Die Gans und der Schwan: Warum diese Fabel heute so weh tut – und so hilft
Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche herum.
Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie mit aller Macht abhelfen wollte; bald suchte sie ihm die prächtige Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdige Ansehen eines Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als dass sie eine lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden.
Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781), deutscher Schriftsteller
Über 250 Jahre später - Die moderne Version: Social Media, Selbstoptimierung, Personal Branding
Wenn Gotthold Ephraim Lessing heute leben würde, hätte die Gans wahrscheinlich ein Profil.
Sie würde ein paar Fotos posten:
- „Morgenschwimmen. Elegant bleiben. ##ElegantUnterwegs“
- „Die Leute verstehen mich nicht. #Anders“
- „Arbeite an meiner Halskurve. Dranbleiben ist alles. #Fang an zu leuchten“
Und die Kommentare würden kommen:
- „Mega, du Königin!“
- „Du bist viel zu gut für die anderen Gänse!“
- „Du bist definitiv kein Standard-Schwimmer.“
Und zack – ist der Vergleich nicht mehr nur im Kopf, sondern öffentlich. Dann wird aus einem inneren Wunsch („Ich möchte besonders sein“) eine Art Bühnenvertrag: „Ich muss besonders wirken, sonst verliere ich mein Gesicht.“
Wir leben in einer Zeit, in der „Wirken“ oft wichtiger erscheint als „Sein“. Viele Menschen arbeiten nicht mehr an ihrem Können, sondern an ihrem Image. Nicht am echten Wachstum, sondern am Schein von Wachstum. Und dann passiert genau das, was bei der Gans passiert:
Man schraubt an Details herum (Haltung, Stil, Tonfall, Statussymbole), verliert die natürliche Ausstrahlung und wird am Ende nicht "majestätischer" – sondern "unecht, verkrampft und blasiert."
Eine Interpretation: Die Gans ist nicht arrogant – sie ist unsicher
Man kann die Gans leicht unsympathisch finden: stolz, abgehoben, „zu fein“. Aber wenn wir anders schaue, könnten wir auch etwas anderes bemerken:
Hinter dem Stolz steckt Angst.
Nämlich die Angst, „nur“ eine Gans zu sein. Und das ist eine unserer ältesten menschlichen Ängste:
- nicht wichtig genug,
- nicht einzigartig genug,
- nicht bewundert genug,
- nicht „schön“ genug im Vergleich zu den anderen.
Das Fatale: Diese Angst tarnt sich gerne als Überlegenheit.
Wer sehr laut betont, wie besonders er ist, versucht oft, eine innere Unsicherheit zu übertönen.
Deine Interpretation der Fabel
Wie interpretierst du die Fabel von der Gans von Lessing?
Interpretation von Susanne, blueprints-Leserin
Für mich geht’s in der Fabel nicht um eine arrogante Gans, sondern um Unsicherheit im Sonntagsanzug. Sie hat etwas Schönes – ihre weißen Federn – und macht daraus keinen Grund zur Freude, sondern einen Beweiszwang: „Wenn ich so aussehe, muss ich ein Schwan sein.“
Das ist der Fehler: Sie will nicht wachsen, sie will sich austauschen. Und je mehr sie am „Image“ bastelt (Hals, Haltung, Würde-Show), desto steifer wird sie. Am Ende ist sie nicht majestätisch, sondern verkrampft – und auch noch allein.
Die ruhige Provokation: Wer dauernd „Schwan“ spielt, verliert das Beste am Gans-Sein. Nicht weil Gans schlechter ist – sondern weil man sich selbst verlässt, um irgendwo „oben“ zu wirken.
Umfrage zur Fabel "Die Gans" von Lessing
Wobei ertappst du dich eher?
Weitere interessante Infos rund um die Geschichte
Der Schwan ist kein Zufall
Der Schwan steht kulturell oft für:
- Eleganz
- Reinheit
- „höhere“ Schönheit
- manchmal sogar für Kunst und Erhabenheit (hier mit Bezug auf Apollo)
Damit ist der Schwan das perfekte Symbol für ein unerreichbares „Ideal-Ich“.
Die Geschichte ist auch ein Seitenhieb auf Standesdenken
„Schwan“ klingt nach „oben“, „Gans“ nach „unten“. Das hat eine soziale Note: Wer sich „oben“ wähnt, grenzt sich ab – und wird dabei oft unerträglich.
Psychologisch passt das zur Frage: „Wer bin ich, wenn keiner guckt?“
Wenn niemand zusieht – wäre die Gans dann immer noch so schwanig? Oder würde sie einfach entspannt eine Gans sein?
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Antwort 1
Ist Zitronenwasser gut gegen eine Fettleber?
Antwort 2
Ich trinke morgens in der Regel als erstes Sprudelwasser, griffbereit hätte ich Zitronensaft-Konzentrat in der kleinen gelben Plaste-Flasche. Wäre das eine gute alternative Kombination: Sprudelwasser mit Zitro-Konzentrat?
Antwort 3
In der Bibel steht auch sinngemäß, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen soll, also wie am Ende im Artikel beschrieben, man dadurch Anderen ein sichtbares Vorbild sein kann.
Ich selbst habe damals auch eher schon etwas zwanghaft nach "deine linke Hand soll nicht wissen, was deine rechte tut" gelebt, was aber ehrlich gesagt aus einer unsinnigen Angst vor Bestrafung im Jenseits gespeist war, welche durch christlichen Aberglauben induziert wurde. Ich konnte damals auch schlecht selbst etwas annehmen, denn das hätte ja mein "Pluskonto im Himmel" wieder geschmälert...
Zum Glück habe ich diesen Aberglauben ablegen können und kann nun normal und geistig gesünder leben - ohne Religion.
Ralf
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