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Der deutsche Philosoph und Kant-Forscher Hans Vaihinger, dessen Philosophie des Als-Ob eine ganze Epoche beherrschte, war in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Wanderer. Als er 1877 Privatdozent an der Universität Straßburg geworden war, machte er mit seiner jungen Frau eine Wanderung. Niemand konnte so schön wandern wie Professor Vaihinger. Er wanderte nämlich wissenschaftlich, das heißt genau nach dem Wanderführer Baedeker, den er auswendig kannte.

Das Ziel war diesmal ein Aussichtspunkt auf dem Monte Vitalla, der in der Natur durch nichts Besonderes ausgezeichnet war. Hans Vaihinger las daher zum 20. Male die Stelle aus dem Baedeker vor: "... lässt man nach halbstündiger Besteigung eine kleine Baumgruppe links liegen und erreicht nach weiteren 15 Minuten einen Punkt, von dem aus man eine wundervolle Aussicht (mit 2 Sternen versehen!) auf Genua und den Hafen genießt."

Nach einer Stunde hatte man die Baumgruppe längst liegen gelassen, Frau Vaihinger saß auf einer Bank, von der aus man eine wunderbare Aussicht genoss, während der Professor alleine weiter nach oben stieg, um den Punkt zu erklettern, der im Baedeker mit 2 Sternen ausgezeichnet war.

Zwei Stunden später - die Hitze war jetzt unerträglich geworden - erwachte Frau Vaihinger aus einem kleinen Schlummer, drehte sich um und sah ihren Mann den Berg herabkommen. Er sah furchtbar aus. Die Haare hingen ihm schweißgebadet auf der Stirn, er hatte Rock und Hemd ausgezogen und trug nur noch ein Netzhemd. Wie ein lahmer Igel schlich er näher und ließ sich erschöpft auf der Bank nieder.

"Nun?" fragte Frau Vaihinger, "wie war die Aussicht? Hat es sich wenigstens gelohnt?" Der Professor öffnete langsam die Augen und sagte leise, aber bestimmt, wie einer, der endlich Bescheid weiß: "Ich muss dem Baedeker schreiben. Da stimmt etwas nicht. Der richtige Aussichtspunkt, der mit den 2 Sternen, der ist nämlich hier auf der Bank."

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