Die beiden Brüder

Die beiden Brüder

Zwei Brüder gingen zusammen auf Wanderschaft. Eines Mittags legten sie sich im Wald nieder und ruhten aus. Als sie erwachten, bemerkten sie, dass neben ihnen ein Stein lag, auf dem etwas geschrieben war. Zusammen buchstabierten sie und lasen:

"Wer diesen Stein findet, der gehe in den Wald hinein gegen Sonnenaufgang. Im Wald wird ein Fluss kommen: Er schwimme durch diesen Fluss auf die andere Seite. Dann wird er eine Bärin mit ihren Jungen sehen. Er nehme der Bärin die Jungen weg und laufe, ohne sich umzusehen, gerade den Berg hinauf. Auf dem Berg wird er ein Haus sehen - und in diesem Haus wird er das Glück finden."

Die Brüder lasen, was da geschrieben stand, und der jüngere sagte: "Komm, gehen wir zusammen. Vielleicht durchschwimmen wir diesen Fluss, tragen die Bärenjungen in das Haus und finden zusammen das Glück."

Doch der ältere Bruder sagte: 

"Ich gehe nicht in den Wald wegen der Bärenjungen und rate es auch dir nicht.

  1. Erstens - niemand weiß, ob das, was hier auf dem Stein geschrieben steht, auch wahr ist; vielleicht ist alles nur zum Spaß geschrieben worden; vielleicht haben wir es auch nicht richtig verstanden.
  2. Zweitens - wir gehen in den Wald, und es wird Nacht. Wir finden den Fluss nicht; aber auch wenn wir den Fluss finden, wie sollen wir hinüberschwimmen? Vielleicht ist er breit und reißend?
  3. Drittens - wenn wir auch über den Fluss schwimmen: ist es etwa einfach, einer Bärin die Jungen wegzunehmen? Sie wird uns zerquetschen, und wir werden, statt unser Glück zu finden, für nichts und wieder nichts umkommen.
  4. Viertens - wenn es uns auch gelingt, der Bärin die Jungen wegzunehmen, können wir nie, ohne ausgeruht zu haben, den Berg hinauflaufen.
  5. Fünftens - die Hauptsache - es ist gar nicht gesagt, welches Glück wir in diesem Haus finden. Vielleicht erwartet uns dort ein Glück, welches wir überhaupt nicht brauchen können."

Der jüngere Bruder jedoch sprach: "Meiner Meinung nach ist es nicht so. Grundlos hätte man dies alles nicht auf einen Stein geschrieben. Und alles ist klar und eindeutig:

  1. Erstens - es wird kein Unglück geschehen, wenn wir es versuchen.
  2. Zweitens - wenn wir nicht gehen, liest ein anderer die Inschrift auf diesem Stein und findet das Glück, während wir nichts bekommen.
  3. Drittens - wenn man nicht arbeiten will und sich nicht bemühen will, erfreut einen nichts auf der Welt.
  4. Viertens - ich will nicht, dass man denkt, ich hätte irgendetwas gefürchtet."

Dazu sagte der ältere Bruder: "Das Sprichwort sagt:

Das große Glück suchen, heißt das kleine verlieren;

und ein anderes:

Der Sperling in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach."

Der jüngere sagte: "Ich habe gehört:

Fürchtest du die Wölfe, geh' nicht in den Wald;

und außerdem:

Unter einem liegenden Stein rinnt kein Wasser.

Meiner Meinung nach sollten wir gehen."

Der jüngere Bruder ging also in den Wald, der ältere blieb da. Kaum war der jüngere Bruder in den Wald gegangen, kam er zum Fluss, durchschwamm ihn und sah gleich am Ufer die Bärin. Er packte die Jungen, lief, ohne sich umzudrehen, den Berg hinauf, und kaum war er oben, da kam ihm das Volk entgegen, setzte ihn in eine Kutsche, fuhr ihn in die Stadt und machte ihn zum Zaren. Er herrschte fünf Jahre. Im sechsten Jahr kam ein anderer Zar, um mit ihm Krieg zu führen. Dieser eroberte die Stadt und vertrieb ihn.

Nun ging der jüngere Bruder wieder auf die Wanderschaft und kam zum älteren Bruder. Der lebte in einem Dorf und war weder arm noch reich. Die Brüder freuten sich, als sie sich sahen, und erzählten sich alles.

Der ältere Bruder sprach: "Ich habe also doch recht gehabt! Ich habe die ganze Zeit über still und gut gelebt, während du Zar warst und viel Elend gesehen hast."

Aber der jüngere Bruder sagte: "Ich bereue nicht, dass ich damals in den Wald und auf den Berg gegangen bin; auch wenn es mir jetzt schlecht geht, so bleiben mir doch die Erinnerungen an mein Leben, und du hast nicht einmal die."

Quelle: unbekannt, der russischer Schriftsteller Leo Tolstoi wird bei manchen Veröffentlichungen als Autor angegeben

Autor der Geschichte 

Kennst du den Autor dieser Geschichte?

 

Die Seite wird zum Absenden NICHT neu geladen (die Antwort wird im Hintergrund abgesendet).

Umfrage zur Geschichte

Die Meinungen der beiden Brüder über ein gelungenes Leben können in ihrer Gegensätzlichkeit symbolisch für die zwei Herzen in unserer Brust gedeutet werden: Lieber viel erleben und die dafür erforderliche Mühsal auf sich nehmen oder doch besser ruhig, bescheiden und beschaulich sein Dasein gestalten?

Wozu tendierst du bezogen auf Mühsal oder Beschaulichkeit?

Welche der Aussagen trifft am ehesten auf dich zu?

 

Die Seite wird zum Absenden NICHT neu geladen, die bisherigen User-Antworten erscheinen unmittelbar hier.

 

Artikel zum Thema auf blueprints

Wie wir unser leben gestalten hat auch viel mit unseren Glaubenssätzen zu tun. Wer einfacheres Leben führen möchte, für den könnten im Minimalismus Anregungen stecken. Hier findest du die Beiträge auf blueprints:

Was sind meine Glaubenssätze?

Was sind meine Glaubenssätze?

Was sind meine Glaubenssätze? Erkennen und verändern in 3 Schritten

Glaubenssätze sind Annahmen über uns und darüber, wie die Welt um uns herum abläuft. Sie leiten uns an, wie wir uns am besten in der Welt "bewegen". Wer sein Leben selbstbestimmter, erfolgreicher und glücklicher führen möchte, der hat häufig bei seinen Glaubenssätze einen guten Ansatzpunkt.

Wenn wir das nicht tun, kann es sein, dass wir Marionetten unserer Erziehung sind und nicht zuletzt wie Orientierungslose den Einflüsterungen der Werbung folgen. Das sollten wir nicht zulassen. Lies hier, was du tun kannst, um deine Glaubenssätze zu erkennen und sinnvoll für deinen weiteren Lebensweg anzupassen. Schleppe nicht unnötiges Gepäck mit dir herum, das zieht nur herunter und bremst dich.

Warum Minimalismus?

Warum Minimalismus?

Warum Minimalismus – 8 Gründe und die magischen 3 Regeln

Minimalismus, auch Downshifting genannt, bezeichnet einen Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht.

"Reduzierung auf das Wesentliche und Wertvolle" ist das zugrundeliegende Prinzip. Wir leben in einer Gesellschaft der Reizüberflutung, des teils ungehemmten Konsums, des Wegwerfens und der medialen Überforderung. Hier ist der Minimalismus eine Möglichkeit, um einen alternativen Weg mit weniger Stress und mehr Lebensqualität zu entwickeln.

Wieso macht Minimalismus glücklich? Wo lauern Gefahren? Und wie sollte ich starten? Was sollte ich beachten? Die Antworten auf diese Fragen liest du im Artikel.

Weniger ist mehr

Weniger ist mehr

Weniger ist mehr - 10 einfache Maßnahmen und 3 Regeln, wenn du umgehend starten willst

Es gibt Myriaden Selbsthilfebücher darüber, wie wir ein glücklicheres Leben führen können. Die alten Philosophen beschäftigten sich bereits intensiv mit dem Glück. Es wurden Leitsätze aufgestellt, ganze Glückskonzepte und Glückslehren sind entstanden. Was sind nun die wichtigsten Leitsätze, an die wir uns halten sollten?

Es gibt einen, der klar zu den wichtigsten Empfehlungen gehört - und er hat extrem viele unterschätzte Vorteile. Aber lese selbst.  

Bedürfnisse herausfinden

maslow hierarchie a3.jpg

Was will ich wirklich? So finde ich meine wahren Bedürfnisse heraus

Wir Menschen ähneln uns in unseren Bedürfnissen und unterscheiden uns in unseren Wünschen. Wenn wir die Bedürfnisse hinter den Wünschen erkennen, öffnen sich uns eine Vielzahl von Alternativen, die Bedürfnisse zu befriedigen. Lesen Sie eine kurze Einführung in die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse und nutzen Sie den Download Bedürfnisse aufdecken, für eine erkenntnisreiche und spannende Übung

Persönliche Werte

Persönliche Werte

Persönliche Werte – die Liste der 120 Werte und warum du deine Werte definieren solltest

Persönliche Werte beschreiben, WIE wir mit Menschen umgehen, uns auf dem Weg zu unseren Zielen verhalten wollen und unser Leben gestalten möchten. Diese persönlichen Werte sind uns jedoch nicht immer bewusst. Da sie aber auf dem persönlichen Weg förderlich oder hinderlich sein können, ist es hilfreich, seine Werte zu kennen

Was sind deine Werte? Warum fördern sie das Selbstbewusstsein und welche Vorteile haben Werte noch? Wir laden dich zu einer kurzen, einfachen Übung ein. Nutze die Anleitung in drei Schritten, um deine persönlichen Werte zu definieren.

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi

L.N.Tolstoy Prokudin-Gorsky

Leo N. Tolstoi

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi, * 28. August 1828 in Jasnaja Poljana bei Tula, † 7. November 1910 in Astapowo war ein russischer Schriftsteller. Seine Hauptwerke Krieg und Frieden und Anna Karenina sind Klassiker des realistischen Romans. Er entstammte dem russischen Adelsgeschlecht der Tolstois und war das vierte von fünf Kindern.

Mehr vom Leo Tolstoi auf blueprints

Die Stute und der Ackergaul (von Leo Tolstoi)

Ackergaul, Bauern

Dieses Bild teilen →  Per WhatsApp teilen   Mit Facebook teilen   Auf Twitter teilen

Die Stute und der Ackergaul

Eine hübsche Stute war Tag und Nacht auf der Weide und nie vor dem Pflug; ein Ackergaul aber weidete nur des Nachts und musste tagsüber pflügen.

Die Stute sagte zum Ackergaul: "Warum rackerst du dich so ab? Ich an deiner Stelle würde einfach nicht hingehen. Und wenn dir der Bauer mit der Peitsche kommt, komm du ihm mit deinen Hufen!"

Am andern Morgen tat der Ackergaul genau das, was ihm die Stute geraten hatte. Und der Bauer sah, wie störrisch der Ackergaul war, und nahm die Stute ins Geschirr, ehe sie recht merkte, was mit ihr geschah.

Leo Tolstoi (1828 - 1910), russischer Schriftsteller

Die drei Fragen (von Leo Tolstoi)

Es war einmal ein König, dem kam der Gedanke, dass man niemals einen Fehlschlag erleiden könnte, wenn man stets im Voraus wüsste, wann jedes Ding zu beginnen sei, mit welchen Menschen man sich abzugeben habe und mit welchen nicht und welche der zu lösenden Aufgaben die allerdringendste wäre.

Nachdem der König darüber nachgegrübelt hatte, ließ er im ganzen Lande verkünden, dass er denjenigen königlich belohnen wolle, der ihn lehren würde, wie man für jede Aufgabe die richtige Zeit finden könnte, welches die wichtigsten Leute seien und welche Aufgabe am dringlichsten sei.

Da erschienen beim König gelehrte Leute und gaben ihm die verschiedensten Ratschläge. Einige meinten, man müsse sich ein Verzeichnis der Tage, der Monate und des Jahres machen und sich streng danach richten. Wieder andere behaupteten, dass es unmöglich sei, im Voraus zu wissen, welche Aufgabe zu einer bestimmten Zeit zu erledigen sei. Man müsse einfach stets auf den Gang der Dinge achten, um im gegebenen Augenblick das Notwendigste zu tun. Die dritte Gruppe behauptete, dass ein einzelner Mensch nicht in der Lage sei, immer die richtige Entscheidung zur rechten Zeit zu treffen. Deshalb brauche er weise Ratgeber, auf die er hören müsse, um dann entsprechend zu handeln. Die vierte Gruppe meinte, dass es Dinge gäbe, die keinen Aufschub zuließen. In solchen Fällen habe man sofort eine Entscheidung zu treffen, ohne die Meinung seiner Ratgeber einzuholen. Um aber zu wissen, was in solchen Fällen zu tun sei, müsse man im Voraus wissen, was geschehen würde, und das könnten nur Zauberer oder Wahrsager wissen.

Die Drei Söhne von Leo Tolstoi

junge eimer angel h4 564

Die Drei Söhne von Leo Tolstoi

Drei Frauen trafen sich am Brunnen beim Wasser holen. Nicht weit davon saß ein alter Mann auf einer Bank und hörte, wie die Frauen ihre Söhne lobten.

"Mein Sohn", sagte die erste, "ist so geschickt, dass er alle anderen hinter sich lässt ..." "Mein Sohn", stand die zweite Frau nicht nach, "singt so schön wie die Nachtigall! Es gibt keinen, der eine so schöne Stimme hat wie er..."

"Und warum lobst du deinen Sohn nicht?", fragten sie die Dritte, weil diese schwieg.

Zu allen Beiträgen von Tolstoi auf blueprints.de

Doku: Leo Tolstoi oder das unhaltbare Leben

Länge: 27 Minuten

Bücher von und über Leo Tolstoi

  

Kostenlose Hörbücher zu den Texten von Tolstoi

Hier bei youtube

Der Beitrag ist eingeordnet unter: