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13. Die Dame mit dem lila Hut

Die Kirchturmuhr schlug das 11-mal als Mathilde am Café in der Hauptstraße vorbeifederte. Eine Dame mit lila Hut saß an einem der Tische und sprach mit ihrem Hund. Mathilde lächelte erst in Richtung der Dame und dann in Richtung des Hundes.

Kurze Zeit später stand sie vor dem Haus mit der Nummer 17. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und klingelte. Ein Hund bellte und jemand stieg eine Treppe herunter. Noch einige Schritte, und dann wurde die Tür geöffnet. Mathilde erschrak und wich einen Schritt zurück.

 bienchen lesezeichen 50Vor ihr stand eine riesige Frau. Sie schien den ganzen Türrahmen auszufüllen.

Die Frau, die so gar nicht zu einem kränklichen Kind passte, war Gregors Mutter.

„Er braucht im Moment Ruhe. Komm einfach am Nachmittag wieder. Gregor freut sich sicher über deinen Besuch.“
„Ja. Ich komme. Grüßen Sie ihn bitte von mir.“
„Von wem?“
„Von Mathilde.“
„Sicher, Mathilde. Das tue ich.“
„Tschüss und bis heute Nachmittag.“
„Auf Wiedersehen, Mathilde.“

Mathilde machte sich auf den Weg nach Hause. Es war nicht so einfach, sich zu entschuldigen. Irgendjemand, wer auch immer, legte ihr Steine in den Weg. Aber das würde nichts nützen.

Plötzlich sauste ein Hund wie eine Dampflok an ihr vorbei. Zum Schnaufen der Lok kam auch noch ein klapperndes Geräusch, das von dem Leinenhalter aus Plastik herrührte. Wie einen wild torkelnden Waggon zog der Flitzer ihn hinter sich her. Es war der Hund aus dem Café. Bellend verschwand er in einer Hecke.

„Ipooo, Ipooo!“, füllte eine Stimme die Straße. Sie kam von der Dame mit dem lila Hut. Mathilde rannte zu ihr.

„Tja, dann hat verfolgen wenig Sinn. Er wird die Katze nicht bekommen – er bekommt nie die Katze – und nach kurzer Zeit wird er enttäuscht den Rückzug antreten.“

Aber es kam anders. Nur Augenblicke später war ein jämmerliches Winseln zu hören. Ipo steckte in Schwierigkeiten.

Mathilde bat die Dame, auf ihre Tasche aufzupassen, und spurtete los. Sie zwängte sich durch eine Öffnung in der Hecke, um dann zwischen hunderten von Apfel- und Birnenbäumen zu stehen.

Das Winseln kam aus einem Busch neben einem umgestürzten, uralten Birnenbaum. Dampflok Ipo hing mit seiner Leine im Busch fest. Er hatte sich bei seiner wilden Jagd selber gefesselt und kam nun weder vor noch zurück.

Vorsichtig näherte Mathilde sich dem verängstigten, aber auch zornigen Hund. Beruhigend redete sie auf ihn ein, befreite Ipo und gemeinsam traten sie den Rückweg an.

„Das hast du nun davon. Dass du auch nie auf mich hören willst. Lass doch die Katzen in Ruhe. Aber was sag ich denn, du hörst ja doch nicht auf mich“. Die Dame blickte ihren Hund scharf an. Aber der hatte seinen Unschuldsblick geprobt.

„Das war nett von dir. Darf ich dich auf eine Limonade oder ein Eis einladen?“

Mathildes Onkel hatte ihr erklärt, dass man vorsichtig sein soll, wenn Fremde einem etwas anbieten, aber diese Situation konnte er nicht gemeint haben. Immerhin saßen sie in einem Café und die Dame wollte sich bedanken. Also nahm sie die Einladung an.

Während Mathilde den Becher Spagetti-Eis verdrückte, machten sich die beiden bekannt. Sie erfuhr, dass die Dame mit dem lila Hut im Seniorenheim wohnte. Sie hieß Josephine Klawitsch und war früher eine berühmte Frau gewesen. Ihre Bekanntheit hatte etwas mit klassischem Gesang zu tun. Als der Boden des Eisbechers in Sicht kam, schaute Mathilde erstmals auf ihre Uhr und erschrak.

„Jetzt muss ich aber los. Mein Onkel macht heute Kartoffelpuffer mit Apfelmus, mein Lieblingsessen.“
„Das klingt gut. Das darfst du nicht verpassen.“
„Ja.“
„Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“
„Bestimmt.“
„Das würde mich und sicher auch Ipo freuen. Oder?“

Gähnend drehte Ipo sich mehrmals um die eigene Achse, um sich neben dem Stuhl in die perfekte Liegeposition fallen zu lassen.

„Danke für das Eis. Auf Wiedersehen, Frau Klawitsch. Auf Wiedersehen, Ipo.“

Keine Stunde später versuchte Mathilde, ihre Portion Kartoffelpuffer zu bewältigen, was nicht gelang. Mit Bauchschmerzen schlich sie in ihr Zimmer. Sie stellte noch den Wecker, denn sie wollte ja später Gregor besuchen. Obwohl ihr schon fast die Augen zufielen, ergänzte sie im Notizbuch unter WIE „freundlich“:

Menschen helfen und ihren Dank annehmen.

Dann suchte sie einen freien Platz auf ihrem Bett und schlief ein.

14. Was willst du dafür tun?

„Was willst du für deine Ziele tun?“

Der Käfer war auf der Nachttischlampe gelandet. Er sortierte seine Flügel und fügte hinzu: „Was wirst du tun, um sie zu verwirklichen?“

Mathilde erzählte, dass sie bereits etwas zu diesem Punkt aufgeschrieben hatte:

Jeden Tag fünfzehn Minuten die Pfeifübungen machen, die ich von Tiberius bekommen habe. Tiberius testet mich am 25.09.

„Das ist gut! Aber was ist mit der Drei in Mathematik und mit dem Pferd, das du eines Tages haben möchtest?“
Mathilde zupfte sich am linken Ohr. Das tat sie oft, wenn sie nachdachte.
„Ich werde lernen. Ich meine, für Mathematik lernen. Ja, und für das Pferd will ich sparen.“

„Das ist ein guter Anfang. Schreib es bitte auf und versuche, kleine Aufgaben daraus zu machen. Überlege weitere Dinge, die du tun kannst. Notiere auch, bis wann du es tun willst.“

Freundlich aber mit Nachdruck fügte er hinzu: „Überleg dir auch, bis wann du deine Ziele erreicht haben möchtest. Setz dir ein klares Ziel, weil es sonst häufig nur ein Wunsch bleibt. Hilf deinem Glück, indem du dich verpflichtest, ihm entgegenzugehen, und zwar Schritt für Schritt.“

„Das klingt nach viel Arbeit, nicht nach Spaß und Ferien. Und das alles mit acht, äh, neun.“

„Versuche es trotzdem. Du hast dich auch geirrt bei den Gräsern vom Friedhof. Manchmal sollten wir einfach vertrauen und etwas tun, um herauszufinden, ob es ein guter Weg ist. Probiere es aus. Schaden wird es dir nicht. Und langweilig wird es auch nicht.“ Der Käfer lächelte und kletterte auf den Lampenschirm.

Unsanft holte der Wecker Mathilde aus dem Schlaf. Sie stand auf, wusch Gesicht samt Sommersprossen und stellte fest, dass die Bauchschmerzen verschwunden waren.

Bevor sie das Haus verließ, schrieb sie auf eine leere Seite:

Wann willst du deine Ziele erreichen?

Was willst du dafür tun?

Hilf deinem Glück, indem du dich verpflichtest, darauf zuzugehen, und zwar Schritt für Schritt.

Manchmal sollte man einfach vertrauen und ausprobieren.

15. Das wertvolle Bild

Mathilde fühlte sich winzig, als Gregors Mutter sie in den Garten führte. Ihr Sohn saß malend an einem Holztisch. Die Augen leuchteten in seinem bleichen Gesicht, während er den Pinsel führte. Offensichtlich ging es ihm besser.

„Guten Tag. Du musst Mathilde sein. Meine Mutter hat mir erzählt, dass du heute Morgen schon einmal bei uns warst.“
„Hallo, Gregor. Ja, das stimmt.“

Schnell kam Mathilde zur Sache und erklärte, warum sie da sei. Sie entschuldigte sich für ihr damaliges Verhalten bei Gregor.

„Das ist außergewöhnlich. Ich kann mich daran kaum noch erinnern. Aber jetzt, wo du es erzählst …“

Weiter kam Gregor nicht, denn ein Hustanfall verwandelte sein bleiches Gesicht in ein hochrotes.

„Ich habe Asthma. Deswegen darf ich auch nicht mit den anderen spielen. Ich soll mich nicht anstrengen.“
„Oh.“
„Setz dich doch.“
„Okay.“

Mathilde setzte sich und betrachtete das Bild, das vor ihm auf dem Holztisch lag. Sie war beeindruckt.

„Das ist der Apfelbaum dahinten, der neben der krummen Kiefer. Weißt du Mathilde, ich male für mein Leben gern, und weil ich viel Zeit habe, habe ich schon viel Papier bemalt.“
„Das sieht toll aus.“
„Für das Bild habe ich den extra dicken Malkarton besorgt. Das Malen macht darauf noch mehr Spaß. Es ist schon trocken. Bitte schau, wie schön die Farben der Äpfel leuchten.“
„Oh ja!“

Normalerweise hätte die gestelzte Art zu reden Mathilde gestört. Aber zu Gregor passte sie.

Vorsichtig nahm sie das Bild, das ihr entgegengehalten wurde, richtete es zum Apfelbaum aus und verglich die Zeichnung mit dem Original.

„Verblüffend, was man mit viel Übung alles erreichen kann“, überlegte Mathilde und zupfte sich am Ohr. Sie musste an das Bild an der Korkwand und ihre Ziele denken.
„Gefällt es dir?“
„Äh ja. Es ist ein wirklich tolles Bild.“
„Dann möchte ich es beenden und dir schenken.“
„Ja, aber.“

Gregor signierte das Bild schwungvoll mit seinem Kürzel GK und gab es Mathilde. Sie stand mit offenem Mund da und wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Ich werde es rahmen und dann in meinem Zimmer neben der Korkwand aufhängen.“

„Ach, ja, wirklich? Das würde mich freuen.“
„Ja wirklich.“

Auf dem Weg nach Hause musste Mathilde immer wieder auf das Bild schauen. Es war eine gute Idee, es neben die Korkwand zu hängen. So wurde sie gleich an zwei Dinge erinnert: Mit Üben kann man viel erreichen, und wenn man einen Fehler gemacht hat, kann man sich ruhig einmal dafür entschuldigen.

„Was für ein wertvolles Bild“, murmelte Mathilde und begann zu hüpfen.

16. Das Notizbuch wächst

„Das ist ein schönes Bild!“

Mit Hammer und Nagel bewaffnet betrachtete Mathildes Onkel das Bild, das seine Nichte wie ein rohes Ei auf den Schreibtisch legte.

Mit einem gezielten Schlag verschwand der Nagel zu drei Vierteln in der Wand, und er hängte das Bild vorsichtig auf.

„So?“
„Ja. Da gefällt es mir.“
„Schönes Bild.“
„Ja.“
„Schlaf gut, Mathilde.“

Sie wünschte ihrem müde wirkenden Onkel ebenfalls eine gute Nacht und setzte sich an den Schreibtisch. Abwechselnd schaute sie Gregors Bild und ihr Bild an. Dann schlug sie das Buch auf und schrieb: 

Mit viel Übung kann man viel erreichen.

Sie blätterte zur Seite, wo sie die Eigenschaften notiert hatte, die das WIE erläuterten. Sie ergänzte ihre Beschreibung von „fair“:

fair – gerecht sein, nicht die eigene schlechte Laune an anderen auslassen, keine Vorurteile haben, sich entschuldigen, wenn man einen Fehler gemacht hat (Gregor)

Erneut las sie die Beschreibung aller Eigenschaften durch und war recht zufrieden.

freundlich – mit einem Lächeln die Dinge tun und auf andere zugehen, auch wenn andere nicht freundlich sind, andere so behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte, sich bedanken, Menschen helfen, Dank annehmen

ausdauernd & geduldig – Ziele verfolgen, Ziele auch mal anderen erzählen, Hilfe suchen, Ziele immer wieder anschauen, regelmäßig dafür etwas tun, auch mal „Nein“ sagen, das Notizbuch immer wieder nutzen

Als sie die letzte Beschreibung las, erinnerte sich Mathilde an die Worte des Käfers. Sie musste noch aufschreiben, was sie für ihre Ziele tun wollte und bis wann es zu tun war.

Als Erinnerung notierte sie noch auf einem neuen Blatt:

Was willst du dafür tun?

1. Pfeifen können

  • Jeden Tag fünfzehn Minuten die Pfeifübungen machen, die ich von Tiberius bekommen habe. Tiberius testet mich am 25.09.

2. Drei in Mathematik

  • ???

3. Eigenes Pferd

  • ???

Gähnend zog Mathilde die Decke über den Kopf. Als sie daran dachte, was heute alles passiert war, fielen ihre Augen zu und ein geheimnisvoller Traum begann.

 

 

 

Als Audio-Version

Sprecherin: Inge Blesinger, freie Mitarbeiterin im blueprints Team

  

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