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autor schreibt hand 7 564

Miss Rose lebte einst bei einem Autor. Dieser war ein berühmter Schriftsteller, alle Menschen kannten seinen Namen. Er hat wunderbare, tief berührende Geschichten geschrieben. Miss Rose hat alle seine Bücher gelesen. Sie will uns aber diesmal den Namen des Autors nicht verraten.

Der Autor erhielt von seinem Verlagsleiter den Auftrag, ein Werk zu schaffen, welches die Herzen der Leser nachhaltig bewegen möge und welches in ihrem Geist eine Ahnung von Weisheit aufkommen lasse.

Nachdem der Autor den Brief mit der Bitte erhalten hatte, blickte er lange auf Miss Rose, die wie üblich neben seinem Schreibtisch unter der Heizung lag.

Miss Rose liebte schon immer diese Plätze an den Öfen der Menschenhäuser.

Dann machte der Autor erst einmal fünf Tage lang nichts, er saß einfach nur da. In dieser Zeit brachte er kein Wort zu Papier …

Der Verleger kam täglich am Nachmittag vorbei, um die Fortschritte zu prüfen. Miss Rose sah, wie er von Tag zu Tag trübsinniger wurde.

Am sechsten Tag aber stand der Schriftsteller in aller Frühe auf, setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster zum Garten, klappte ein leeres Schreibheft auf und schrieb die folgenden fünf Tage von morgens bis abends durch. Am Abend des zehnten Tages legte er die Geschichte seinem Verleger in die Hände.

Dieser hatte noch nie etwas Vergleichbares gelesen. "Außergewöhnlich, einfach außergewöhnlich", murmelte er beim Lesen vor sich hin.

Der Verleger fragte den Autor, warum er denn die ersten fünf Tage lang völlig untätig geblieben sei. Miss Rose spitzte die Ohren.

Der Autor antwortete:

Den ersten Tag verbrachte ich damit, die Furcht in mir zum Schweigen zu bringen. Kein Gedanke an ein Versagen oder eine mögliche negative Kritik sollte die Geschichte belasten.

Den zweiten Tag verbrachte ich damit, meine Selbstzweifel zum Schweigen zu bringen. Ich wollte mir keinen Gedanken der Angst, nicht die erforderlichen Fähigkeiten für eine solche Geschichte zu haben, erlauben.

Der dritte Tag war nötig, um mich von dem Streben nach Ruhm und Ehre, nach Lob und finanziellem Gewinn zu befreien.

Den vierten Tag brauchte ich, um den Stolz, der mich für ein solch bedeutsames Werk überkommen könnte, loszulassen.

Den fünften Tag verbrachte ich schließlich damit, mir das komplette Werk vorzustellen, was geschehen wird, wie die Geschichte die Herzen der Menschen bewegen soll und wie der Geist der Weisheit in ihr wirken möge.

Dann musste ich die Geschichte nur noch niederschreiben.

(Auf-)Geschrieben von Peter Bödeker

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