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Mathildes Abenteuer

25. Ungerechte Welt

Noch eine Woche bis Schulbeginn. Mathilde schaute „Unsere kleine Farm“ und beneidete die kleine Laura Ingalls, denn die brauchte keine Zeitungen auszutragen.

Und überhaupt. Es war ungerecht, dass einige Mädchen in ihrer Klasse ein Pferd hatten. Mathilde starrte auf den Bildschirm und schlug ihre Faust gegen die Lehne des Sofas. Ein extrem hoher Summton riss sie aus ihren Gedanken.

 bienchen lesezeichen 50„Hallo, Mathilde“, sagte die Mücke. „Wie ich sehe, machst du dir unfaire Gedanken.“

Mathilde wurde rot. Ja, ihre Gedanken waren wahrlich nicht nett gewesen, aber woher wusste das die Mücke?

„Geh davon aus, dass ein sprechendes Insekt auch deine Gedanken kennt.“
„Ach so.“
„Außerdem ist es nichts, wofür du dich schämen musst. Es zeigt nur, wo du an dir arbeiten kannst. Es zeigt auf, wo du dich mit deinen Gedanken bestrafst“, erklärte die Mücke.
„Aber es ist doch ungerecht …“,

Mathilde zupfte sich am Ohr und schaltete den Fernseher aus.

„Das mag sein. Aber niemand hat gesagt, dass es auf der Welt gerecht zugeht – vor allem, mit welcher Gerechtigkeit? Welche Art von Gerechtigkeit meinst du? Die des Geldes, der Freude, des Glückes, der Gesundheit? Außerdem betrachten wir meist nur Phasen des Lebens und urteilen gleich darüber. Wir sehen nicht, was war, und wir können nicht wissen, was kommt. Möglicherweise ist das Leben gerecht, wenn wir es im Ganzen betrachten.“

„Hört sich vernünftig an“, überlegte Mathilde. Sie bat ihren Besuch zu warten, rannte in ihr Zimmer und holte das Buch.

Abends saß Mathilde vor den geschriebenen Zeilen und überlegte, was sie bedeuteten.

Gerechtigkeit: Die des Geldes, der Freude, des Glücks, der Gesundheit – welche meinst du? Außerdem betrachten wir meist nur Phasen des Lebens und urteilen zu schnell. Wir sehen nicht, was war, und wir können nicht wissen, was kommt. Möglicherweise ist das Leben gerecht, wenn wir es im Ganzen betrachten.

Mathilde war immer noch unzufrieden – aber jetzt mehr mit sich im Einzelnen als mit der Welt im Allgemeinen.

„Das werde ich ändern!“, flüsterte sie und zog die Decke bis unter ihre müden Augen.

26. Alles geht schief

Die Ferien waren vorbei. Mathilde saß auf einer mit Efeu bewachsenen Mauer und biss lustlos ins Pausenbrot.
Sie hatte heute im Regen die Zeitungen ausgetragen, kam zu spät zum Unterricht und in der letzten Schulstunde war ihr eine Vier in der Mathematikarbeit auf den Magen geschlagen.

Jetzt auch noch der falsche Käse auf ihrem Brot. Konnte ihr Onkel nicht besser aufpassen? Hatte sich denn alles und jeder gegen sie verschworen?

Auf dem Heimweg schlurfte sie, übte ein wenig die Tonleiter und dachte an die Erlebnisse in den Ferien, aber ihre Stimmung wurde nicht besser. Auf den letzten Metern zum Zeitungskiosk beobachtete Mathilde, wie ein Mädchen im Rollstuhl versuchte, Tiberius das Geld zu überreichen.

„Warte! Lass mich dir helfen.“

Das Mädchen drehte sich um, lächelte und gab Mathilde das Geld.

„Hier, Tiberius.“

„Danke. Wie kommst du mit deinen Pfeifübungen voran?“
„Ach. Mir ist zurzeit gar nicht zum Pfeifen zumute.“
Tiberius nickte.

„Vielen Dank für deine Hilfe. Ich bin Marei“, sagte das Mädchen. Sie war circa 12 Jahre alt, und lange, blonde Haare rahmten ihr schmales Gesicht.

Einige Minuten später schob Mathilde den Rollstuhl, denn die beiden hatten den gleichen Weg.

„Ja, ab der Hüfte abwärts bin ich gelähmt“, sagte Marei.
„Oh!“
„Es war ein Verkehrsunfall. Ich hatte auf meinem gelben Fahrrad das Fahren geübt. Na ja, so richtig klappte es noch nicht, sonst wäre ich ja auf dem Fußweg geblieben.“
„Und dann?“
„Dann tauchte plötzlich dieser große Schlepper mit Anhänger auf. Mehr weiß ich nicht.“

Mathilde schob im Zeitlupentempo, Marei erzählte, Mathilde blieb stehen und fragte, Marei erzählte, Mathilde blieb stehen und lachte ... Jede Schnecke hätte die beiden überholt. Sie waren ein Paar, das sich auf Anhieb verstand.

Als Mathilde viel später als üblich nach Hause kam, lag nicht nur Ärger, sondern auch der Geruch verbrannten Essens in der Luft.

Ihr Onkel, der leider keinerlei Erfahrung im Warmhalten von Essen besaß, war wie so häufig wortkarg, was sein Kratzen im Kochtopf noch lauter erschienen ließ. Er schabte Salzkartoffeln heraus und verteilte die klebrige Masse auf den Tellern. Mathilde erzählte von ihrem Tag; dem Zeitungsaustragen bei Regen, der Mathematikzensur und von Marei. Ihr Onkel hörte zu und verstand, warum sie keine weitere Schelte gebrauchen konnte.

Mathilde aß die übergarten Kartoffeln, den teilweise schwarzen Rotkohl und nahm auch von etwas Dunklem, das an Fleisch erinnerte.

„Schmeckt gar nicht so schlecht.“
„Hör auf zu flunkern.“
„Wirklich!“, rief Mathilde
„Nachschlag?“

Mathilde lachte und ihr Onkel schaffte immerhin ein zartes Lächeln.

Während die Küche aufgeräumt wurde, waren Mathildes Gedanken bei Marei. Sie war freundlich, strahlte immerzu und beklagte sich nicht, obwohl sie niemals wieder würde Rad fahren können oder A-Versteck spielen. Mathilde schüttelte langsam ihren rotlockigen Kopf. Sie schämte sich, dass sie heute in der Schule so voller Selbstmitleid gewesen war.

„Das muss ich notieren.“
„Was notieren?“, fragte ihr Onkel, der die Zeitung gesenkt hatte.
„Ach nichts. Ich will etwas aufschreiben, an das ich mich erinnern möchte.“
„Ach so.“

Mathilde schrubbte weiter die in Mitleidenschaft gezogene Herdplatte und bereitete den Frühstückstisch vor – wie an den meisten Abenden. Aber heute pfeifend.

27. Einiges muss sich ändern

Die WIEs gefielen ihr immer noch, aber beim heutigen Durchlesen wurde Mathilde klar, dass es noch einiges zu tun gab. Die Vorgaben hatte sie selber gemacht – niemand sonst. Das Schlimme war, dass ihr Selbstmitleid, die Ausreden und die sporadischen Mathematikübungen ihr so bewusster wurden.

Etwas musste sich ändern.

„Nein! Ich muss etwas ändern“, rief Mathilde. „Was würden meine neuen Freunde mir empfehlen?“

Hinter jedem WIE notierte sie eine Aufgabe, die ihr helfen sollte, besser zu werden.

„Wenn ich es nicht in den nächsten drei Tagen erledige oder wenigstens damit anfange, dann mache ich es überhaupt nicht!“, sagte Mathilde und las die Aufgaben laut vor.

fair – gerecht sein, nicht die eigene schlechte Laune an anderen auslassen, keine Vorurteile haben, sich entschuldigen, wenn man einen Fehler gemacht hat

  • Tiberius fragen: Warum hat er nie schlechte Laune?

freundlich – mit einem Lächeln die Dinge tun und auf andere zugehen, auch wenn andere nicht freundlich sind, andere so behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte, Menschen helfen, sich bedanken, Dank annehmen

  • Marei fragen: Warum ist sie so freundlich und strahlt immer?

ausdauernd & geduldig – Ziele verfolgen, Ziele auch mal anderen erzählen, Hilfe suchen, Ziele immer wieder anschauen, regelmäßig dafür etwas tun, auch mal „Nein“ sagen, das Notizbuch immer wieder nutzen

  • Jemanden in der Schule um Unterstützung in Mathematik bitten
  • Wieder regelmäßig Pfeifen üben

„Ha! Da habe ich ja etliches zu tun.“

Mathilde lachte, klappte ihr Notizbuch zu, zog ihre Schuhe an und schnappte den grünen Pullover.

„Bin gespannt, was Tiberius antwortet“, überlegte Mathilde, ließ die Wohnungstür ins Schloss fallen und hüpfte gummiballgleich hinaus auf den Marktplatz.

28. Die Weisen und Tiberius

„Eine interessante Frage“, sagte Tiberius.

Er unterbrach das Sortieren der alten Zeitschriften und setzte sich zu Mathilde auf die rote Plastikbank. Er neigte den Kopf nach rechts, kratzte sich hinter dem Ohr und wiederholte: „Warum habe ich nie schlechte Laune?“

„Ich muss deine Frage in Frage stellen. Sie basiert nämlich auf einer falschen Annahme.“
„Wieso?“
„Weil ich auch schlechte Laune habe. Dann bist du meist nicht dabei oder ich verberge es“, sagte Tiberius.
„Das wusste ich nicht.“

Mathilde war enttäuscht und wollte ihr Notizbuch schon zuklappen, als Tiberius weitersprach.

„Schlechte Laune beruht meist auf Gedanken. Natürlich habe ich keine gute Laune, wenn ich Zahnschmerzen habe oder wenn es beim Angeln anfängt zu regnen. Aber ich weiß, dass ich solche Situationen mit schlechter Laune nicht verbessern kann. Was ich in solchen Momenten brauche, ist ein Quäntchen gute Laune, denn sie lindert Schmerzen und verändert meine trüben Gedanken. Das ist nicht immer einfach, aber mit Übung gelingt das.“

„Wieder mal muss der Regen herhalten“, murmelte Mathilde und notierte den Rat von Tiberius.

„Wenn meine schlechte Laune auf Gedanken beruht, sind es meist Zeitreisen in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Ich bin betrübt über das, was ich verloren habe. Ich hadere mit einem Schicksalsschlag, habe Angst, dass ich krank werde, und und und“, sagte Tiberius. Er machte eine Pause, drehte an seinem goldenen Ring mit dem blauen Stein und lächelte.

„Mit solchen Gedanken zaubere ich die schlechte Laune herbei. Aber ich verscheuche sie nicht sofort, denn sie kommt ja nicht ohne Grund und sie könnte mir helfen.“
„Helfen?“, fragte Mathilde.
„Ja, sie lässt mich erkennen, was ich ändern muss.“

Mathilde kaute an ihrem Stift und notierte.

„Vor kurzem dachte ich an meine Frau, die nicht mehr lebt und die ich nie wieder in meinen Armen halten kann. Das machte mich traurig. Ich überlegte, dass ich weder Kinder noch Enkelkinder habe. Schlechte Laune und Traurigkeit waren der Lohn für diese Gedanken.“

„Und was hast du dann gemacht?“, fragte Mathilde.

„Ich überlegte, was weise Frauen oder Männer mir empfehlen würden. So kam ich auf die Idee, den besonderen Schrank aufzuräumen, den meine Frau und ich nutzten, um den Dingen einen Platz zu geben, die im Haus keinen hatten. Im Schrank fand man nie etwas, wenn man es suchte, sondern man stieß immer nur dann darauf, wenn man es nicht mehr brauchte“, sagte Tiberius.

„Ich habe den Schrank aufgeräumt, hatte schöne Gedanken, fand interessante Dinge, und für dich, Mathilde, hatte ich ein Geschenk aufgespürt. Wie von Geisterhand war meine schlechte Laune fortgewischt und noch dazu war mein Schrank aufgeräumt.“

Mathilde machte Notizen.

„Wenn du schlechte Laune hast, beobachte deine Gedanken und tue was. Male ein Bild, räum auf, schreib in deinem Buch oder erledige Dinge, die du immer wieder aufschiebst. Mir hat das stets geholfen“, fasste Tiberius zusammen.

„Das klingt interessant. Klappt das auch wirklich, oder hat jemand dich beauftragt das zu erzählen?“, fragte Mathilde und grinste. „Meinem Zimmer würde das sicher nicht schaden und Onkel wird sich freuen.“
Tiberius lachte. „Nein, nein. So etwas würde ich nie tun.“

Abends überflog Mathilde das Geschriebene und machte einen Haken auf ihrem Zettel mit den Aufgaben.

Schlechte Laune beruht meist auf Gedanken.

Gute Laune lindert Schmerzen und verändert meine Gedanken über Regen. Das ist nicht immer einfach, aber mit viel Übung gelingt das.

Wenn du schlechte Laune hast, dann beobachte deine Gedanken, beweg dich und tue was. Male ein Bild, räum auf, schreib in deinem Buch oder mach etwas, was du immer wieder aufschiebst.

„Das teste ich. Ich weiß auch schon wie!“

 

 

In einigen Tagen geht es weiter.

(c) Michael Behn

Als Audio-Version

Sprecherin: Inge Blesinger, freie Mitarbeiterin im blueprints Team

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