Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 

marshmallow test

Der Marshmallow Test im Original und die Selbstbeherrschungs-Übung

Wer kennt sie nicht, die rosa, weiß oder himmelblau gefärbte Schaumzuckerware - das Marshmallow. Es besteht aus Hühnereiweiß, Gelatine, Wasser, Maismehl, Glucose, Zucker, diversen Farbstoffen und Geschmacksaromen, ist wie gesagt zuckersüß und schmeckt deshalb besonders Kindern.

Experimente zum Thema Selbstkontrolle an Kindern machten das Marshmallow weltberühmt, sorgen zugleich heute noch für Kontroversen. Lesen Sie hier mehr zum Experiment, schauen Sie ein lustiges Video und probieren Sie gar eine Übung zum Thema.   

  

"Niemand ist frei, der über sich selbst nicht Herr ist."

Matthias Claudius

 

Der Marshmallow-Test

1968 bis 1974 führte der Stanforder Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel an der Stanford University eine Langzeitstudie durch, die als Marshmallow-Test bekannt wurde. Etwa vier Jahre alte Kinder waren an den Experimenten der Studie zum Thema Belohnungsaufschub beteiligt. Ein begehrtes Objekt winkte den Kindern als Belohnung: Marshmallow, Kekse, Salzgebäck u. v. m., wenn sie warten konnten. Die Selbstkontrolle sollte getestet werden.

Der Versuchsleiter teilte den jungen Probanden im Einzelgespräch mit, dass sie den Marshmallow sofort essen könnten. Wenn es ihnen aber gelänge in jener reizarmen Umgebung zu warten, bis der Versuchsleiter zurückkehrte, würde es zwei Marshmallows erhalten. Diejenigen Kinder, die den Marshmallow nicht gleich essen wollten, zeigten sich besonders kreativ im Überbrücken der Wartezeit mit einfallsreichen Ideen, Selbstgesprächen oder Spielen.

Marshmallow bedeutet "Echter Eibisch". Aus dem Saft der Eibisch-Wurzel stellten schon die alten Ägypter Süßigkeiten her. Heute wird dieser Pflanzensaft durch Gelatine ersetzt. Ganz ursprünglich kommt der Mäusespeck aber aus Frankreich. Als "Pâtes de Guimauve" wurden die kandierten Wurzelstücke des Eibisch bereits im 11. Jahrhundert als Heilmittel zur Linderung von Husten oder bei Erkältungen eingesetzt.

Professor Mischel fand in Nachbeobachtungsstudien (1980 - 1981) heraus, dass jene Kinder, die nicht warten konnten und sofort nach den Marshmallows gegriffen hatten, als junge Erwachsene über weniger Selbstbeherrschung verfügten. Diejenigen Kinder, die jedoch abwarten konnten, um den zweiten Marshmallow zu bekommen, beobachtete er als stressresistenter. Sie wurden als selbstbestimmter, vertrauenswürdiger, zuverlässiger, offener und in Schule, Uni und Beruf erfolgreicher beschrieben. Dazu hatten sie eine größere soziale Kompetenz.

Sehen Sie sich zur Verdeutlichung der Studie das folgende Video zum Belohnungsaufschub an:

   

Kritik an der ursprünglichen Studie von Professor Mischel

Heute taucht Kritik am Marshmallow Test auf. Es wird kritisiert, dass keine repräsentative Auswahl vorgenommen wurde. Die Bildungsherkunft der Kinder wurde nicht berücksichtigt, was die Ergebnisse verfälsche.

Außerdem sei es nicht möglich, nur mit Kindergartenkindern der meist gut ausgebildeten Eltern der Stanford-Universität eine generelle Aussage zu treffen. Die Forscher um Tyler Watts von der New York University kritisieren, dass die Versuchsgruppe von Anfang an selektiv gewesen sei.

Auch bei der späteren Nachuntersuchung der Forschergruppe erreichte sie von den ursprünglich 550 Kindern nur noch einen Bruchteil.

In einer neueren repräsentativeren Studie mit anschließenden Nachbeobachtungen und Tests wurde herausgefunden, dass die Umgebung einen viel größeren Einfluss darauf hat, wie sich ein Kind entwickelt als das Abschneiden im Test.

Fairerweise muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass Walter Mischel selber vor einer Überinterpretation der damaligen Ergebnisse gewarnt hat.

"Die Vorstellung, man könne die Zukunft eines Menschen sicher vorhersagen, etwa durch die simple Tatsache, wie lange er sich eine Belohnung versagen kann, ist Unfug."

Walter Mischel, US-amerikanischer Psychologe, Professor an der Stanford University

 

Als Belohnungsaufschub oder Gratifikationsaufschub bezeichnen Psychologen, wenn eine Belohnung für ein Verhalten nicht sofort, sondern mit Verzögerung erfolgt.

Dabei wird auf eine sofortige und anstrengungslose, kleinere Belohnung verzichtet, um stattdessen eine größere Belohnung später zu erhalten. Diese kann zum Beispiel durch Warten oder Anstrengung erlangt werden.

 

"Wenn Ihr Vierjähriges ohne zu warten nach dem Marshmallow greift, sollten Sie sich keine allzu großen Sorgen machen."

Tyler Watts, Psychologe an der New York University

 

marshmallow stanford 

Die Selbstbeherrschungs-Übung - ein Experiment fürs Leben

Ob wir als Kind den Marshmallow oder eine andere begehrte Süßigkeit bei dieser Testanordnung gegessen hätten oder nicht, können wir meist nicht beantworten und es hilft uns heute wenig. Was allerdings hilfreich sein kann, ist zum Beispiel das tägliche Üben von ein wenig Konsumverzicht und damit auch der Selbstbeherrschung.

Der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche schrieb zu diesem Thema: "Durch den Mangel an kleiner Selbstbeherrschung bröckelt die Fähigkeit zur großen ab. Jeder Tag ist schlecht benutzt und eine Gefahr für den nächsten, an dem man nicht wenigstens einmal sich etwas im Kleinen versagt hat. Diese Gymnastik ist unentbehrlich, wenn man sich die Freude, sein eigener Herr zu sein, erhalten will."

Folgende täglichen Konflikte dienen uns als gute Übungsmöglichkeit, um Impulskontrolle zu üben und zu reflektieren, ob es eine Alternative gibt, die besser für uns sein könnte. Nutzen Sie die Konflikte als Trainingspartner auf dem Weg, die Selbstkontrolle ein wenig zu steigern:

  • Esse ich das Eis oder lasse ich es (und esse einen Apfel)?
  • Schaue ich den Film erneut an oder zeige Selbstkontrolle und lasse es (und lese meine Seminarunterlagen und tue etwas für meinen Erfolg)?
  • Surfe ich ziellos durch das Internet oder lasse ich es (und sehe auf YouTube einen Beitrag über meinen Beruf)?
  • Nehme ich den Aufzug oder lasse ich es (und benutze die Treppe)?
  • Fahre ich mit dem Auto zum Brötchen holen oder habe ich Selbstkontrolle und nehme mein Fahrrad?
  • Schaue ich eine Fernsehsendung an oder lasse ich es (und lese einen Artikel über Psychologie)?

Jeden Tag eine Marshmallow-Übung und wir trainieren nicht nur unsere Selbstkontrolle, sondern tun auch etwas Gutes für Geist und Körper. Probieren Sie dieses Experiment, das alles verändern kann.

Autoren: Gabriele Juin und Michael Behn

Wenn Sie nach oben scrollen, finden Sie jeweils den Text markiert, der gerade vorgelesen wird.

Der Beitrag ist eingeordnet unter:

Auch interessant

Das war ein Beitrag aus der

GUTEN-MORGEN-GAZETTE

Lesefreude und spannendes Wissen seit über 15 Jahren

Aktuelle Inhalte der Gazette vom 10.11.2019

  • Weniger ist mehr! Wie ein einfacher Leitsatz alles verändern kann
  • Zitat der Woche
  • Gedicht: Im Park
  • Wort des Tages
  • Mini-Kurs: Die besten Tipps zum Abnehmen (gratis)
  • Rätsel - Scherzfrage
  • Wortanfang suchen
  • Aufgabe: Rechenzeichen setzen
  • Humorige Anekdote
  • Beliebtester Beitrag der Vorwoche

 

Möchten Sie die Gazette jeden Sonntag früh kostenlos erhalten? 

Wenn Sie unseren Newsletter abonnieren, speichern wir Ihre E-Mail-Adresse und senden Ihnen diesen regelmäßig zu. Beim Öffnen der E-Mail und Anklicken der Links erfolgen statistische Erhebungen. Details dazu finden Sie im Punkt "Newsletter" unserer Datenschutzerklärung. Mit dem Abonnieren erklären Sie sich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.

Die Abmeldung ist jederzeit möglich, z.B. mit einem Link unten in jedem Newsletter.

jeden Sonntag / kostenfrei / unabhängig

Anregungen durch Sinngeschichten, Fabeln, Artikel ...

Wissen und Wortschatz mit Freude vergrößern

Lesespaß und Humor von Schriftstellern, Philosophen und anderen großen Denkern