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17. Ein verrückter Traum

Unheimlich dunkel war es, als Mathilde aufwachte. Sie hatte geträumt, konnte sich aber nur an mysteriöse Bruchstücke erinnern. Schlaftrunken trottete sie zum Schreibtisch, denn das musste sie unbedingt notieren. Mathilde hatte das Gefühl, dass es nicht schaden konnte, seine Träume aufzuschreiben - auch wenn sie etwas verrückt waren.

bienchen lesezeichen 50Sie hatte in Erinnerung, dass sie auf einem Pferd saß, Zeitungen austrug und Lieder pfiff. Das Pferd half ihr in den Pausen bei den Mathematikübungen. Mathilde notierte in ihrem Notizbuch: 

Träume & Ideen

Mit Pferd die Zeitungen austragen und Lieder pfeifen

Pferd hilft in den Pausen bei den Mathematikübungen

„Das ist eine großartige Idee“, dachte Mathilde. „So kann ich Geld verdienen und für das Pferd sparen. Außerdem kann ich dabei Pfeifübungen machen.“

Nun war Mathilde wach, und auf der Seite, die sie am Vorabend angelegt hatte, notierte sie:

2. Drei in Mathematik

  • In den Pausen mit jemandem Mathematik üben

3. Eigenes Pferd

  • Zeitungen austragen und Geld sparen

Sie klappte das Notizbuch zu und stürmte in die Küche. Sie war bereit fürs Frühstück – sie war bereit für den Tag.

18. Unheimliche Morgenbegegnung

Ein Rasseln zerriss die Morgenstille. Mit geschlossenen Augen schlug Mathilde auf den Wecker. Es war halb sechs und bereits hell. 

Seit zwei Wochen trug sie jeden zweiten Tag Zeitungen aus. Auch heute war es so weit. Sie ging ihre Zeitungsrunde früh am Morgen, damit sie auch während der Schulzeit weitermachen konnte. Sie wollte sich an das frühe Aufstehen gewöhnen.

„Nun aber raus aus den Federn! Du willst doch deine Zeitungstour machen. Oder nicht?“ 

Hätte sie bloß nichts erzählt. Jetzt erinnerte ihr Onkel sie auch noch daran. Mathilde rollte sich  aus dem Bett und zog sich an.

Wenig später war ihr Pfeifen auf der Hauptstraße zu hören. Tonleiter, Zeitung, Tonleiter, Zeitung, Tonleiter …

„So früh schon so vergnügt?“ 

Mathilde fuhr herum und vor ihr stand jemand in riesigen Gummistiefeln.

Tiberius hatte einen Rucksack geschultert, Kescher und Eimer in der linken und zwei Angeln in der rechten Hand. Ein interessanter Anblick – doch Mathilde starrte nur noch auf den Eimer, aus dem Schlangenähnliches herausragte.

„Darf ich vorstellen? Anguilla anguilla – auch Aal genannt. Den hab ich heute Nacht gefangen. Der wird prächtig schmecken, mit Bratkartoffeln und Gurken. Wenn du magst, lade ich dich zum Aalessen ein.“

Mathilde konnte sich nicht vorstellen, dass etwas so Hässliches lecker schmecken könnte. Aber sie wollte nicht unhöflich sein.

„Oh ja, ich komme gerne. Aber schmeckt so was?“
„Lass dich überraschen.“
„Okay.“
„Auch okay, Mathilde.“
„Ich muss weiter. Zeitungen austragen.“
„Natürlich. Lass dich nicht aufhalten. Sagen wir, gegen halb eins?“
„Ja, gerne. Tschüss, Tiberius und bis morgen.“
„Bis morgen, Mathilde.“

Flink wie ein Eichhörnchen setzte sie ihren Weg fort. Hier die Treppe hinauf, dort ein Sprung über die Blumenrabatte, und bei allem, was sie machte: Tonleiter, Zeitung, Tonleiter, Zeitung, Tonleiter …

19. Das Geheimnis des Fangens

In der Küche roch es vielversprechend. Tiberius legte ihr ein Stück gebratenen Aal auf den Teller, und Mathilde nahm sich Bratkartoffeln und eine eingelegte Gurke. Vorsichtig begann sie zu essen.

„Schmeckt wunderbar.“
„Freut mich.“
„Da habe ich mich getäuscht.“
„Wieso?“
„Hm. Ja – ich dachte, weil der Aal so hässlich und schleimig war.“
„Ach so.“
„Eventuell sollten wir uns nicht immer von Äußerlichkeiten beeinflussen lassen“.

Mathilde nahm einen weiteren Bissen.

„Ja, ich denke, da hast du recht", sagte Tiberius. „Oft probieren wir Dinge nicht, weil sie nicht ansehnlich sind, uns an etwas erinnern oder weil andere erzählten, dass sich probieren nicht lohne. Das ist schade, denn wir werden Sklaven unserer Vorurteile, und das nicht nur beim Essen“, sagte Tiberius.

Zu dumm, ihr Notizbuch lag zu Hause, so etwas wollte sie doch immer sofort notieren. Sie nahm ihr Taschentuch und machte einen Knoten hinein. Das war ein Trick ihres Onkels. Er tat das stets, wenn er sich an Wichtiges erinnern wollte.

„Das mit dem Angeln ist so eine Sache“, sagte Tiberius und füllte Bratkartoffeln auf seinen Teller.

„Du brauchst meist viel Geduld und Ausdauer. Du überlegst, welche Art von Fisch du fangen möchtest, studierst das Gewässer, beachtest das Wetter und wählst den hoffentlich passenden Köder aus. Dann wartest du. Wenn nichts beißt, wechselst du zum Beispiel den Angelplatz oder nimmst einen anderen Köder. Ein wenig später veränderst du die Tiefe. Du probierst aus. Dann wartest du eventuell immer noch eine ganze Zeit.

Aber auf einmal spielt Neptun mit, denn die Pose bewegt sich. Dein Herz schlägt bis in den Hals. Du greifst vorsichtig nach der Angel und bewegst dich in lautloser Zeitlupe.

Die Pose tänzelt auf dem Wasser, zieht langsam zur Seite und dann ziehst du die Angelrute mit einem Ruck nach oben. Die Sehne ist gespannt und die Angel biegt sich. Wenn du es korrekt gemacht und noch ein wenig Glück dazu kommt, hängt ein Fisch am Haken. Du ziehst ihn aus dem Wasser und später landet er in deiner Pfanne.“

Gespannt hatte Mathilde zugehört und sagte: „Ich finde es langweilig.“

„Das ist in Ordnung so, denn sonst gäb’s zu viele Angler; ich müsste an überfüllten Ufern sitzen, und das würde mir keinen Spaß machen.“ 

„So kann man das natürlich auch sehen“, sagte Mathilde und lachte.

Sie nahm eine Scheibe Brot und rieb den letzten Rest vom Teller. 

„Den Teller können wir so wieder in den Schrank stellen, Mathilde. Der ist sauberer als vor dem Essen. Dir hat es offenbar wirklich geschmeckt.“

„Ja, das war klasse. Das hat spitze geschmeckt.“
„Freut mich. Jetzt aber zu etwas anderem.“

Tiberius holte eine Schachtel und stellt sie auf die Tischplatte. Als er den Deckel abnahm, verteilte sich Staub in der Küche. Er sortierte die in Zeitungspapier eingepackten Gegenstände vor sich auf dem Tisch und setzte sich.

„Ich habe da etwas für dich.“
„Oh!“
„Die Sachen gehörten meiner Frau. Sie würde sich freuen, wenn du sie bekommst.“
„Erst das tolle Essen, und jetzt bekomme ich auch noch Geschenke.“

Mathilde zupfte verlegen an ihrem linken Ohr.

„Pack schon aus, sonst stell ich die Sachen wieder zurück in den Schrank.“

Mathilde fing an auszupacken. Als Erstes kam eine lederne Reitpeitsche zum Vorschein. Danach packte sie einen Reithelm aus und zu guter Letzt hielt sie auch noch Sporen in der Hand.

Mit offenem Mund setzte sie sich den zu großen Helm auf und strahlte Tiberius an.

„Weißt du, meine Frau war eine leidenschaftliche Reiterin. Nachdem sie krank wurde, war es mit dem Reiten vorbei. Wenn sie dein Gesicht jetzt sehen könnte, wäre sie glücklich.“

Mit einem Kloß im Hals half Mathilde den Tisch abzudecken. Es war spät geworden, und Zeit für den Nachhauseweg.

Mathilde überlegte, wie sie sich für die Geschenke bedanken könnte. Sie nahm die Peitsche und ließ sie knallen, plötzlich hatte sie eine Idee. Eine großartige Idee.

20. Der Plan

Jetzt waren es nur noch zwei Wochen, bis die Schule wieder beginnen würde. Nie hätte Mathilde gedacht, dass sie so viel erreichen könnte. Sie ergänzte die Texte in ihrem Notizbuch, trug Zeitungen aus, trainierte täglich Pfeifen und las in ihrem Mathematikbuch. Das Verständnis der Problemstellungen und Aufgaben fiel ihr immer noch schwer. Sie legte das Buch meist nach wenigen Minuten frustriert beiseite und widmete sich angenehmeren Dingen. 

„Das mit dem Buch kann ich ja morgen noch machen.“

Im Notizbuch hatte sie ihre Ziele mit Zeitpunkten versehen und sie genauer beschrieben. Außerdem stand dort, was sie dafür tun wollte. 

Weihnachten: Ich kann ganze Lieder pfeifen, und zwar so, dass jemand das Lied auch erkennen kann. Am Heiligabend habe ich mit meinem Onkel Weihnachtslieder gepfiffen.

Ende des Schuljahres: Ich habe in meinem Zeugnis eine Drei in Mathematik. In den anderen Fächern bin ich genauso gut wie im vorherigen Jahr oder auch besser.

Wenn ich 15 werde: An meinem 15. Geburtstag habe ich mein eigenes Pferd. Ich kann für mein Pferd sorgen, auf ihm reiten und es irgendwo unterbringen (Stall und Wiese). Mein Pferd heißt Wüstenwind.

Was willst du dafür tun?

1. Pfeifen können

  • Jeden Tag fünfzehn Minuten die Pfeifübungen machen, die ich von Tiberius bekommen habe. Tiberius testet mich am 25.09.
  • Mindestens einmal pro Woche mit meinem Onkel Liederraten spielen
  • Weitere Pfeifübungen finden und machen

2. Drei in Mathematik

  • In den Pausen mit jemandem Mathematik üben
  • Das Mathematikbuch lesen
  • Nachhilfe in Mathematik nehmen
  • Hausaufgaben mit meinem Onkel durchsprechen
  • Bücher, die mein Mathematiklehrer empfiehlt, in der Bücherei ausleihen

3. Eigenes Pferd

  • Zeitungen austragen und Geld sparen
  • „Mein großes Pferdebuch“ lesen
  • Geld zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschen und sparen
  • Bei der Reitschule zuschauen

Mathilde war es in diesen Ferien nicht langweilig und die Waltons hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. 

Einen Plan zu verfolgen, machte ihr Spaß. Es war nicht immer leicht, vor allem das frühe Aufstehen ärgerte sie manchmal. In solchen Fällen schaute sie auf die Korkwand, wo ihr gemaltes Bild hing, daneben das Bild von Gregor und neuerdings auch Reitsporen, und schon war die Bettdecke leichter.

Das Notizbuch war ihr ständiger Begleiter und sie notierte stets ihre Erkenntnisse. Der Trick mit dem Knoten hatte funktioniert, aber es gefiel Mathilde nicht, mit einem verknoteten Taschentuch herumzulaufen.

Sie vermisste die Schnecke, die Fliege, die Mücke und den Käfer. Es gab sie zwar – auf dem Spielplatz, auf dem Friedhof, im Zimmer – aber sie blieben stumm. Sie sprachen nicht mehr mit ihr.

Mathilde musste sich selbst dazu anhalten, nicht ungeduldig zu werden und erst einmal das zu tun, was sie von den Insekten gelernt hatte. Ihre kleinen Freunde würden schon wieder kommen - aber wann? 

Als Audio-Version

Sprecherin: Inge Blesinger, freie Mitarbeiterin im blueprints Team

   

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