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vater sohn sonnenuntergang al 564

Katze Miss Rose lebte einst bei einem Psychiater mit Namen Eric in Düsseldorf. Sie durfte dort während der Patientensitzungen in einem Körbchen unter der Heizung liegen.

Eines Tages behandelte Eric einen Bankdirektor, der viele Tränen in seiner ersten Sitzung vergoss. In der zitternden Hand hielt er ein verblichenes Bild, auf dem er mit seinem Vater Hand in Hand in den Sonnenuntergang ging.

Seine Geschichte lautete wie folgt: ...

In einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet wurde vor einigen Jahren ein prachtvoller Junge geboren. Der Vater arbeitete am Schalter in einer Bank, seine Mutter halbtags an der Rezeption des örtlichen Hotels.

Die Jugend des Jungen verlief voller Glück. Immer, wenn er von der Schule heimkam, wartete seine Mutter mit Essen auf ihn. Punkt 16 Uhr erschien sein Vater von der Arbeit. Der Rest des Tages war gemeinsames Spielen, Musizieren oder Ausflügen von Mutter, Vater und Sohn gewidmet.

Jeden Abend dachte sich Papa eine neue Geschichte aus und erzählte sie dem Sohn kuschelnd im Bett. So ging es viele Jahre lang.

Die Familie lebte in einer wohlhabenden Gegend. Als der Junge in die Pubertät kam, wurde ihm bewusst, dass offenkundig alle Nachbarn und Mitschüler größere Häuser, weitläufigere Grundstücke und teurere Autos besaßen. Sicher, auch seine Familie hatte alles zum Leben, sie machten sogar zweimal Urlaub im Jahr. Aber alles halt ein oder zwei Nummern kleiner als scheinbar alle anderen um sie herum.

Je länger er darüber nachdachte, umso deutlicher wurde ihm, dass Vater und Mutter wohl beruflich völlig versagt hatten. Die Eltern seiner Freunde hatten augenscheinlich wesentlich mehr aus ihrem Leben gemacht.

Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich das Zusammenleben in der Familie. Der Junge verhielt sich immer abfälliger zu seinen Eltern, zweifelte alles an und verbrachte kaum noch Zeit bei sich zuhause.

Der Sohn versuchte fortan alles, seine vermeintlich ärmliche Herkunft vor seinen Freunden und Freundinnen zu verbergen. Seinen "Alten" gegenüber war er nur noch mürrisch und ablehnend. Wie hatten sie nur solche Loser werden können?

Nach einem heftigen Streit zog der Junge, kaum volljährig geworden, in eine eigene Wohnung. Er verließ das Elternhaus mit den Worten, dass er mit solchen Verlierern in seinem Leben nichts mehr zu tun haben wolle.

Der Junge lernte eifrig in einer Bank und studierte parallel Betriebswirtschaftslehre. Die Briefe seiner Eltern ignorierte er konsequent. Sie wurden mit der Zeit seltener und hörten schließlich ganz auf. Zwei Jahre nach seinem Studienbeginn starb seine Mutter.

Nach dem Studium kletterte der Sohn die Karriereleiter rasch höher und gründete eine eigene Familie. Nachdem seine Tochter geboren wurde, meldete sich sein Vater wieder öfter bei ihm und seiner Frau. Er wollte das Kind gerne einmal sehen.

Doch in dem Sohn gärte nach wie vor noch solch eine Abneigung gegen den väterlichen Versager, dass er dessen Besuch immer wieder nach hinten verschob. Irgendwann musste er nicht mehr schieben, denn als seine Tochter gerade zu krabbeln begann, erlag sein Vater einem Herzinfarkt.

Wie es der Zufall wollte, wurde just zu diesem Zeitpunkt die Stelle des Bankdirektors in seiner Geburtsstadt frei. Genau in der Bank, bei der auch sein Vater bis zur Rente gearbeitet hatte.

Kurz überlegte er, ob ihm das zum Nachteil gereichen könnte. Sein Vater nur Schalterangestellter, nun wollte der Sohn Direktor werden? Man wird sehen. Er würde es auf einen Versuch ankommen lassen und bewarb sich.

Der junge Mann erhielt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Der Personalchef begrüßte ihn mit den Worten, dass nun wohl der Sohn das nachholen würde, was der Vater nicht gewollt hatte.

"Bitte, ich verstehe nicht ganz. Mein Vater war am Schalter beschäftigt."

"Richtig. Aber auch ihm wurde einst die Stelle des Direktors der Bank angetragen. Dann aber wurden Sie geboren und ihr Vater lehnte ab. Statt Geld und Prestige wollte er lieber das Aufwachsen seines Sohnes begleiten. Das hat damals viel Eindruck in der Bank hinterlassen, besonders bei den Damen, wie Sie sich vorstellen können.

Egal", der Personalchef winkte ab und wechselte das Thema, "Sie scheinen aus anderem Holz geschnitzt zu sein, kommen wir zu Ihren Zeugnissen. Die sind ja exzellent, vor allem ..." Doch der künftige Bankdirektor hörte schon gar nicht mehr zu.

(Auf-)Geschrieben von Peter Bödeker

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