt hopste es über ein paar Heidebüschel, sauste übermütig im Kreis umher und wälzte sich mit Wohlbehagen im sonnengewärmten Sand. Es zersprang fast vor Lebenslust und wusste vor Glück nicht wohin mit seinen Kräften.

Aber plötzlich duckte es sich blitzartig in einer kleinen Erdmulde nieder. Ein Hirsch setzte über die Büsche hinweg, und gleich darauf folgte ein Widder. Danach trampelte auch noch ein schwerer Stier respektlos quer durch das sonnige Morgenreich des kleinen Häschens.

"Unverschämte Bande", kreischte das Häschen, "mir meinen schönen Morgen so zu verderben!" Kaum hatte es sich wieder aufgerappelt, sprang eine Ziege über die Sträucher. "Halt", schrie das Häschen, "was soll das bedeuten, wo läuft ihr denn alle hin?"


Bewertung: 5 / 5

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Das letzte Geschenk

Großmutter fiel aus dem Rahmen. Gäste empfing sie liegend - auf ihrem Diwan. Stets glomm dabei eine schwarze Zigarettenspitze zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ganz Greta Garbo.

Keine Familienfeier, auf der Omi meiner Mutter nicht durch einen anzüglichen Witz die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Sogar Vater stand mitunter der Mund offen.

Ich liebte meine Großmutter. Über alles!


Bewertung: 5 / 5

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Der Floh und der Hammel

Allzu leicht denken wir, dass etwas anderes für uns besser wäre als das, was wir gerade haben. Doch wie auch der Floh in der folgenden Geschichte müssen wir uns auf unvorhergesehene Folgen gefasst machen.

Ein Floh, der im geschorenen Fell eines Hundes wohnte, vernahm eines Tages den angenehmen Geruch von Wolle.

"Was ist denn das?" Der Floh machte einen Sprung und bemerkte, dass sein Hund auf dem Fell eines Hammels eingeschlafen war.

"Welch ein Pelz ist das gegen den meines Hundes?!" sprach der Floh. "Er ist dicker und weicher, und vor allem ist er sicherer. Da besteht keine Gefahr, dass mich die Krallen und Zähne des Hundes erwischen und töten. Außerdem wird das Hammelfell sicherlich wohnlicher sein."

Ohne weiter nachzudenken wechselte der Floh seine Behausung.


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steinmauer-weg-564

Seit etlichen Monaten ging Virgo täglich an einem Hang vorbei, an dem ein Mann eine Mauer baute. Tagein, tagaus sah er ihn Steine von den Feldern holen, sie wie Puzzleteile aufeinander zu stapeln und deren Sitz zu prüfen. Schritt für Schritt wuchs die Mauer, die er zum Hang hin ständig mit schwerer, lehmiger Erde auffüllte. Langsam entstand so ein kleines Plateau.

Die wunden Hände des Mannes waren geschäftig von früh am Morgen bis spät in den Abend. Virgo war verwundert über den alten Mann, der trotz der schweren Arbeit immer ein Lächeln auf seinem faltigen Gesicht trug.

Doch eines Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, blieb Virgo vor der mittlerweile mächtigen Mauer stehen. Das Plateau hinter der Mauer war bereits so groß wie ein Tennisfeld.


Der Ausblick - Geschichte
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Der 50-jährige Antipasti-Händler Tobias erlitt eines schönen Frühlingsmorgens auf dem Weg zum Markt mit seinem Transporter einen schweren Unfall. Er schlug hart mit den Rippen auf das in die Fahrerkabine gedrückte Lenkrad. Die Diagnose der Ärzte: Mindestens acht Wochen strengste Bettruhe in einem Stützkorsett, das jegliches Aufrichten oder Drehen verhindert. Mit Glück würde er danach wieder gehen können.

Niedergeschlagen ließ er sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er halbherzig und versank sogleich in düstere Schwermut. Apathisch starrte er auf die weiße Decke. Wie würde es mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Markt stehen können? Welche Alternativen hätte er?

Wenn er doch wenigstens eine Partnerin hätte, auf die er in dieser schweren Zeit bauen könnte. Jetzt rächte sich sein eigenbrötlerischer Lebensstil, den er seit vielen Jahren kultivierte. Hin und wieder löste sich in ihm ungewollt ein Stöhnen oder ein leises Seufzen.

Tobias war in einen dämmrigen Halbschlaf voller trüber Fantasien gefallen, als die Schwester erneut in das Krankenzimmer hereinkam. Aus den Augenwinkel nahm er wahr, wie sie den Kopfbereich des Bettes vom Alten am Fenster elektrisch hochfuhr, so dass dieser aufrecht sitzend aus dem Fenster schauen konnte. Was dieser dort sah, konnte Tobias nicht erkennen. Sein Kopf war durch das Stützkorsett in seinem Bewegungsradius fast vollständig eingeschränkt.

Nachdem die Schwester das Zimmer wieder verlassen hatte, begann der Greis, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, zu sprechen: "Ich habe Flüssigkeit in der Lunge und werde jeden Tag für eine Stunde aufgerichtet. Das ist für mich die schönste Zeit des Tages. Möchten Sie, dass ich Ihnen schildere, was ich hier sehe?"


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Arbeite! (von Émile Zola)Arbeite! Das ist das einzige Gebot auf dieser Welt! Jeder soll seine Aufgabe erfassen und diese soll sein Leben ausfüllen. Es kann eine ganz bescheidene Aufgabe sein, aber sie ist deswegen doch etwas Nützliches und Wertvolles. Es kommt nicht darauf an, worin sie besteht, wenn sie nur da ist und aufrechterhält. Wenn du sie ausführst, ohne das Maß dabei zu überschreiten, gerade so viel als du jeden Tag leisten kannst, dann wirst du gesund und froh leben.

Émile François Zola, französischer Schriftsteller und Journalist, 1840 - 1902


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landschaft berge 564

Der Buddhismus ist reich an Geschichten, die den Menschen an seinen inneren Kern führen wollen. Dabei soll meist gezeigt werden, dass der Mensch im Inneren schon alles hat. Es will allerdings frei gelegt werden, so wie der Bildhauer die Figur aus dem Stein befreit.

So auch die Geschichte von den zwei Freunden, die finanziell ganz unterschiedlich gestellt waren. Der reiche Freund lebte in der Hauptstadt des Landes, er besaß dort ein Haus mit Park und mehreren Hausangestellten. Sein Freund hingegen wohnte in einer baufälligen Hütte auf dem Land, er konnte gerade einmal sechs Hühner sein eigen nennen.

Die Beiden trafen sich regelmäßig, doch heute war etwas anders ...


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Ein Holzhacker kam in einen Wald und bat ihn um die Erlaubnis, etwas Holz zu einem Stiel für seine Axt abhauen zu dürfen.

Der Wald bewilligte es, bald aber hatte er Ursache, seine Entscheidung zu bereuen. Der Holzhacker bediente sich nun seiner Axt, große Äste von den Bäumen abzuhauen und beraubte so den Wald seiner vornehmsten Zierde. Der gute Wald konnte es nicht verwehren, denn er hatte dem Holzhauer die Waffe selbst in die Hände gegeben.

Es bedienen sich Undankbare oft der empfangenen Wohltaten gegen ihre Wohltäter.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

 


Bewertung: 5 / 5

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Eiswasser

Eine der Kurzgeschichten aus der Kindle-Version des Buches: "Strandglut 27 Short(s) Stories" von Nika Lubitsch, eingesandt von Gabriele Juin, mit freundlicher Genehmigung von Frau Lubitsch.

Sie waren alle gekommen, zur großen Party:

Das Leid trug, natürlich, schwarz. Mit einem raffinierten kleinen Spitzenschleier.

Beim Glück konnte man kaum hinsehen, sein goldenes Paillettenkleid funkelte und blitzte im Scheinwerferlicht, dass es in den Augen wehtat.

Die Sorgen machten mal wieder einen auf ernst. Typisch. Mausgraue Anzüge, selbst die Krawatten waren wenig kreativ, dafür aber von erster, teurer Qualität.

Die Freude war ganz in Gelb gehüllt und hatte sich eine riesige Sonnenblume ans Kleid geheftet.

Für den Geschmack vom Ärger ziemlich vulgär. Aber Ärger war nun mal ein bisschen verkniffen. Das sah man schon am dunkelgrünen Anzug.

"Grün, ich bitte Sie, das tragen schließlich nur Versager", flüsterte die Bosheit ihrem Nachbarn, dem Neid, zu.


Wenn ich könnte ...

Bewertung: 5 / 5

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Wenn ich mein Leben nochmals leben könnte ...

Wenn ich mein Leben nochmals leben könnte, würde ich versuchen, mehr Fehler zu begehen. Ich würde nicht immer perfekt sein wollen, würde mich vielmehr die meiste Zeit eher entspannen.

Ich wäre ein wenig ausgefallener, als ich es gewesen bin, kurzum:


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Ein Vogelsteller hatte viele Köstlichkeiten geschickt auf seinem Herd ausgebreitet und einen Lockvogel dazugesetzt, der vortrefflich singen konnte

Die Vögel in der Nachbarschaft hörten diesen Gesang, flogen herbei und sprachen: "Was hier für ein Überfluss von Speisen daliegt! Und wie freundlich uns unser Geselle, dem selbst so wohl ist, dazu einlädt! Wir wollen diese Gelegenheit benützen!"

Kaum hatten sie zu fressen angefangen, so fiel das Garn, und sie verloren Freiheit und Leben.

Ein Vogel nur hatte sich entfernt gehalten, und der Lockvogel rief ihm zu: "Wer hat dich allein so klug gemacht, dass du nicht näher kommst?"

"Eine einfache Lehre meines Vaters! - Sohn, sagte er oft, wenn man dir einen Vorteil zeigt, gar so groß und gar so leicht zu erlangen, so hüte dich, denn gemeiniglich liegt Betrug im Hinterhalte."

August Gottlieb Meißner, deutscher Universitätsprofessor, Schriftsteller, 1753 - 1807


Bewertung: 5 / 5

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Zwei Freunde gelobten sich gegenseitig, sich in allen Fällen treu beizustehen und Freud und Leid miteinander zu teilen. So traten sie ihre Wanderschaft an.

Unvermutet kam ihnen auf einem engen Waldwege ein Bär entgegen. Vereint hätten sie ihn vielleicht bezwungen. Da aber dem einen sein Leben zu lieb war, verließ er, ebenso bald vergessend, was er kurz vorher versprochen hatte, seinen Freund und kletterte auf einen Baum. Als sich der andere nun verlassen sah, hatte er kaum noch Zeit, sich platt auf den Boden zu werfen und sich tot zu stellen, weil er gehört hatte, dass der Bär keine Toten verzehre.

Vogel Rock

Bewertung: 4 / 5

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Vogel Rock und die Wachtel 

Es lebte einmal ein Riesenvogel namens Rock. Sein Rücken war so hoch wie der Berg Tai, und wenn er seine Flügel ausbreitete, dann waren sie weit wie die Wolken, die den Himmel bedecken. 

Sobald er sich in die Lüfte erhob, begann ein ungeheurer Sturm, und wenn er hoch über den Wolken unter dem tiefblauen Himmel dahinschwebte, legte er mit einem einzigen Flügelschlag tausend Meilen zurück.

Einmal flog er vom Norden zum Südlichen Meer. "Was er nur hat?" wunderte sich eine Wachtel und konnte das Lachen nicht verbergen. "Ich hüpfe hier von Ast zu Ast oder vergnüge mich unten in den Büschen. Das genügt mir völlig. Wo der bloß hin will!"

Merke: Wenn der Horizont verschieden ist, sind es auch die Gedanken.

Aus China


Bewertung: 3 / 5

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Drei Stiere schlossen miteinander ein Bündnis, jede Gefahr auf der Weide mit vereinten Kräften abzuwehren; so vereinigt, trotzten sie sogar dem Löwen, dass dieser sich nicht an sie wagte.

Als ihn eines Tages der Hunger arg plagte, stiftete er Uneinigkeit unter ihnen. Sie trennten sich, und nach nicht acht Tagen hatte er alle drei, jeden einzeln, angegriffen und verzehrt.

Eintracht gibt Stärke und Sicherheit, Zwietracht bringt Schwäche und Verderben.

Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v. Chr.

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hund zaehne jx 564

Eine muslimische Geschichte von Nisami, die von Goethe übersetzt wurde, von Jesus handelt und durchaus auch von einem Taoisten stammen könnte:

Herr Jesus, der die Welt durchwandert,
ging einst an einem Markt vorbei;
ein toter Hund lag auf dem Wege,
geschleppet vor des Hauses Tor,
ein Haufe stand ums Aas umher,
wie Geier sich um Äser sammeln.
Der eine sprach: "Mir wird das Hirn
von dem Gestank ganz ausgelöscht."
Der andre sprach: "Was braucht es viel,
der Gräber Auswurf bringt nur Unglück."
So sang ein jeder seine Weise,
des toten Hundes Leib zu schmähen.
Als nun an Jesus kam die Reih,
sprach, ohne Schmähn, er guten Sinns,
er sprach aus gütiger Natur:
"Die Zähne sind wie Perlen weiß."
Dies Wort macht den Umstehenden,
durchglühten Muscheln ähnlich, heiß.

von Nisami, übersetzt von Goethe


Bewertung: 5 / 5

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Ein Kalb entdeckte einen Igel und sprach: "Ich fresse dich!" Der Igel wusste nicht, dass Kälber keine Igel fressen, erschrak, rollte sich ein und fauchte: "Versuch es doch!" Mit erhobenem Schwanz fing das einfältige Kalb an zu hüpfen, stieß mit den Hörnern in die Luft, spreizte die Vorderfüße und beleckte den Igel.

"Oi, oi, oi", brüllte das Kalb und rannte zur Kuh-Mutter und beklagte sich: "Der Igel hat mich in die Zunge gestochen."

Bewertung: 5 / 5

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Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm.

Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in einem Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass.

Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur.

Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen.

"Was machst du da?" fragte der Vater. "Ich mache ein Tröglein", antwortete das Kind, "daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin."

Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen an zu weinen, holten den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Aus der Märchensammlung der Brüder Grimm, basiert auf Johann Michael Moscheroschs Mahngedicht Kinderspiegel von 1643


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von Christian Fürchtegott Gellert, deutscher Dichter, 1715 - 1769

Vorzeiten gab's ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er red'te,
Nicht, wenn er ging, gehinkt hätte;
Denn beides hielt man für galant.
Ein Fremder sah den Übelstand;
Hier, dacht er, wird man dich
im Gehn bewundern müssen,
Und ging einher mit steifen Füßen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn,
Und jeder blieb vor Lachen stehen,
Und schrie: "Lehrt doch den Fremden gehen!"

Der Fremde hielt's für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
"Ihr", rief er, "hinkt; ich aber nicht:
Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!"
Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande.

Gewohnheit macht den Fehler schön,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wird's ein Kluger wagen
Und, dass wir töricht sind, uns sagen
Wir selber halten ihn dafür,
Bloß, weil er klüger ist als wir.

Gellert galt zeitlebens als meistgelesener deutscher Schriftsteller.


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die sonne und der wind apix

Einst stritten sich die Sonne und der Wind, wer von ihnen beiden der Stärkere sei, und man ward einig, derjenige solle dafür gelten, der einen Wanderer, den sie eben vor sich sahen, am ersten nötigen würde, seinen Mantel abzulegen.

Ein nachdenkenswerter Wettkampf begann.


Bewertung: 5 / 5

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Ein Mann ging zu einem Mönch, als dieser in seinem Dorf Rast machte und rief aus. "Gib mir sofort den Stein, den Edelstein!" Der Mönch antwortete: "Von welchem Stein sprichst du". Der Mann sagte: "Heute Nacht ist mir Gott im Traum erschienen und sagte zu mir: Morgen um die Mittagszeit wird ein Mönch durchs Dorf kommen, und wenn er dir den Stein gibt, den er bei sich trägt, wirst du der reichste Mann des ganzen Landes. Also her mit dem Stein!"

Bewertung: 5 / 5

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"Sagen Sie bitte der Firma, ich rufe zurück sobald ich vom Mittagstisch mit dem Kunden zurückkomme."

Ich nickte meinem Chef schnell noch zu und schnappte Lederjacke, Handtasche und Buch. Etwas lauter als gewollt fiel die Bürotür ins Schloss.

Endlich! Ich hätte keine Sekunde länger mehr auf eine Pause verzichten können.

 


Bewertung: 5 / 5

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Meister Ki vom Südweiler wanderte zwischen den Hügeln von Schang. Da sah er einen Baum, der war größer als alle andern. Tausend Viergespanne hätten in seinem Schatten Platz finden können.

Der Meister Ki sprach: "Was für ein Baum ist das! Der hat gewiss ganz besonderes Holz."

Er blickte nach oben, da bemerkte er, dass seine Zweige krumm und knorrig waren, sodass sich keine Balken daraus machen ließen. Er blickte nach unten und bemerkte, dass seine großen Wurzeln nach allen Seiten auseinandergingen, sodass sich keine Särge daraus machen ließen. Leckte man an einem seiner Blätter, so bekam man einen scharfen, beißenden Geschmack in den Mund; roch man daran, so wurde man von dem starken Geruch drei Tage lang wie betäubt.

Meister Ki sprach: "Das ist wirklich ein Baum, aus dem sich nichts machen lässt. Dadurch hat er seine Größe erreicht. Oh, das ist der Grund, warum der Mensch des Geistes unbrauchbar für das Leben ist."

Zhuangzi, chinesischer Philosoph und Dichter


 

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