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logomathilde 564

21. Der Regen fällt trotzdem

Was für ein Tag! Seit Stunden regnete es. Pitschnass waren der grüne Pullover und die Hose nach der heutigen Zeitungstour, und selbst aus den Schuhen lief Wasser.

Ihr Onkel hatte erneut moniert, dass ihr Zimmer aussähe, als bewerbe sie sich um den Titel der Miss Unordnung. Das Pfeiftraining ging nicht voran, weil sie Probleme mit den hohen Tönen hatte, und das Mathematikbuch war einfach schrecklich. Wie sollte sie das alles nur schaffen? Plötzlich ein Summen. Etwas war gegen den Schirm der Nachttischlampe geflogen und krabbelte nun den Lampenfuß hinunter.

bienchen lesezeichenWie hypnotisiert beobachtete Mathilde eine Biene. Um die Besucherin nicht zu verscheuchen, richtete sie sich langsam im Bett auf.

„Guten Tag!“, summte die Biene.
„Juhu, sie reden ja doch noch mit mir“.
„Warum sollten wir nicht mit dir reden? Du hattest doch jede Menge zu tun. Da wollten wir nicht stören.“

Mathilde nickte und nahm ihr Notizbuch vom Schreibtisch.

„Das ist eine gute Angewohnheit von dir.“
„Was meinst du?“
„Du notierst Ideen und Anregungen. Solchen Menschen geben wir gerne Rat, denn sie nehmen die Sache ernst. Rat ist für sie wertvoll. Sie wollen etwas lernen.“
„Ach, das meinst du.“
„Du fragst dich jetzt, welche Idee ich für dich dabei habe?“

Mathilde nickte.

„Eines vorweg. Es geht nicht darum, viel zu wissen und zu notieren. Wesentlich ist, dass wir den Rat befolgen oder Ideen ausprobieren. Viele sammeln nur und geben zu früh auf, weil sie das Ausprobieren vergessen, weil es nicht sofort klappt oder weil scheinbar Wichtigeres dazwischenkommt.“

Mathilde notierte.

„Es geht um den Regen!“
„Um Regen?“
„Ja, um Regen.“

Mathilde schaute verwundert, ja fast enttäuscht und wollte ihr Notizbuch bereits schließen.

„Der Regen fällt in jedem Fall, ob du dich ärgerst oder nicht. Du wirst es nicht ändern. Du ärgerst dich über etwas, was du nicht ändern kannst, und das ist nicht gut. Außerdem denkst du nicht an die Blumen, die Bäume, die Erdbeeren. Sie benötigen den Regen, um zu wachsen. Und du wiederum brauchst sie, um zu leben.“

„Ja, und?“, entfuhr es Mathilde.

„Dies ist mein Rat: Versuche auch, jeweils das Gute zu sehen. Freue dich für den Allergiker, für den der Regen die Luft reinigt. Freue dich für die Lebewesen, die auf ihn angewiesen sind. Freue dich, dass du im Trockenen sitzt und in Ruhe ein Buch lesen kannst. Bedenkst du das, ärgerst du dich nicht mehr und bist nicht frustriert, wenn der Regen seine Arbeit macht.“

„Der Regen fällt in jedem Fall auf die Erde, ob du dich ärgerst oder nicht. Versuche auch einmal, das Gute im Regen zu sehen“, notierte Mathilde.

„Das mit dem Regen leuchtet mir ein. Aber was hat das mit mir zu tun?“

Eine Antwort kam nicht. Mathilde ahnte, dass die Biene fort war, und klappte das Buch zu.

„Wie geht es denn weiter? Hört der Regen auch mal auf? Warum sind die immer weg, wenn ich etwas fragen will?“

22. Ein neuer Tag

Am nächsten Morgen schien die Sonne und die Luft war klar. Eine Herde Schäfchenwolken zog über das Städtchen und eine Brise streichelte die Bäume.

Mathilde packte ihre Siebensachen, denn sie wollte erneut ihr Glück an der Turnburg versuchen.

„Man kann ja nie wissen.“ Sie sammelte am Friedhof Gräser und füllte in einen Margarinebecher etwas Honig ab.

Als sie am geschlossenen Zeitungskiosk von Tiberius vorbeihüpfte, schoss erneut Ipo an ihr vorbei.

Rufe von Frau Klawitsch waren diesmal nicht zu hören. Mathilde überlegte nicht lange, sondern rannte dem Hund hinterher, um ihn einzufangen.

Kurze Zeit später stand sie in einem Garten und beobachtete, wie Ipo bellend um einen Baum herum sprang. „Ein Glück, dass Katzen so gut klettern können!“, murmelte Mathilde.

Die graue Katze saß in der Baumkrone und leckte ihre Pfoten. Dieser Kläffer konnte ihr nichts anhaben. Das wusste sie. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr Verfolger aufgeben würde.

Die Katze hatte Recht. Ipo stellte Bellen und Springen ein und nahm jetzt auch den Rest der Umgebung wahr. Er schien sich an Mathilde zu erinnern, denn er trippelte auf sie zu, um sich eine Streicheleinheit abzuholen. Das tröstete den enttäuschten Hund.

„Was macht ihr hier?“, schallte es durch den Garten.

Ipo und Mathilde schnellten erschrocken herum. Ein Mann in Uniform stand hinter ihnen und musterte sie. Er stellte seine Einkaufstüten ab und zeigte auf Ipo: „Ist das dein Hund?“

Mathilde schüttelte den Kopf und sagte: "Ich wollte ihn nur eingefangen und ihn zu seiner Besitzerin zurückbringen."

„Das ist nett von dir. Entschuldige, dass ich etwas unwirsch war. Aber Ipo hat es ständig auf meine Katze abgesehen. Er lässt keine Gelegenheit aus, sie zu jagen.“
„Oh je!“
„Ich kenne ebenfalls die Besitzerin. Frau Klawitsch ist eine nette Dame. Ich werde ihr den Katzenschreck zurück bringen. Möchtest du mitkommen?“
„Oh ja, gerne.“

Der Mann trug seine Einkäufe ins Haus und Mathilde schaute durch das Loch in der Hecke. Ein Polizeiauto parkte in der Einfahrt.

Ipo sprang in den Kofferraum des Kombis, und los ging die Fahrt. Unzählige Schalter, Lichter und mehrere kleine Computerdisplays hatten ihren Platz im Polizeiauto. Mathilde begutachtete alles und Polizeiobermeister Henning erklärte jedes Gerät.

So ging die Fahrt schnell zu Ende, zu schnell. Mathilde war enttäuscht, als der Wagen hielt und ein Schild verriet, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.

Sie blickte sich um und rief: „Wow! Was für ein riesiges Gebäude.“

23. Turmhohe Bäume

Turmhohe Eschen und Kiefern umgaben das Seniorenheim. Ipo zog Polizeiobermeister Henning zur Eingangshalle und Mathilde folgte. Ein dunkelhaariger Mann mit Brille saß am Empfang.

„Guten Tag, Herr Polizeiobermeister Henning, wen bringen Sie heute mit? Ach, das ist ja Ipo, den haben wir schon überall gesucht.“

„Frau Klawitsch sitzt im Garten hinter dem Westflügel. Sie ist ganz verzweifelt wegen Ipo.“

„Na, dann gehen wir zu ihr, damit sie sich nicht länger sorgen muss – oder was meinst du?“ Mathilde nickte und folgte den Riesenschritten und dem trippelnden Hund.

Frau Klawitsch las ein Buch im Schatten eines Baumes. Ein grüner Hut bedeckte den Tisch, so dass das Kännchen Kaffee kaum noch einen Platz auf ihm fand.

„Sie sieht nicht verzweifelt aus!“, flüsterte Mathilde.
„Stimmt, das würde auch nicht zu ihr passen.“

Ipo bellte etwas kleinlaut.

„Da bist du ja, du Ausreißer. Und wieder war es Mathilde, die dich eingefangen hat. Richtig?“

Kurze Zeit später stand abermals ein Eisbecher auf dem Tisch. Herr Henning bekam eine Tasse Tee.

„Tja, wie kann ich das nur wiedergutmachen? Sie müssen wissen Herr Polizeiobermeister Henning, dass Mathilde Ipo schon einmal zurückgebracht hat.“
„Dieser Ipo!“
„Der Katze geht es gut?“
„Ich denke, ja.“
„Gut.“

Herr Henning zog an seiner Zigarette und Mathilde kämpfte mit dem Eis. Es war noch eine Nummer größer als das letzte – ein wahrer Eisberggigant.

„Jetzt muss ich aber los. Mathilde, was ist mit dir? Willst du mitfahren oder gehst du zurück?“

Eigentlich war das Fahren im Polizeiauto interessant, aber andererseits wollte sie zum Spielplatz, und ihr Pfeiftraining hatte sie auch noch nicht gemacht.

Während Mathilde überlegte, setzte Frau Klawitsch ihren grünen Hut auf und streckte sich.

„Ich werde mit Ipo einen Spaziergang machen. Ich brauche Bewegung. Wenn du Lust hast, begleiten wir dich auf deinem Weg zurück.“

Zwar fiel dann ihr Pfeiftraining aus, aber wenn man solche Begleiter hatte, konnte das Üben auch mal pausieren.

„Ja. Das ist eine tolle Idee.“
„Okay. Dann machen wir einen Spaziergang.“

Mathilde nickte, bearbeitete weiter den Berg aus Eis und wurde einem Stück Kreide immer ähnlicher.

24. Ein denkwürdiger Fehler

„Was ist mit dir? Du siehst blass aus.“
„Mir ist übel.“

Mathilde hielt sich den Bauch und machte ein gequältes Gesicht.

„Das hätte ich wissen müssen. Nach dem letzten Eisbecher war mir auch schon schlecht.“
„Das geht vorbei.“
„Au. So ein Mist!“
„Ja, du hast Recht. Ich lernte leider auch nicht immer aus meinen Fehlern. Sie sind Chancen zu lernen, aber eben nur Chancen. Wir handeln falsch, obwohl wir es besser wissen oder wir lassen uns verführen“, sagte Frau Klawitsch.

Mathilde nahm das Buch aus ihrer Tasche.

„Gelegentlich vergessen wir es und machen den Fehler erneut. Dann sagen wir meist: ‚Fehler sind menschlich‘, und meinen: ‚Ich hätte es besser wissen sollen!‘“, ergänzte Frau Klawitsch.

Mathilde lächelte gequält und erzählte von ihrer neuen Angewohnheit, wichtige Gedanken zu notieren, um sich daran zu erinnern.

Sie schlug das Notizbuch auf und schrieb:

Nimm lieber das kleinere Eis. Das reicht auch und du bekommst keine Bauchschmerzen.

Lerne aus deinen Fehlern, damit du sie nicht vergisst.

„Das ist eine großartige Idee, Mathilde. Das erinnert mich an den Rat des Philosophen Schopenhauer. Er empfahl, stets Denkwürdiges zu notieren. Er empfahl, ein Tagebuch zu führen.“
„Ja, mir hilft das und es macht Spaß“, sagte Mathilde.
„So ein Buch hätte ich auch anlegen sollen. Ein dicker Wälzer wäre daraus geworden. Vielleicht hätte ich so den einen oder anderen Fehler ausgelassen.“

Es freute Mathilde, dass jemand die Idee gut fand und so erzählte sie von ihrem Buch. Auch Frau Klawitsch erzählte. Sie berichtete von ihrer Gesangsausbildung, dem Studieren verschiedener Sprachen, ihrer Ausbildung im Ausland, den fernen Orten, den Opernsälen und ihren Abenteuern.

„Ich lebte einen Traum, verdiente ein kleines Vermögen und mein Talent ermöglichte mir viel. Eine Familie hingegen hatte ich nie. Dafür war keine Zeit und … Na ja, egal. Aber manchmal tut es doch ein wenig weh.“

Die Drei erreichten den Spielplatz. Als die Dame mit dem grünen Hut und dem Hund hinter der Hecke verschwand, winkte Mathilde mit beiden Armen. Wieder allein nahm Mathilde ihr Büchlein zur Hand und machte eine Notiz. 

 

In einigen Tagen geht es weiter.

(c) Michael Behn

Als Audio-Version

Sprecherin: Inge Blesinger, freie Mitarbeiterin im blueprints Team

   

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