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"Sagen Sie bitte der Firma, ich rufe zurück sobald ich vom Mittagstisch mit dem Kunden zurückkomme."

Ich nickte meinem Chef schnell noch zu und schnappte Lederjacke, Handtasche und Buch. Etwas lauter als gewollt fiel die Bürotür ins Schloss.

Endlich! Ich hätte keine Sekunde länger mehr auf eine Pause verzichten können. Zum x-ten Male dieselben Fragen, dieselben unvernünftigen Fragen und Antworten, Ärger, unterschwellige Unzufriedenheit. Ich konnte halt mal gerade keinen positiven Fuß in die Verhandlungstür bekommen.

In Gedanken versunken durchquerte ich eilig die Bank. Für einen Moment lang schloss ich die Augen und seufzte erleichtert, in der belebten Fußgängerzone in den strahlenden Sommertag eintauchen zu können.

Alles und alle zerrten seit längerem an meinen Nerven. Und heute einmal mehr hatte ich es versäumt "NEIN" zu sagen. Nur heute? Was gäbe ich darum, allen gedanklichen Ballast an den berühmten Nagel zu hängen und einfach nur zu SEIN!

Trotz Sonne fröstelte es mich. Jetzt wie Veronika beschließen zu sterben wie bei Coelho. Würde mir das endlich Ruhe bringen?

Am letzten freien Zweiertisch eines kleinen Cafés versuchte ich endlich abzuschalten. Doch Zigarettenqualm, klingelnde Handys und das ewige Geschnattere der Menschen verdarben mir auch hier die Freude am Lesen und dem Ich-selbst-sein-für-einen-moment. Und den Genuss meines Espressos.

"Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

Ich schreckte hoch. Der Logik meines heutigen Tages folgend aber auch meiner Kundenorientierung, murmelte ich ein gequältes: "Ja bitte". Ein grauhaariger älterer Herr um die siebzig setzte sich zu mir und dankte freundlich.

"Ich rauche heute auch nicht."

Konnte er meine Gedanken lesen? Ich lächelte schief und versenkte mich wieder in meine Lektüre.

"Ich freue mich, dass Sie sich für Literatur interessieren", bemerkte der ältere Herr.
"So weiß ich wenigstens, dass ich als ehemaliger Journalist nicht umsonst geschrieben habe."

Pause. Verständnislosigkeit meinerseits. Aber Achtsamkeit des Mitmenschen gegenüber.

"Wissen Sie, welches Erlebnis in all den Jahren meiner beruflichen Berichterstattung rund um die Welt mein beeindruckendstes war?"

Das verwunderte mich nun trotzdem. Warum fragt dieser Fremde ausgerechnet mich so ohne jede Vorwarnung etwas derart Persönliches? Aufmerksam wie ich nun mal trotz allem bin, blickte ich auf und sah in strahlend blaue erzählende Augen.

"Ich war damals Auslandskorrespondent in einem milliardenschweren Ölemirat, dessen Regent zu Grabe getragen wurde. Trotz seines unermesslichen Reichtums wurde der Scheich vor allem wegen seiner Güte, seiner Gerechtigkeit und dem offenen Ohr, das er für jedermann hatte, verehrt. Hunderttausende trauernde Menschen gaben ihrem Fürsten das letzte Geleit. Die Beerdigungsfeierlichkeiten waren mit unvorstellbarer Pracht ausgerichtet und schöner als in jedem Märchen. Meine Kamera blitzte unaufhörlich."

Seinen Erinnerungshorizont suchend fuhr der ältere Herr leise fort: "Und plötzlich schwieg auch meine Kamera. Totenstille legte sich über die Wüste. Stumm trug man den Sarkophag an mir vorbei. Mein Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Das Blut gefror für Sekunden in meinen Adern. Mein Atem stockte. Unfähig, meine Augen zu senken, heftete sich mein Blick auf einen aus dem Sarkophag herausragenden linken Arm. Die Hand zeigte mit der leeren Handfläche nach oben zum Himmel. Und ich verinnerlichte für mich das Symbol, das der Scheich mit dieser seiner letzten Geste über den Tod hinaus für das wahre Leben gesetzt hatte:

'Mit nichts Materiellem bin ich in diese Welt gekommen. Mit nichts Materiellem gehe ich aus dieser Welt'".

Ich selbst fand mich bewusst erst wieder, als mich mein Spiegelbild mit leeren Händen im mondänen Schaufenster eines Nobelschuhladens fragte: "Was ist eigentlich dir in deinem Leben wichtig?"

Und ich beschloss zu leben. Mit dem, was mich schon seit mehr als 15 Jahren begleitet: www.blueprints.de
 

Lernen "nein" zu sagen und Achtsamkeit zu üben.
Lesen Sie bitte gerne dort selber nach.

Gabriele Juin

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