Geschichte
Miss Rose und der Meisterautor
Miss Rose, eine unsterbliche Katze, lebte einst bei einem Autor. Dieser war ein berühmter Schriftsteller, alle Menschen kannten seinen Namen. Er hat wunderbare, tief berührende Geschichten geschrieben. Miss Rose hat alle seine Bücher gelesen. Sie will uns aber diesmal den Namen des Autors nicht verraten.
Der Autor erhielt von seinem Verlagsleiter den Auftrag, ein Werk zu schaffen, welches die Herzen der Leser nachhaltig bewegen möge und welches in ihrem Geist eine Ahnung von Weisheit aufkommen lasse.
Nachdem der Autor den Brief mit der Bitte erhalten hatte, blickte er lange auf Miss Rose, die wie üblich neben seinem Schreibtisch unter der Heizung lag.
Miss Rose liebte schon immer diese Plätze an den Öfen der Menschenhäuser.
Dann machte der Autor erst einmal fünf Tage lang nichts, er saß einfach nur da. In dieser Zeit brachte er kein Wort zu Papier …
Der Verleger kam täglich am Nachmittag vorbei, um die Fortschritte zu prüfen. Miss Rose sah, wie er von Tag zu Tag trübsinniger wurde.
Am sechsten Tag aber stand der Schriftsteller in aller Frühe auf, setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster zum Garten, klappte ein leeres Schreibheft auf und schrieb die folgenden fünf Tage von morgens bis abends durch. Am Abend des zehnten Tages legte er die Geschichte seinem Verleger in die Hände.
Dieser hatte noch nie etwas Vergleichbares gelesen. "Außergewöhnlich, einfach außergewöhnlich", murmelte er beim Lesen vor sich hin.
Der Verleger fragte den Autor, warum er denn die ersten fünf Tage lang völlig untätig geblieben sei. Miss Rose spitzte die Ohren.
Der Autor antwortete:
Den ersten Tag verbrachte ich damit, die Furcht in mir zum Schweigen zu bringen. Kein Gedanke an ein Versagen oder eine mögliche negative Kritik sollte die Geschichte belasten.
Den zweiten Tag verbrachte ich damit, meine Selbstzweifel zum Schweigen zu bringen. Ich wollte mir keinen Gedanken der Angst, nicht die erforderlichen Fähigkeiten für eine solche Geschichte zu haben, erlauben.
Der dritte Tag war nötig, um mich von dem Streben nach Ruhm und Ehre, nach Lob und finanziellem Gewinn zu befreien.
Den vierten Tag brauchte ich, um den Stolz, der mich für ein solch bedeutsames Werk überkommen könnte, loszulassen.
Den fünften Tag verbrachte ich schließlich damit, mir das komplette Werk vorzustellen, was geschehen wird, wie die Geschichte die Herzen der Menschen bewegen soll und wie der Geist der Weisheit in ihr wirken möge.
Dann musste ich die Geschichte nur noch niederschreiben.
(Auf-)Geschrieben von Peter Bödeker
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Gedanken zur Geschichte
- Über den inneren Prozess des Schreibens
Die Geschichte lässt ahnen, dass der schöpferische Akt weit vor dem ersten geschriebenen Wort beginnt. Der Autor, dessen Name im Verborgenen bleibt, arbeitet nicht mit Tinte, sondern zunächst mit Stille. Die fünf Tage erscheinen äußerlich als Untätigkeit, doch innerlich findet ein Ringen statt: ein Klären, ein Abstreifen dessen, was das Werk verformen könnte.
Der Text lädt dazu ein, die unsichtbare Arbeit anzuerkennen – jene Phase, in der ein Gedanke langsam Form gewinnt, bevor er sich zeigt. Sie gehört ebenso zum Schaffen wie der Moment des Schreibens selbst. - Der Umgang mit Störfaktoren des Geistes
Die Antwort des Autors klingt beinahe wie eine nüchterne Inventur seelischer Stolpersteine: Furcht, Selbstzweifel, Geltungsdrang, Stolz. Er benennt sie nicht als Feinde, sondern als Geräusche, die leiser werden müssen, damit etwas Größeres durchklingen kann. Die Reihenfolge ist bemerkenswert: Der Autor beginnt nicht dort, wo es angenehm ist, sondern bei der Furcht – dem lautesten Störgeräusch überhaupt. - Die Funktion innerer Vorbereitung in kreativen Prozessen
In vielen Disziplinen wird die Vorbereitungszeit unterschätzt oder gar übergangen. Die Geschichte zeigt, dass schöpferische Arbeit nicht im Tempo äußerer Deadlines gedeiht, sondern in innerer Sammlung. Die Vorbereitung ist kein Beiwerk, sondern das Fundament. Der Autor arbeitet an der tieferen Haltung, bevor er die Arbeit beginnt – ein Vorgehen, das selten erwähnt wird, weil man die Stille schlecht vermarkten kann. - Die Rolle der Vorstellungskraft
Am fünften Tag, nach dem Ablösen aller hinderlichen Stimmen, entsteht Raum für das, was kommen will. Der Autor sieht das ganze Werk bereits, bevor er beginnt. Dieses innere Sehen ist weniger Vision als Orientierung: ein stilles Wissen um die Richtung. Es ist nicht Perfektion, sondern Klarheit. - Miss Rose als Zeugin des kreativen Rituals
Die Katze bleibt wieder einmal Beobachterin. Sie kommentiert nicht, sie urteilt nicht – sie sieht. Ihre Anwesenheit unter der Heizung ist ein stilles Gegengewicht zur Unruhe des menschlichen Geistes. Während der Autor kämpft, liegt sie einfach nur da. Vielleicht ist es diese Selbstverständlichkeit der Existenz, die ihn an seine eigene Mitte erinnert. Miss Rose braucht kein Ritual, um im Moment anzukommen; sie ist es bereits. - Die Beziehung zwischen Autor und Verleger
Der Verleger repräsentiert die äußere Welt: Erwartungen, Zeitdruck, Hoffen auf Erfolg. Seine zunehmende Beklommenheit zeigt die Diskrepanz zwischen inneren und äußeren Rhythmen. Die Geschichte lässt offen, ob er am Ende versteht, was geschehen ist – aber er erkennt das Ergebnis. Manchmal reicht das. - Eine mögliche Reflexion über schöpferische Verantwortung
Der Autor ringt nicht nur um ein gutes Buch, sondern um ein Werk, das etwas verändern soll. Diese Verantwortung wiegt schwer und macht deutlich, weshalb die Vorbereitung notwendig war: Große Aufgaben erfordern Klarheit, nicht Eile.
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Lehren für persönliche und geistige Entwicklung
- Innere Aufräumarbeit ist Teil des Schaffens.
Die Geschichte lädt dazu ein, Furcht, Zweifel oder Geltungsdrang nicht zu ignorieren, sondern bewusst zur Ruhe zu bringen. - Stille ist nicht Zeitverlust.
Sie ist ein Arbeitsraum, der nicht nach außen sichtbar ist – aber ohne sie bleibt vieles unvollendet. - Klarheit entsteht, wenn das Ego leiser wird.
Nicht Selbstverleugnung, sondern eine Verschiebung der Perspektive: Das Werk steht im Zentrum, nicht derjenige, der es schafft. - Vorstellungskraft ist ein Werkzeug, kein Luxus.
Wer weiß, wie etwas werden soll, bevor er beginnt, verliert sich weniger unterwegs. - Geduld führt oft schneller ans Ziel als Hast.
Der Autor brauchte fünf Tage, um beginnen zu können – und nur fünf, um zu vollenden. - Selbstzweifel können ein Tor sein, wenn man sie erkennt.
Nicht bekämpfen, sondern bewusst machen, einordnen, abklingen lassen. - Bewusste Vorbereitung erlaubt müheloseres Handeln.
Der Text deutet an: Was innerlich geordnet ist, fließt äußerlich leichter.
FunFacts zum Thema
- Schriftsteller wie Victor Hugo schlossen sich beim Schreiben nackt im Zimmer ein
Er ließ seine Kleidung entfernen, damit er das Haus nicht verlassen konnte – eine drastische Art, Störfaktoren zu reduzieren. - Der sogenannte „Default Mode Network“ des Gehirns wird beim Tagträumen aktiver – und fördert kreative Einsichten
Ruhephasen sind nachweislich produktiv für tiefere kreative Prozesse. - Japanische Zen-Mönche sahen das Reinigen des Geistes vor dem Schreiben als notwendige Pflicht
Man schrieb erst, nachdem man „Herz und Hände geklärt“ hatte. - Mark Twain schrieb bevorzugt im Bett
Er behauptete, ein weiches Lager mache seine Gedanken „biegsamer“. - Die längste bekannte Schreibblockade dauerte 6 Jahrzehnte
Der Autor Henry Roth veröffentlichte nach 1934 nichts mehr – und kehrte erst 1994 mit neuem Werk zurück. 1995 starb er. - Viele große Schriftsteller arbeiteten mit Ritualen – von festen Tageszeiten bis zu Glücksgegenständen
Routinen können kreative Durchbrüche unterstützen, weil sie mentale Schwellen senken. - Schon im 19. Jahrhundert wurde Meditation als Mittel gegen geistige Erschöpfung beschrieben – in Europa weitgehend unbekannt, aber in Indien und China gängig
Mehrere Reiseberichte erwähnen, dass Ruheformen zur Klarheit beitrugen.
Über Miss Rose
Miss Rose ist eine Katze, die im Jahre 4.895 vor Christus geboren wurde. Sie lebte u. a. bei Tabaka in Kapstadt, bei Eric in Düsseldorf und bei einer alten Weberin. Wenn sie jagt, wendet sie eine Yoga-Meditationstechnik an.
Die Geschichten von Miss Rose bisher
Weitere Geschichten, die Miss Rose während ihres langen Dasein erlebt hat:
- Die unsterbliche Miss Rose
- Miss Rose und die Geschichte über Zeit oder Geld
- Miss Rose und die Studenten, die nicht wussten, was sie werden wollten
- Miss Rose: Der Kampf von Licht und Dunkel
- Geschichte: Miss Rose und das Wesen der Menschen
- Miss Rose und der Bahai auf Reisen
- Miss Rose, die Krankenschwester und der geheimnisvolle Armreif
