Selfies und psychische Gesundheit: Was Selbstporträts über uns verraten

Eigentlich ist das Selfie bereits alt: Im Jahr 1839 nahm der US-Amerikaner Robert Cornelius eines der frühesten erhaltenen fotografischen Selbstporträts auf. Dafür musste er minutenlang still vor seiner selbst gebauten Kamera verharren. Mit dem schnellen Schnappschuss aus der Hosentasche hatte das noch wenig zu tun.

Heute sind Selfies ein fester Bestandteil unserer digitalen Kultur. Sie halten Urlaubsmomente fest, zeigen Veränderungen, übermitteln Grüße und erzählen anderen: Hier bin ich, das erlebe ich gerade, so möchte ich gesehen werden.

Doch was sagen die Bilder wirklich über einen Menschen aus? Sind häufige Selfies ein Zeichen von Selbstbewusstsein – oder von Unsicherheit? Machen sie zufriedener, fördern sie Narzissmus oder setzen sie uns unnötig unter Druck?

Die Forschung liefert kein einfaches Urteil. Selfies sind weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schädlich. Entscheidend sind unter anderem das Motiv, die Häufigkeit, der Umgang mit Reaktionen und die Bedeutung, die ein Mensch seinem Aussehen beimisst.

Ein Mann macht ein Selfie am Meer.

Inhalt: Selfies und psychische Gesundheit

Warum postet jemand Bilder von sich selbst?

Die Gründe für das Posten von Selfies sind unterschiedlich. Einige Menschen möchten besondere Momente festhalten, während andere Anerkennung und Bestätigung suchen. Manche nutzen Selfies, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, sich kreativ auszudrücken oder Veränderungen im eigenen Leben zu dokumentieren.

Häufig kommen mehrere Motive zusammen.

Erinnerungen festhalten

Ein Selfie vor einem besonderen Gebäude, während einer Wanderung oder bei einem Familientreffen dient zunächst als persönliche Erinnerung. Anders als bei einem reinen Landschaftsbild sagt das Foto: Ich war nicht nur dort – ich war Teil dieses Augenblicks.

Nähe herstellen

Selfies können eine einfache Form der Kommunikation sein. Ein Bild aus dem Urlaub, von einer Veranstaltung oder aus dem Alltag vermittelt mehr Atmosphäre als eine kurze Textnachricht. Gerade über räumliche Distanzen hinweg können solche Bilder Verbundenheit schaffen.

Die eigene Identität erproben

Kleidung, Frisur, Gesichtsausdruck, Perspektive und Hintergrund lassen sich bewusst wählen. Vor allem Jugendliche nutzen Selbstbilder, um verschiedene Seiten ihrer Persönlichkeit auszuprobieren:

  • Wie möchte ich wirken?
  • Welche Rolle passt zu mir?
  • Wodurch unterscheide ich mich von anderen?
  • Zu welcher Gruppe möchte ich gehören?

Selfies können deshalb Teil der Selbstfindung sein. Sie sind kleine visuelle Versuche, eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wer bin ich – und wie möchte ich von anderen wahrgenommen werden?“

Anerkennung und Bestätigung erhalten

Likes und positive Kommentare können kurzfristig guttun. Sie vermitteln Aufmerksamkeit, Zustimmung und soziale Zugehörigkeit. Problematisch wird es, wenn das eigene Wohlbefinden immer stärker von diesen Reaktionen abhängt.

Dann wird aus dem Wunsch, etwas zu teilen, schnell eine innere Prüfung:

Kommt das Bild gut an? Sehe ich attraktiv genug aus? Warum bekommt jemand anderes mehr Zustimmung?

Sich präsentieren oder profilieren

Es gibt auch Menschen, die Selfies gezielt zur Selbstdarstellung nutzen. Sie möchten erfolgreich, attraktiv, interessant, sportlich oder besonders glücklich erscheinen. Das ist nicht automatisch verwerflich. Auch im persönlichen Gespräch wählen wir aus, welche Seiten wir zeigen.

In sozialen Medien kann diese Auswahl jedoch leicht zu einer Dauerinszenierung werden. Dann zeigt das Profil nicht mehr den Alltag, sondern eine sorgfältig zusammengestellte Werbefläche des eigenen Lebens.

Kontrolle gewinnen

Bei einem Selfie entscheidet die fotografierte Person selbst über Aufnahme, Perspektive und Auswahl. Sie kann zehn, fünfzig oder hundert Bilder aufnehmen und nur das günstigste veröffentlichen.

Das kann ein Gefühl von Kontrolle vermitteln. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass immer mehr Zeit und Energie in ein Bild fließen, das spontan und mühelos wirken soll.

Ein interessanter Fakt: Eine Studie des Georgia Institute of Technology und von Yahoo Labs untersuchte rund 1,1 Millionen Instagram-Fotos. Bilder, auf denen menschliche Gesichter zu sehen waren, erhielten mit 38 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Likes und mit 32 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Kommentare als Bilder ohne Gesichter. Ob Männer oder Frauen abgebildet waren, machte dabei keinen bedeutsamen Unterschied. (Originalstudie über DOI / ACM)

Was sagen unsere Selfies über uns aus?

Selfies können Hinweise auf unsere Stimmung, unsere Interessen und unsere aktuelle Lebenssituation geben. Dennoch sollten wir vorsichtig sein: Ein einzelnes Bild ist kein zuverlässiger Persönlichkeitstest.

Ein lächelndes Selfie kann zeigen, dass sich jemand in diesem Moment wohlfühlt. Es kann aber ebenso ein bewusst gewählter Gesichtsausdruck sein. Ein Bild an einem exotischen Urlaubsort könnte auf Abenteuerlust hindeuten – oder schlicht auf eine gebuchte Pauschalreise. Ein Foto aus der Hängematte kann Entspannung zeigen, sagt aber wenig darüber aus, wie stressig die übrige Woche war.

Selfies zeigen daher häufig weniger, wie ein Mensch grundsätzlich ist, sondern eher, wie er in einem bestimmten Augenblick gesehen werden möchte.

In einer Studie versuchten fremde Beobachter, aus Selfies auf Persönlichkeitsmerkmale zu schließen. Die Urteile der Betrachter ähnelten sich teilweise, waren aber nur begrenzt zutreffend. Am ehesten ließ sich noch eine gewisse Offenheit für neue Erfahrungen erkennen. Viele andere Einschätzungen waren stärker von der Bildgestaltung als von der tatsächlichen Persönlichkeit geprägt.

Ein freundlicher Gesichtsausdruck wird schnell als Kontaktfreude gedeutet. Ein ungewöhnlicher Hintergrund kann kreativ wirken. Ein stark bearbeitetes Bild kann Perfektionismus vermuten lassen. Doch solche Eindrücke müssen nicht stimmen.

Ein Selfie ist deshalb kein Fenster, durch das wir direkt in die Seele eines Menschen schauen. Es ist eher eine kleine Bühne, auf der jemand einen ausgewählten Ausschnitt zeigt.

Interessant ist dabei nicht nur, was auf dem Bild zu sehen ist. Auch folgende Fragen können etwas über die Bedeutung des Selfies verraten:

  • Wie viel Zeit wurde für die Aufnahme benötigt?
  • Wie viele Bilder wurden vorher aussortiert?
  • Wurde das Foto stark bearbeitet?
  • Wird es nur gespeichert oder öffentlich geteilt?
  • Wie wichtig sind Likes und Kommentare?
  • Wie reagiert die Person auf wenig Zustimmung?
  • Zeigt sie ausschließlich perfekte Momente?

Vor allem das Verhalten rund um das Bild kann aufschlussreicher sein als das Selfie selbst.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Eine Studie der Washington State University zeigte auf, dass Menschen, die häufig Selfies posten, eher dazu neigen, narzisstische Züge zu zeigen. Bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung besteht ein durchgehendes Bedürfnis nach Bewunderung und ein Mangel an Einfühlungsvermögen in andere. Narzisstische Personen legen ein übertriebenes Selbstwertgefühl an den Tag.

Weisen Selfies auf Narzissmus hin?

Das Posten von Selfies kann in manchen Fällen mit narzisstischen Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängen. Die einfache Gleichung „Viele Selfies gleich Narzissmus“ ist jedoch nicht richtig.

Narzissmus ist zunächst keine eindeutige Ja-oder-nein-Eigenschaft. In gewissem Maß wünschen sich fast alle Menschen Anerkennung, möchten günstig wirken und sind stolz auf bestimmte Leistungen. Erst wenn starke Selbstbezogenheit, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewunderung und Schwierigkeiten im Umgang mit anderen dauerhaft zusammenkommen, kann das Verhalten problematisch werden.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine klinische Diagnose. Sie kann ausschließlich nach einer fachlichen Untersuchung gestellt werden. Weder die Zahl der Selfies noch ein bestimmter Gesichtsausdruck reichen dafür aus.

Eine häufig zitierte Untersuchung der Ohio State University befragte rund 800 Männer im Alter zwischen 18 und 40 Jahren. Männer, die besonders viele Selbstbilder veröffentlichten, erreichten im Durchschnitt höhere Werte auf Fragebögen zu narzisstischen und psychopathischen Persönlichkeitseigenschaften. Wer seine Bilder häufiger bearbeitete, zeigte zudem mehr Selbstobjektivierung – betrachtete den eigenen Körper also stärker aus der Perspektive möglicher Beobachter.

Das klingt zunächst dramatisch. Die Forschenden betonten jedoch, dass sich die gemessenen Werte überwiegend im normalen Bereich bewegten. Die Teilnehmer waren weder als Narzissten noch als Psychopathen diagnostiziert worden. Außerdem konnte die Untersuchung nicht klären, ob bestimmte Eigenschaften zum häufigeren Posten führten oder ob andere Faktoren eine Rolle spielten.

Auch weitere Studien kommen zu differenzierten Ergebnissen. In einer Untersuchung mit Studierenden zeigte sich kein allgemeiner Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Selfies und Narzissmus. Lediglich bestimmte Arten von Selbstbildern, etwa besonders auf das Aussehen ausgerichtete Fotos, standen mit einzelnen narzisstischen Merkmalen in Verbindung.

Ein weiterer interessanter Effekt: Menschen, die viele Selfies veröffentlichen, werden von anderen teilweise als selbstbezogener und weniger sympathisch eingeschätzt – selbst dann, wenn sie in Persönlichkeitstests keine erhöhten Narzissmuswerte zeigen.

Hier ist also zwischen zwei Fragen zu unterscheiden:

  1. Ist jemand tatsächlich besonders narzisstisch?
  2. Wirkt die Person durch ihre Selbstdarstellung auf andere narzisstisch?

Das ist nicht dasselbe.

Häufige Selfies können ein Hinweis auf ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sein. Sie können aber genauso aus Freude am Fotografieren, beruflicher Kommunikation, Kontaktpflege oder purer Gewohnheit entstehen. Erst das Gesamtbild aus Motiven, Verhalten und Lebenssituation erlaubt eine vorsichtige Einschätzung.

Umfrage "Selfies und Narzissmus"

Was denkst du: Sind Menschen, die häufig Selfies posten, eher selbstverliebt?

 

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Was ist positiv an Selfies?

Selfies können positive Auswirkungen auf Selbstwahrnehmung, Kreativität und soziale Beziehungen haben. Wer sie pauschal als oberflächlich oder selbstverliebt abwertet, übersieht ihre vielfältigen Funktionen.

Erinnerungen werden persönlicher

Ein Selbstporträt dokumentiert nicht nur einen Ort, sondern auch die Person, die ihn erlebt hat. Jahre später kann es Gefühle und Situationen lebendiger zurückrufen als ein unpersönliches Motiv.

Kontakte lassen sich pflegen

Selfies ermöglichen es, andere unkompliziert am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Besonders in privaten Gruppen oder Familienchats können sie Nähe und Zugehörigkeit fördern.

Selbstausdruck wird möglich

Menschen können mit Bildern Stimmungen, Stilrichtungen, Rollen und Zugehörigkeiten ausdrücken. Selfies sind damit auch eine moderne Form der Selbstdarstellung, wie es sie in Gemälden, Tagebüchern und Familienalben schon lange gab.

Positive Veränderungen werden sichtbar

Ein Selfie kann persönliche Entwicklungen dokumentieren: eine neue Frisur, die Rückkehr zum Sport, die Erholung nach einer Krankheit oder einen mutigen Aufbruch. Solche Bilder können motivieren und an bewältigte Schritte erinnern.

Unterrepräsentierte Gruppen werden sichtbarer

Menschen, deren Körper, Alter oder Lebensweisen in klassischen Medien kaum vorkommen, können ihre eigenen Bilder veröffentlichen. Selfies können dadurch gängige Schönheitsideale erweitern und zu einer vielfältigeren Darstellung beitragen.

Selbstakzeptanz kann wachsen

Manche Menschen lernen durch Selbstporträts, sich aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und weniger streng mit ihrem Aussehen umzugehen. Ein unbearbeitetes Bild kann dann zu einer kleinen Übung in Selbstannahme werden.

Eine größere Auswertung zahlreicher Studien kam zu einem bemerkenswert differenzierten Ergebnis: Das Aufnehmen und Veröffentlichen von Selfies stand teilweise mit einer positiveren Bewertung des eigenen Aussehens in Verbindung. Das aufwendige Bearbeiten der Bilder hing dagegen eher mit einer negativeren Selbstbewertung zusammen.

Nicht das Selfie an sich scheint demnach der entscheidende Punkt zu sein. Wichtiger ist, wie stark es kontrolliert, korrigiert und mit einem unerreichbaren Ideal verglichen wird.

Was ist negativ an Selfies?

Selfies können belasten, wenn äußere Bestätigung, ständige Vergleiche und die Kontrolle des eigenen Aussehens zu viel Raum einnehmen.

Abhängigkeit von Likes und Kommentaren

Positive Reaktionen können das Selbstwertgefühl kurzfristig anheben. Bleiben sie aus, entstehen möglicherweise Enttäuschung, Unsicherheit oder Scham.

Wer seinen Wert zunehmend an Klickzahlen misst, gibt einen Teil der eigenen Stimmungskontrolle an ein Publikum und einen Algorithmus ab.

Das Problem ist nicht die Freude über Zustimmung. Problematisch wird es, wenn daraus eine Bedingung entsteht:

Ich kann das Bild erst mögen, wenn andere es mögen.

Vergleiche mit idealisierten Bildern

In sozialen Medien begegnen uns nicht die durchschnittlichen Momente anderer Menschen. Wir sehen ausgewählte Perspektiven, günstiges Licht, besondere Situationen, Filter und nachbearbeitete Aufnahmen.

Trotzdem vergleicht unser Gehirn diese Bilder mit dem eigenen Spiegelbild an einem gewöhnlichen Tag. So entsteht ein unfairer Wettbewerb: der eigene Alltag gegen die Höhepunkte und Inszenierungen der anderen.

Vor allem Menschen, die ihr Aussehen häufig mit anderen vergleichen, reagieren empfindlicher auf idealisierte Selbstbilder. Studien mit Jugendlichen weisen darauf hin, dass das Betrachten solcher Fotos kurzfristig Stimmung und Körperzufriedenheit beeinträchtigen kann.

Aufwendige Bildbearbeitung

Ein wenig Helligkeit oder ein anderer Bildausschnitt ist meist unproblematisch. Kritischer wird es, wenn Haut, Gesichtszüge und Körperformen immer stärker verändert werden.

Durch wiederholte Bearbeitung kann ein digitales Idealbild entstehen, dem das reale Aussehen zwangsläufig nicht entspricht. Der Blick in den Spiegel wird dann zum Vergleich mit einer Person, die in dieser Form gar nicht existiert.

Mögliche Folgen sind:

  • stärkere Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper,
  • ständige Kontrolle des Aussehens,
  • Vermeidung ungeplanter Fotos,
  • Scham über normale Hautstrukturen oder Körpermerkmale,
  • der Wunsch nach kosmetischen Veränderungen,
  • das Gefühl, nur bearbeitet vorzeigbar zu sein.

Selbstobjektivierung

Wer sich häufig mit der Frage beschäftigt, wie der eigene Körper auf andere wirkt, kann beginnen, sich selbst wie ein äußeres Objekt zu betrachten. Das Aussehen rückt dann vor Gesundheit, Beweglichkeit, Wohlbefinden und Persönlichkeit.

Statt zu fragen „Wie fühle ich mich?“ lautet die unbewusste Frage immer häufiger: „Wie sehe ich dabei aus?“

Negative Kommentare und öffentliche Abwertung

Selfies können beleidigende, sexualisierte oder herabsetzende Kommentare auslösen. Besonders belastend sind solche Reaktionen, wenn das Selbstbewusstsein noch nicht gefestigt ist.

Ein sogenannter Shitstorm kann das Gefühl erzeugen, von einer unüberschaubaren Menge beobachtet und verurteilt zu werden. Dabei werden einzelne Äußerungen durch Teilen, Kommentieren und Wiederholen scheinbar immer größer.

Wichtig ist: Die Verantwortung für Hass und Beleidigungen liegt bei den Verfassern – nicht bei der fotografierten Person.

Verlust der Privatsphäre

Das Netz vergisst zwar nicht buchstäblich alles, doch veröffentlichte Bilder können gespeichert, weitergeleitet, verändert oder aus dem Zusammenhang gerissen werden. Auch nach dem Löschen eines Beitrags können Kopien bestehen bleiben.

Besonders vorsichtig sollte man mit folgenden Informationen umgehen:

  • erkennbare Wohnorte und Adressen,
  • regelmäßige Aufenthaltsorte,
  • Arbeitsplätze und Namensschilder,
  • Reiseinformationen während der Abwesenheit,
    Bilder von Kindern,
  • intime oder leicht missverständliche Situationen,
  • Fotos anderer Menschen ohne deren Zustimmung.

Wann wird der Umgang mit Selfies problematisch?

Es gibt keine bestimmte Zahl, ab der Selfies psychisch ungesund werden. Zehn Urlaubsbilder können harmloser sein als ein einziges Foto, über das jemand tagelang grübelt.

Wichtiger als die Menge sind die Folgen.

Warnzeichen können sein:

  • Du machst sehr viele Aufnahmen, bevor du ein Bild akzeptieren kannst.
  • Deine Stimmung hängt spürbar von Likes und Kommentaren ab.
  • Du löschst Beiträge aus Scham, wenn sie wenig Reaktionen erhalten.
  • Du vergleichst dein Aussehen ständig mit anderen Profilen.
  • Du bearbeitest Bilder so stark, dass du dich selbst kaum wiedererkennst.
  • Ungeplante oder unbearbeitete Fotos lösen erheblichen Stress aus.
  • Du vermeidest Treffen oder Aktivitäten, weil du dich nicht „fototauglich“ fühlst.
  • Das Fotografieren hindert dich daran, einen Moment tatsächlich zu erleben.
  • Du kontrollierst nach dem Posten immer wieder zwanghaft die Reaktionen.
  • Beleidigende Kommentare beschäftigen dich lange oder beeinträchtigen deinen Alltag.

Auch dann bedeutet ein einzelnes Anzeichen noch keine psychische Erkrankung. Mehrere dieser Punkte können jedoch ein Anlass sein, die eigene Nutzung bewusst zu verändern oder mit einer vertrauten Person darüber zu sprechen.

Bei anhaltendem Leidensdruck, starken Selbstwertproblemen, depressiver Stimmung oder ausgeprägter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist professionelle Unterstützung sinnvoll.

Wie gelingt ein gesunder Umgang mit Selfies?

Selfies müssen nicht aus dem Alltag verschwinden. Es geht vielmehr darum, die Kontrolle über ihre Bedeutung zu behalten.

Prüfe dein Motiv

Frage dich vor dem Posten: 

Möchte ich einen Moment teilen – oder brauche ich gerade dringend Bestätigung?

Beides darf vorkommen. Die ehrliche Antwort hilft jedoch, automatische Gewohnheiten zu erkennen.

Achte auf dein Gefühl danach

Fühlst du dich nach dem Posten verbunden und zufrieden? Oder wirst du unruhig und kontrollierst ständig die Reaktionen?

Das Gefühl nach der Veröffentlichung sagt häufig mehr über die Wirkung aus als das Bild selbst.

Begrenze die Auswahl

Lege beispielsweise fest, höchstens fünf oder zehn Aufnahmen zu machen. Das verhindert, dass aus einem kleinen Erinnerungsfoto eine halbstündige Prüfung des eigenen Gesichts wird.

Bearbeite zurückhaltend

Helligkeit, Kontrast und Ausschnitt verändern die Bildwirkung. Sobald jedoch Körperformen oder Gesichtszüge deutlich korrigiert werden, entsteht ein künstlicher Vergleichsmaßstab.

Eine hilfreiche Frage lautet:

Würde ich mich mit diesem Bild noch wohlfühlen, wenn jemand das unbearbeitete Original daneben sähe?

Veröffentliche nicht jeden Moment

Nicht jedes schöne Erlebnis braucht ein Publikum. Manche Augenblicke gewinnen sogar an Wert, wenn sie privat bleiben.

Verzichte zeitweise auf die Reaktionskontrolle

Poste ein Bild und öffne die Plattform anschließend für einige Stunden nicht. So unterbrichst du die unmittelbare Verbindung zwischen Selbstbild und äußerer Bewertung.

Gestalte deinen Nachrichtenstrom bewusst

Entfolge Profilen, nach deren Betrachtung du dich regelmäßig schlechter fühlst. Suche stattdessen Inhalte, die vielfältige Körper, Altersgruppen und Lebenswirklichkeiten zeigen.

Hole die Zustimmung anderer ein

Ein gemeinsames Selfie gehört nicht nur der Person, die das Smartphone hält. Frage vor einer Veröffentlichung, ob alle Abgebildeten damit einverstanden sind.

Schütze deine Privatsphäre

Prüfe Hintergrund, Standortangaben und Sichtbarkeitseinstellungen. Nicht jeder Kontakt muss jedes Bild sehen können.

Erlebe zuerst, fotografiere danach

Bei einem besonderen Ereignis kann eine einfache Regel helfen: Erst wahrnehmen, dann aufnehmen. Der Moment sollte nicht nur als Kulisse für ein Bild dienen.

Die Zukunft der Selfies

Selfies werden so bald nicht von der Bildfläche verschwinden. Wahrscheinlicher ist, dass die Grenze zwischen Fotografie und künstlich erzeugtem Bild immer unschärfer wird.

Schon heute können Anwendungen Haut glätten, Gesichtszüge verändern, Hintergründe austauschen und ganze Situationen erzeugen. Künftig wird es noch leichter werden, ein scheinbar realistisches Selbstbild zu erstellen, das so nie aufgenommen wurde.

Damit verändern sich auch die Fragen:

  • Ist das noch eine Erinnerung oder bereits eine Inszenierung?
  • Wie stark darf ein Bild bearbeitet sein, ohne irrezuführen?
  • Muss kenntlich gemacht werden, wenn das Aussehen künstlich verändert wurde?
  • Was geschieht mit dem Selbstbild, wenn die digitale Version stets „perfekter“ erscheint?
  • Können andere erkennen, ob ein Foto authentisch ist?

Gerade deshalb dürfte Medienkompetenz wichtiger werden. Wir müssen lernen, Bilder nicht nur zu betrachten, sondern auch ihre Entstehung zu hinterfragen.

Ein perfektes Selfie ist kein Beweis für ein perfektes Leben. Und ein unvorteilhaftes Foto sagt nichts über den Wert eines Menschen aus.

Eine etwas persönlichere Abschlussumfrage

Würdest du ein Selfie auch dann gerne ansehen oder behalten, wenn du dafür keine Likes und Kommentare bekommen würdest?

 

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Pareto-Tipp

Selfies sind zumeist mehr als nur Bilder von uns selbst. Sie können Wünsche, Stimmungen und Unsicherheiten sichtbar machen. Sie helfen uns, Erinnerungen festzuhalten, uns auszudrücken und mit anderen in Verbindung zu bleiben. Problematisch werden sie, wenn unser Selbstwert von Likes abhängt oder ein bearbeitetes Bild zum Maßstab für unser wirkliches Aussehen wird. Frage dich deshalb vor dem Posten: Warum teile ich dieses Bild – und würde ich es auch mögen, wenn niemand darauf reagiert? Bedenke außerdem: Veröffentlichte Bilder können gespeichert und weiterverbreitet werden.

Interessante Fakten zum Thema Selfies

1. Das Selfie ist älter als sein Name

Robert Cornelius fertigte 1839 eines der ältesten erhaltenen fotografischen Selbstporträts an. Das Wort „Selfie“ entstand erst viel später im digitalen Zeitalter.

2. Selfies gehören für viele Jugendliche zum Alltag

Eine 2018 veröffentlichte deutsche Jugendstudie berichtete, dass 85 Prozent der befragten 14- bis 21-Jährigen Selfies machten. 39 Prozent taten dies wöchentlich und 26 Prozent täglich.

Allerdings handelte es sich um eine vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel beauftragte Untersuchung. Die Ergebnisse sind deshalb als damalige Momentaufnahme zu lesen und nicht ohne Weiteres auf alle Jugendlichen oder die heutige Zeit übertragbar.

3. Nur wenige bezeichneten sich selbst als begeisterte Selfie-Macher

Obwohl die meisten Befragten Selfies aufnahmen, gaben lediglich 27 Prozent an, dass die Bilder eine zentrale Bedeutung für sie hätten. Das zeigt die zwiespältige Haltung: Viele nutzen Selfies selbstverständlich, möchten aber nicht als selbstbezogen gelten.

4. Likes können das Befinden beeinflussen

47 Prozent der Befragten erklärten, dass sie sich besser fühlten, wenn ein Selfie mehr Likes erhielt. Das verdeutlicht, wie schnell eine scheinbar harmlose Zahl mit dem eigenen Selbstwert verbunden werden kann.

5. Hinter einem spontanen Bild steckt manchmal viel Arbeit

In derselben Untersuchung berichteten 45 Prozent der befragten jungen Frauen, gelegentlich mehr als 50 Aufnahmen zu machen, bevor sie ein Selfie veröffentlichten.

Das scheinbar mühelose Bild kann also das Ergebnis einer strengen Auswahl sein.

6. Selfies erhalten häufig mehr Aufmerksamkeit

Eine Auswertung großer Mengen von Instagram-Beiträgen aus den Jahren 2012 bis 2014 ergab, dass Selfies im Durchschnitt mehr Likes und Kommentare erhielten als andere Bildarten. Gesichter ziehen Aufmerksamkeit an – sowohl offline als auch auf dem Bildschirm.

7. Bearbeiten und Posten wirken nicht unbedingt gleich

Eine Metaanalyse zeigte: Das Aufnehmen und Veröffentlichen von Selfies war teilweise mit einer positiveren Einschätzung des eigenen Aussehens verbunden. Häufiges Bearbeiten hing dagegen eher mit negativer Selbstbewertung zusammen.

8. Andere beurteilen Selfies nicht immer so positiv wie die Person selbst

Menschen können ihre eigenen Selfies sympathisch und natürlich finden, während Außenstehende dieselben Bilder als stärker inszeniert oder selbstbezogen wahrnehmen. Die beabsichtigte Wirkung und der tatsächliche Eindruck müssen also nicht übereinstimmen.

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Geschrieben von

Michael Behn

Michael Behn

Berufsfeld

Michael arbeitet als Trainer und Coach im Bereich Kommunikationstraining und Selbstmanagement. Er ist Gründer von blueprints.de, was seit dem Jahr 2000 eine Leidenschaft von ihm ist. 

Tätigkeitsgebiet

Er arbeitet bundesweit für kleine und mittelständische Unternehmen. Schwerpunkt sind Führungstrainings, Verkaufstrainings und das Thema Zeit- und Selbstmanagement. 

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