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Karges Zimmer in braun - Text: Miss Rose und der Bahai auf Reisen

Geschichte

Miss Rose und der Bahai auf Reisen

Miss Rose, unsere bei blueprints wohlbekannte unsterbliche Katze, wohnte einst bei einem Anhänger des Bahai-Glaubens. Ein gottesfürchtiger Mann, dessen Rat in seiner Gemeinde geschätzt wurde. Er hieß Sahid Batun und war Mitglied des örtlichen Geistigen Rates. Vieles, was in seiner Religion als Verhalten gefordert wurde, fand Wohlgefallen bei Miss Rose. Zudem war Sahid ein einfacher Mann, der kaum etwas zu seiner Zufriedenheit brauchte. Miss Rose hatte schon immer größeres Vertrauen zu Menschen gehabt, die nur wenig bedurften.

Eines Tages hörte ein Urlauber von dem weisen Bahai in der Stadt und stand unangemeldet vor Sahids Tür. Sahid bat ihn in die kleine Wohnung herein und bot dem Fremden einen Platz auf einer schmalen Holzbank an.

Der Gast blickte sich in dem kärglich eingerichteten Raum um. Offenkundig diente dieser gleichzeitig als Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer. Auch das Körbchen von Miss Rose stand in der Ecke, natürlich dicht an dem gusseisernen Ofen.

Als Miss Rose mir diese Geschichte (die eigentlich recht kurz ausfällt) erzählte, schweifte sie – wie so oft – zum Essen ab. Sie beklagte sich, dass der Bahai-Weise, dem sie ja ansonsten sehr zugetan war – sie hatte selten ein so mitfühlendes Wesen in ihrem langen Leben treffen dürfen –, nun ja, dass dessen Verköstigung ihrer Person doch sehr zu wünschen übrig ließ. Meist gab er ihr nur in Milch eingeweichte Brotreste mit einem Schälchen Wasser.

Ihre Fleischration musste sie sich selbst fangen. Dazu mühte sich der nicht mehr ganz junge Sahid jeden Tag zusammen mit ihr fünf Stockwerke zum Dachgeschoss hinauf. Oben angekommen musste er stets eine Weile verschnaufen, bevor er ihr die Dachbodentür aufschließen konnte.

Der Dachboden wimmelte vor Mäusen. Natürlich verschwanden diese erst einmal in ihren Löchern, wenn die knarzende Dachbodentür sich öffnete. Doch Miss Rose hatte mehrere tausend Jahre Erfahrung bei der Jagd und so brauchte sie nie lange, um sich ihr Tagesmahl zu fangen.

Ihr Vorgehen war stets dasselbe: Sie hockte sich regungslos auf einen bestimmten Balken der Dachkonstruktion. Dort verharrte sie in tiefer Stille und ließ sogar ihren Atem ganz leise werden. Diese Technik hatte sie bei einem Yoga-Meister gelernt. Sie genoss die daraus folgende innere Ruhe. Zudem liebte sie die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrem Fell, die durch ein halbrundes Fenster auf diesen Balkenplatz fielen.

Es dauerte nie lange und die kleinen Nager kamen wieder aus ihren Löchern. Aus ihrer erhöhten Position reichte Miss Rose ein einziger Sprung und ihr Tagesmahl war gesichert.

Der Verzehr der Beute ging ebenfalls schnell vonstatten. Sie hat es sich schon vor 700 Jahren abgewöhnt, mit ihrem Essen zu spielen.

Sahid wartete dabei stets geduldig vor der Tür. Immer wenn sie herauskam, ...

"Entschuldigen Sie, Miss Rose", unterbrach ich damals die unsterbliche Katzendame bei ihrer Schilderung, "was war denn nun mit dem Urlauber. Wollten Sie nicht eigentlich dessen Geschichte erzählen?"

"Ach der", entgegnete Miss Rose ein wenig pikiert, "der wunderte sich, warum sich in der Wohnung nur ein paar Bücher und eine Bank befanden. Er fragte Sahid, wo denn seine Möbel wären."

"Und was hat der Bahai geantwortet?"

"Er hat zunächst einfach zurückgefragt: Wo sind denn Ihre?" Miss Rose erhob sich und machte einen ausgiebigen Buckel. Der Urlauber entgegnete verwirrt: "Meine Möbel? Ich bin doch nur auf der Durchreise."

Miss Rose sprang vom Sessel, trat an die Katzenklappe und murmelte kaum hörbar: "Da hat Sahid ihm geantwortet: 'Genau wie ich auch'.“

Mit diesen Worten verschwand sie durch die Klappe in den Garten – um eine Maus zu fangen.

(Auf-)geschrieben von Peter Bödeker

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Gedanken zur Geschichte für deine Persönlichkeitsentwicklung

Die Bedeutung des Reisemotivs und der Gastfreundschaft

Die kurze Begegnung zwischen Sahid und dem Urlauber wirft ein stilles Licht auf das Reisemotiv, das im Bahai-Glauben eine lange Tradition hat. Nicht im Sinne geografischer Entfernungen, sondern als Erinnerung daran, dass jeder Mensch in Bewegung bleibt – geistig, innerlich, im Werden. Die Szene macht sichtbar, wie Gastfreundschaft zu einer Form der Demut wird: nicht opulent, nicht überladen, sondern ehrlich und offen. Der nüchterne Raum erzählt leise von einem Menschen, der Besitz nicht als Beweis seiner Existenz braucht.

Die Grundhaltung des Bahai-Glaubens beinhaltet knapp zusammengefasst die folgenden Elemente: die Einheit der Menschheit, das Bemühen um Einfachheit, das Streben nach innerer Läuterung, die Achtung vor allen Wesen.

Der Gedanke der Vergänglichkeit von Besitz

Sahids Rückfrage „Wo sind denn Ihre?“ trifft den Kern der Erzählung: Die meisten Dinge, an denen man hängt, begleiten einen nur kurz. Die Antwort des Urlaubers zeigt fast unbeabsichtigt das Paradox des modernen Lebens – man weiß, dass man nur durchreist, lebt aber so, als hätte man Anspruch auf Dauer. Sahids Haltung wirkt wie ein Spiegel: Was würde bleiben, wenn man alles Überflüssige ablegt?

Wer mag, könnte den Kontext erweitern: Die Idee des bewussten Verzichts findet sich in vielen religiösen und philosophischen Strömungen – vom Zen-Buddhismus über christliche Wüstenväter bis zu modernen Minimalismusbewegungen.

Miss Rose als Beobachterin spiritueller Disziplin

Die unsterbliche Katze erscheint wie eine ironische Erzählerin, die auf ihre Weise ebenfalls Askese übt. Zwar beklagt sie die spärliche Verpflegung, doch die Jagd auf dem Dachboden ist eine tägliche Praxis, die einer stillen Disziplin ähnelt. Ihr Verhalten erinnert an Meditation: völlige Ruhe, Konzentration, eine Verschmelzung mit dem Moment.

Lehren für persönliche und geistige Entwicklung

  • Wert von Einfachheit: Die Erzählung erinnert daran, dass geistige Klarheit oft dort entsteht, wo materielles Übermaß verschwindet. Weniger Besitz bedeutet nicht weniger Leben – manchmal sogar mehr Raum für das Eigentliche.
  • Achtsamkeit im Alltag: Miss Roses Jagdhaltung wirkt wie eine Metapher für fokussiertes, gegenwärtiges Sein. Wer innere Ruhe findet, handelt zielsicherer und verschwendet weniger Energie.
  • Durchreisender-Gedanke: Die Geschichte lädt dazu ein, sich als temporärer Gast im eigenen Leben zu betrachten. Welche Entscheidungen träfe man, wenn man sich seiner Vergänglichkeit bewusster wäre?
  • Gastfreundschaft und Offenheit: Sahids Haltung zeigt, dass wahre Gastfreundschaft nicht an Dingen hängt, sondern an Haltung. Es braucht selten mehr als Raum, Aufmerksamkeit und Bereitschaft.
  • Selbstreflexion ohne Urteil: Der Dialog zwischen Urlauber und Sahid zeigt, wie kraftvoll Fragen sein können. Oft genügt ein Spiegel, kein Vortrag.
  • Mitfühlen statt Überversorgen: Miss Rose akzeptiert, dass auch Liebe Grenzen hat und nicht immer in Futterportionen messbar ist. Für die eigene Entwicklung bedeutet das: Verbindung entsteht durch Haltung, nicht durch Aufwand.

Möchtest du noch etwas zu den Bahais oder der Geschichte allgemein ergänzen?

 

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FunFacts zum Thema

  1. Bahai-Gemeinden besitzen weltweit keinerlei Klerus. Entscheidungen werden kollektiv getroffen.
  2. Katzen können bis zu 70.000 Gerüche unterscheiden, was erklärt, warum Miss Rose auf dem Dachboden nie lange suchen musste.
  3. Die Idee der „spirituellen Reise“ ist in der Bahai-Lehre wörtlich wie metaphorisch verankert. Historisch reisten die frühen Bahai-Anhänger oft unter einfachsten Bedingungen, um Gemeinschaften zu stärken.
  4. Wohlhabende Reisende führten im 19. Jahrhundert auf längeren Fahrten häufig mehrere schwere Koffer oder Truhen mit sich, die zusammengenommen 40 Kilogramm und mehr erreichen konnten – ein Umstand, der in zahlreichen Reiseberichten der viktorianischen Zeit erwähnt wird. Moderne Minimalisten schaffen es mit weniger als 7 Kilogramm – Sahid wäre vermutlich auf ihrer Seite.
  5. Der Gusseisenofen, den die Geschichte erwähnt, war im 19. Jahrhundert ein Statussymbol.
  6. In vielen spirituellen Erzählungen spielt ein Tier die Rolle des „Erdenden“. Vom Zen-Koji über den sufitischen Löwen bis zu Miss Rose: Tiere erinnern an Unkompliziertheit, wo Menschen Kompliziertheit schaffen.
  7. Katzen besitzen ein exzellentes räumliches Gedächtnis. Sie erinnern sich an Dutzende exakte Orte von Jagderfolgen – Miss Roses Lieblingsbalken ist kein Zufall.

Über Miss Rose

Miss Rose ist eine Katze, die im Jahre 4.895 vor Christus geboren wurde. Sie lebte u. a. bei Tabaka in Kapstadt, bei Eric in Düsseldorf und bei einer alten Weberin. Wenn sie jagt, wendet sie eine Yoga-Meditationstechnik an.

Die Geschichten von Miss Rose bisher

Weitere Geschichten, die Miss Rose während ihres langen Dasein erlebt hat:

Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach.

https://www.blueprints.de

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