Eine Geschichte über Verstand, Intuition und verborgene Schwächen
Das Geheimnis des Riesen
Einst lebten die Menschen eines kleinen Königreiches in Harmonie und Fülle. Ihr Reich erstreckte sich über die Täler einer Bergkette und das weite Vorland. Die Felder brachten die Kornspeicher zum Überquellen, Mensch und Tier erfreuten sich an üppiger Speise. Selbst die Hühner und Hausschweine labten sich an frischem Salat und goldgelbem Korn. Doch eines Tages, zur Zeit der Blüte des Obstes, verdunkelte sich der Himmel. Erschrocken blickten die Bergbewohner nach oben.
Der junge Bauer Leonardo lief hinter seinem Pflug, als das Unheil geschah. Er hatte seinen größten Ochsen in das Geschirr gespannt. Ein Lächeln lag auf Leonardos Lippen. Heute Abend würde er zeitig den Feierabend begehen. Er hatte seiner Tochter Fetima versprochen, mit ihr die Kirschen zu pflücken. Allzu viele der Früchte würden wohl nicht im Eimer landen ...
Der Pflug stieß zum zehnten Mal gegen einen Stein, als der Sonnenteppich auf Leonardos Feld einem düsteren Halbschatten wich. Im ersten Moment glaubte er an eine plötzlich aufziehende Gewitterwolke. Doch dann sah er, wie sich der Schatten auch über das Fell seines Ochsen schob. Gleichzeitig begann der Boden zu vibrieren.
Ruckartig blickte er hoch.
Das Grauen erschien in Form eines gewaltigen Riesen. Leonardo schaffte es gerade noch, sich in eine seiner Furchen zu werfen, als ein scheunengroßer Fuß dicht neben ihm aufsetzte. Der Pflug verwehrte seinem Ochsen die Flucht, knirschend zermalmte ein Riesenfuß das massige Tier.
Leonardo hob vorsichtig den Kopf aus der Furche. Erschrocken fuhr er mit der Hand zum Mund. Was für ein monumentaler Körper! Der Riese trug lediglich einen Schurz um die Hüfte, bestehend aus Hunderten von Fellen. Seine Haare, lang wie ein Baum, hingen verfilzt bis zur Schulter. Die Nase, knollig und dunkelrot, erhob sich witternd aus einem platten Gesicht. In ein Nasenloch hätte problemlos Leonardos Ochsenkarren hineingepasst.
Der Riese schlich über die Menschenfelder. Jedenfalls trat er nur mit den Vorderfüßen auf. Gerade erwischte er dennoch eine Scheune. Krachend sackte das halbe Gebäude in sich zusammen. Der Riese hielt mit der Hand am Ohr inne – wonach mochte er lauschen?
Auf einmal raste der Gigant los. Direkt auf die Wiesen mit den Obstbäumen zu. Leonardos Herz setzte aus. Fetima! Das Haus der Familie grenzte unmittelbar an die weitläufigen Obstwiesen. Leonardo stolperte hinter dem Riesen her, wurde schneller und schneller, zuletzt flog er geradezu über das zerfurchte Feld.
Der Riese gebärdete sich wie wild. Er entwurzelte alle Obstbäume mit wuchtigen Tritten. Immer wieder stieß er mit den Füßen auf bereits völlig zerquetschte Bäume hinab. Erst als alle Obstbäume in die Erde hineingetrieben waren, ließ der Koloss von seinem Werk ab. Laut auspustend, mit zufriedenem Gesichtsausdruck, hob er wieder die Hand zum Ohr. Die Menschen harrten gespannt.
Dann kehrte der Riese dorthin zurück, woher er gekommen war. Diesmal ganz normal gehend, ein „Schleichen“ schien nicht mehr notwendig. Bald war er zwischen den Bergen verschwunden.

Jungbauer Leonardo hatte Glück. Seiner Familie war nichts geschehen. Er hielt seine kleine Tochter eng im Arm, während sein Haus bei jedem Schritt des weichenden Riesen erbebte und knirschte. Andere waren nicht so glimpflich davongekommen. Rund zwei Dutzend Menschen des Königreiches waren am Ende den Füßen des Riesen zum Opfer gefallen.
Im darauffolgenden Jahr wiederholte sich das Wüten des Riesen. Wieder erschien er zur Blütezeit und vollzog sein unheiliges Werk ein zweites Mal. Diesmal zermalmte er die Erdbeerfelder, die zum Ersatz für die fehlenden Obstwiesen angelegt worden waren. Abermals wurden mehrere Menschen von dem Riesen zu Tode gequetscht.
Der König sendete daraufhin Boten in die umliegenden Länder. Sie sollten nach Helden suchen, die gegen hohe Belohnung dem Riesen den Garaus machten.
Doch Held um Held versagte an der Herausforderung. Der Riese hatte hoch oben in der Felswand eines unzugänglichen Tales seine Höhle bezogen. Die einen kehrten aus den Bergen gar nicht zurück. Die anderen kamen schwer gezeichnet retour und schleppten sich ohne weitere Erklärung gen Heimat. Der König verzweifelte und mit ihm das Volk. Schon war der Winter vorbei – würde der Riese dieses Jahr wiederkehren?
Da fasste sich Leonardo im Frühjahr ein Herz und bat um Audienz bei seinem Herrscher. Weil er andeutete, vielleicht eine Lösung des Riesenproblemes zu kennen, wurde er unverzüglich vorgelassen. Erwartungsvoll blickte der König ihn an.
„Mein König, ich habe von einem Mann und einer Frau in einem kleinen Dorf nahe Florino gehört, die gemeinsam bisher jedes Problem lösen konnten. Eventuell wissen sie auch bei unserem Riesen einen Rat.“
Der König beratschlagte sich kurz mit seinem Vertrauten und entschied: „Wir können uns nicht vorstellen, dass ein Liebespärchen etwas gegen einen Riesen auszurichten vermag. Doch wollen wir jede Chance nutzen. Ich beauftrage dich, die beiden zu finden und um Hilfe zu bitten.“
Am folgenden Morgen verabschiedete sich Leonardo bei Sonnenaufgang von seinen Liebsten und begab sich auf die Reise in Richtung Florino. Die Jahreszeit war günstig zum Wandern. Auf den Bergwiesen flatterten erste Schmetterlinge und tirilierende Vögel schwirrten im Duett durch die klare Bergluft. Unter seinem Hemd trug Leonardo einen Anhänger mit einem Strohring, den ihm Fetima gestern Abend noch für die Reise geflochten hatte.
Nach wenigen Tagen hatte er die beiden Gesuchten gefunden, denn viele Menschen im dortigen Umland hatten von den beiden gehört. Je näher er dem Heimatdorf der Zwei kam, desto mehr Einwohner traf er, die schon einmal um Rat bei dem Duo gefragt hatten.
Als Leonardo die Küche des Pärchens betrat, überkam ihn ein Gefühl innigen Vertrautseins. Die gemütliche Atmosphäre des Raumes erinnerte ihn an daheim. Mann und Frau saßen am zernarbten Holztisch und betrachteten ihren Besucher mit fragendem Blick. Und Leonardo schilderte das Leid seiner Heimat.
Nachdem er geendet hatte, legte ihm der Mann eine Hand auf den Arm und sagte: „Schau, Leonardo, wir zwei lösen Probleme zusammen. Ich zerlege ein Problem gern Stück für Stück“, erklärte der Mann. „Meine Frau dagegen spürt oft eine Lösung, lange bevor sie sie begründen kann. Bisher konnten wir noch bei jeder Sorge helfen, aber ich weiß nicht, was wir gegen einen ausgewachsenen Riesen auszurichten vermögen. Ich fürchte, du hast dich umsonst auf den weiten Weg gemacht.“ Die Frau nickte zustimmend.
Doch Leonardo mochte das nicht wahrhaben. Noch einen Riesenangriff würden Fetima oder seine Frau womöglich nicht überleben. Außerdem hatte er hier in der Küche das Gefühl, dass den beiden gemeinsam alles zuzutrauen sei. Mit inniger Stimme flehte er: „Bitte! Versucht doch wenigstens, uns zu helfen. Sprecht mit unserem König und seinen Beratern. Vielleicht fällt euch zusammen eine Lösung ein. Denkt an die Menschen der Täler!“
Das Pärchen ließ sich erweichen.
Als Leonardo das Duo vor den König und seinen Rat führte, mussten die Lenker des Landes aufgrund des harmlosen Anscheines der beiden schmunzeln. Der König winkte dann auch ab und sagte: „Lasst ab, gute Leut, es sind schon genug bei der Jagd auf den Riesen gestorben. Wir werden uns etwas anderes ausdenken.“
Das wollte Leonardo nicht hinnehmen. Er bat das Pärchen, ihr besonderes Vorgehen zu erklären.
„Nun ja, verehrter König“, begann der Mann, „der Riese wird sicherlich einen guten Grund haben, die Felder niederzutrampeln.“
„Außerdem“, ergänzte die Frau, „habe ich nach euren Schilderungen das Gefühl, dass der Riese es nicht auf die Menschen abgesehen hat. Wer weiß, was ihn an den Feldern gestört hat.“
„Und weiter?“, fragte der König, milde lächelnd.
Die Frau schwieg eine Weile. Dann fuhr sie fort: „Ich fühle, dass der Riese traurig wäre, wenn er wüsste, dass sein Tun den Tod von Menschen zur Folge hat. Vielleicht kann er mit Worten statt mit Schwertern von seinen Angriffen abgehalten werden ...“
Der König zog nachdenklich die Augenbrauen hoch und rieb sich eine Weile sein faltiges Kinn. Schließlich entschied er: „So versucht es. Leonardo, zeige den beiden das Versteck des Riesen. Mögen die Götter mit euch sein.“

Der Riese hielt gerade Mittagsschlaf in einer heimeligen Ecke seiner weitläufigen Höhle. Er schnarchte in einem Berg aus Heu, Stroh und trockenen Blättern. Im Traum badete er inmitten von reifen Blaubeeren, seiner unübertroffenen Lieblingsspeise. Er konnte so viele Beeren essen, dass sein Bauch zu einer Kugel anschwoll.
Als er gewahr wurde, dass irgendein Wesen ihm auf die Nase klopfte, sprang er wie von der Lanze getroffen auf und hub an, alles um ihn herum niederzuschlagen. Etwas ließ ihn zögern. Er vernahm ein unverständliches Murmeln von Menschenwesen. Wie konnte das sein? Warum hatte ihn sein siebter Riesensinn nicht, wie sonst bei Gefahr üblich, rechtzeitig geweckt?
„Halt ein Riese und höre uns an“, verstand er mit einem Mal das Geschrei der Menschen. Normalerweise hätte er dieser Bitte keine Beachtung geschenkt, aber irgendetwas lag in jener Stimme, das ihn verharren ließ. Das Männlein dort unten schien nicht so hasserfüllt wie die bisherigen Eindringlinge, die sofort mit Lanzen und Schwertern auf ihn eingestochen hatten. Nach kurzem Zögern tastete er nach seiner Brille, um die Menschen erkennen zu können. Es war ein abenteuerliches Gestell aus zwei Brückenpfeilern aus Holz, die badewannengroße Gläser umschlossen.
Nun sah der Riese einen Mann und eine Frau vor sich stehen. Der Riese bemühte sich um eine tiefe, bedrohliche Stimme und verkündete: „Habt ihr noch etwas zu sagen, bevor ich euch mit meinen Fäusten zermalme?“
Nachdem ihm das Pärchen den Grund ihres Hierseins erklärt hatte, sackte der große Riese in sich zusammen. Er hatte nicht gewusst, dass sein Ausflug zu den Menschenfeldern so viel Leid verursacht hatte. Tränen der Scham liefen seine Wangen hinunter.
„Was bin ich doch für ein egoistischer Riese. Ich töte Menschen, nur um in Ruhe meine Blaubeeren genießen zu können.“ Der Riese versank in trauriges Schweigen.
„Magst du uns das mit den Blaubeeren näher erläutern?“, bat ihn der Mann.
„Ich liebe Blaubeeren für mein Leben“, hob der Riese an. „Wenn sie reif sind, streife ich durch das ganze Gebirge und sammle alle Beeren zusammen, damit nicht die Vögel, Bären, Füchse, Rehe und Dachse mir meine Leibspeise wegfressen. Wenn ich aber mein Lager hier in der Höhle gefüllt habe, kommen Scharen von Bienen geflogen. Sie stechen mir zu Hunderten in den Mund und in meinen Hals, wenn ich mich an den Beeren labe.“
Wie zum Beweis rieb sich der Riese theatralisch die Kehle. Sobald er seine Brille zurechtgerückt hatte, fuhr er fort: „Ich habe versucht, die Bienen in ihren Stöcken zu zerquetschen. Aber diese hängen verborgen in den Spalten und Ritzen der Felsen, ich komme mit meinen Fingern einfach nicht hinein. Vor zwei Jahren fand ich endlich eine Lösung. Ein riesiger Schwarm summte an mir vorbei. Ich bin ihnen mit meinem scharfen Gehör gefolgt und habe nicht lange gefackelt, als ich so viele Bienen in den Obstbäumen versammelt fand. Nachdem ich alles niedergetreten hatte, hatte es sich ausgesummt. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß meine Freude war, meine geliebten Blaubeeren ohne lästige Bienenstiche verputzen zu können.“
Die Frau nickte verständnisvoll. „Aber“, fragte sie, „warum hast du dabei die Menschen zerquetscht? Taten dir die armen Seelen gar nicht leid?“
Das Gesicht des Riesens verzog sich zu einer einzigen Trauermiene. „Doch, natürlich ... aber ...“ Der Riese schien sich unsicher, ob er fortfahren sollte. Die Frau ließ ihm Zeit. „Ich bin ohne meine Brille nahezu blind“, platzte es schließlich aus dem Riesen heraus. „Wenn das meine Mitriesen erführen oder auch nur Menschen, die mir nach dem Leben trachten … ich würde keine zwei Tage mehr leben. Meine Höhle ist bei anderen Riesen begehrt. Darum darf ich unmöglich draußen meine Brille aufsetzen. Ich orientiere mich außerhalb meiner Höhle nur nach dem Gehör.“
Da wurde dem Pärchen alles klar. Sie setzten sich mit dem Riesen zusammen und suchten nach einer Problemlösung für das Dilemma.
Der Mann sagte: „Wir müssen dafür sorgen, dass der Riese jederzeit genügend Blaubeeren findet, ohne sie in seiner Höhle horten zu müssen. Dann lockt sein Vorrat auch keine Bienenschwärme mehr an.“
Die Frau ergänzte: „Dennoch braucht der Riese ein Gefühl von Fülle. Nur eine große Menge Blaubeeren stillt seinen Hunger. Außerdem muss dieser Vorrat ein Empfinden der Sicherheit auslösen, andernfalls wird er weiterhin das Verlangen nach dem Zusammenraffen von Vorräten verspüren.“
Der Riese nickte zustimmend. Fast wäre ihm dabei die „Brille“ von der Nase gerutscht. Seine menschlichen Gäste hätten den Aufprall des Gestells nicht unbeschadet überstanden.
Die Beratung setzte sich fort. Mal fiel dem Mann eine Idee ein, mal der Frau. Doch immer wurde die Lösung von dem anderen oder vom Riesen als undurchführbar verworfen.
Irgendwann beschlossen sie eine Pause, setzten sich an den Rand der Höhle und ließen ihre Blicke über das darunterliegende, grasbewachsene Tal schweifen. Sie genossen den Anblick des über den Bergrücken wandernden Sonnenteppichs. Es war völlig still, nur der Wind säuselte an ihren Ohren entlang.
„Ich hab’s“, riefen die Frau und der Mann gleichzeitig aus und strahlten sich gegenseitig an.
Der Riese blickte neugierig herunter. Er hatte seine Brille nicht auf. Zu groß war die Gefahr, hier draußen gesehen zu werden.
„Das Tal?“, fragte der Mann in Richtung seiner Frau.
„Mit einem Zaun?“, entgegnete die Frau.
Beide nickten sich gegenseitig zu und klatschten sich freudig ab.
„Hört auf mit dem Menschengetue“, verlangte der Riese, „redet so, dass ich verstehe.“
„Wenn du deine Brille bei deinen Ausflügen aufsetzen könntest“, erläuterte der Mann, „würdest du da unten eine riesige grüne Wiese erkennen. Dort könnten doch die Menschen des Bergkönigreiches dir ein ganzes Feld mit Blaubeersträuchern anpflanzen. Du bräuchtest die Beeren dann nicht mehr auf Vorrat sammeln und hättest keinen Ärger mehr mit den Bienen.“
„Und was ist mit den Bären und Vögeln?“, wandte der Riese ein.
„Ein Zaun am Taleingang reicht gegen die größeren Tiere“, erläuterte die Frau. „Und gegen die Vögel spannen wir Netze. Diese musst du beim Ernten nur hochnehmen.“
Wieder im Königreich angekommen erzählte das Pärchen niemandem etwas von der Sehschwäche des Riesen. Sie beschrieben dem König ihre Lösung und versprachen, wenn er die Anpflanzung der Blaubeerwiese und den Bau des Zaunes veranlasste, würde der Riese nicht mehr in die Dörfer eindringen.
Der König ließ sich überzeugen und fortan lebte das Bergkönigreich wieder in Fülle und Frieden. Das Pärchen wurde vom König gebeten, im Reich zu verbleiben und fortan als Berater bei Hofe zu dienen. Sie zogen in das Haus neben Leonardos Hof und erfreuten sich großer Beliebtheit unter den Einwohnern. Hin und wieder besuchten sie den Riesen und brachten ihm eine riesige Blaubeertorte. Denn wenn der Riese eines noch lieber mochte als Blaubeeren, dann war das eine Torte aus Blaubeeren.
Erzählt von Peter Bödeker.
Gedanken zur Geschichte
Verstand und Intuition – wenn zwei Arten des Denkens zusammenfinden
Die Geschichte lässt sich als kleines Plädoyer gegen ein beliebtes Entweder-oder lesen: entweder vernünftig denken oder dem Bauchgefühl folgen. Der Mann und die Frau kommen gerade deshalb weiter, weil keiner von beiden den anderen überflüssig macht.
Der Verstand zerlegt. Er fragt nach Ursachen, Folgen und Widersprüchen. Er kann prüfen, vergleichen und eine zunächst reizvolle Idee wieder verwerfen. Die Intuition arbeitet anders. Sie meldet sich oft früher, undeutlicher und ohne fertige Begründung. Manchmal ist da zunächst nur der Eindruck: Hier stimmt etwas nicht. Wir betrachten die Sache noch aus der falschen Richtung.
Beides kann irren.
Der Verstand kann sich in seinen eigenen Argumenten verfangen. Eine logisch saubere Gedankenkette führt nicht zwangsläufig zu einem guten Ergebnis, wenn sie von einer falschen Annahme ausgeht. Und auch ein starkes Bauchgefühl ist noch kein Beweis. Intuition kann aus Erfahrung erwachsen – aber ebenso aus Gewohnheit, Wunschdenken oder vorschnellen Urteilen.
Interessant wird es deshalb dort, wo beide einander prüfen dürfen.
Eine praktische Haltung könnte lauten: Die Intuition darf Vermutungen auf den Tisch legen. Der Verstand muss sie nicht glauben, aber ernst genug nehmen, um sie zu untersuchen. Umgekehrt darf der Verstand eine Lösung entwickeln, die anschließend noch einmal auf ihre innere Stimmigkeit geprüft wird.
Vielleicht besteht geistige Reife weniger darin, eine dieser Stimmen zum Sieger zu erklären, als darin, ein brauchbares Gespräch zwischen ihnen zu führen.
Wenn Verstand und Bauchgefühl zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen – wem vertraust du eher?
Nicht jeder Riese ist das eigentliche Problem
Für die Bewohner des Königreiches scheint die Lage eindeutig: Ein Riese zerstört ihre Felder. Also muss der Riese beseitigt werden.
Diese Diagnose ist verständlich. Und dennoch führt sie in die Irre.
Denn das sichtbare Problem ist nur das letzte Glied einer längeren Kette. Hinter den zerstörten Feldern stehen die Bienen. Hinter den Bienen stehen die gehorteten Blaubeeren. Hinter dem Horten steht das Bedürfnis des Riesen, seine Lieblingsspeise zu sichern. Und hinter seinem gefährlichen Auftreten verbirgt sich wiederum eine Schwäche, die niemand erfahren darf.
Probleme besitzen nicht selten eine solche Tiefenstruktur. Wir ärgern uns über ein Verhalten, eine Gewohnheit oder einen Konflikt und beginnen sofort dort mit der Reparatur, wo etwas sichtbar geworden ist. Das kann funktionieren. Manchmal bekämpft man auf diese Weise aber jahrelang nur Symptome.
Eine ungewöhnlich hilfreiche Frage lautet deshalb:
Welches Problem versucht dieses Problem eigentlich zu lösen?
Warum kontrolliert jemand ständig? Warum wird eine Aufgabe immer wieder aufgeschoben? Warum reagiert jemand auf bestimmte Bemerkungen ungewöhnlich heftig? Warum hält man selbst an etwas fest, obwohl man längst weiß, dass es nicht mehr guttut?
Eine Antwort darauf entschuldigt nicht jedes Verhalten. Sie verändert aber häufig den Ansatzpunkt.
Der Riese musste nicht besiegt werden. Sein eigentliches Problem musste kleiner werden.
Der Blick aus der anderen Richtung
Alle Helden vor dem Pärchen gehen von derselben Annahme aus: Der Riese ist der Gegner.
Das Paar versucht etwas anderes. Es interessiert sich zunächst dafür, wie die Welt aus der Perspektive des Riesen aussieht.
Ein Perspektivwechsel ist keine Aufforderung zur Gutgläubigkeit. Wer die Beweggründe eines Menschen versteht, muss dessen Verhalten weder billigen noch hinnehmen. Verstehen und Einverstanden-Sein sind zwei verschiedene Dinge.
Doch ohne diesen Unterschied werden Konflikte schnell eindimensional. Dann gibt es Täter und Opfer, Vernünftige und Unvernünftige, Schuldige und Unschuldige – und jede Seite verfügt über genügend Argumente, um ihre eigene Geschichte zu bestätigen.
Ein Perspektivwechsel setzt an einer anderen Stelle an:
Was könnte die andere Seite sehen, das ich nicht sehe?
Diese Frage garantiert keine Versöhnung. Sie kann sogar dazu führen, eine Grenze entschiedener zu ziehen. Aber sie vermindert die Gefahr, eine Lösung für ein Problem zu entwickeln, das in Wirklichkeit ganz anders beschaffen ist.
Nicht zu schnell wissen, was richtig ist
Vielleicht liegt eine der Aussagen der Geschichte darin, dass nahezu jeder zunächst gute Gründe für sein Handeln besitzt.
Der König schickt Helden aus – nachvollziehbar. Die Helden greifen den Riesen an – ebenfalls nachvollziehbar. Der Riese verteidigt sein Geheimnis und seine Vorräte. Auch darin steckt eine innere Logik. Dennoch produziert das Zusammenspiel dieser jeweils verständlichen Sichtweisen eine Katastrophe.
Geistige Entwicklung könnte deshalb auch bedeuten, das eigene Urteil für einen Augenblick in der Schwebe halten zu können.
Nicht aus Unentschlossenheit. Sondern aus Neugier.
Was, wenn die Sache anders liegt? Welche Information fehlt noch? Welche Annahme habe ich längst zur Tatsache erklärt? Was würde jemand sehen, der weder auf meiner noch auf der Gegenseite steht?
Manchmal braucht es für eine gute Lösung mehr Entschlossenheit. Manchmal braucht es genau das Gegenteil: einen Moment, in dem noch niemand recht haben muss.
Kleine Übung bei einem festgefahrenen Problem
Wer die Idee der Geschichte ausprobieren möchte, kann ein aktuelles Problem aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
- Der Verstand: Was weiß ich tatsächlich? Welche Ursachen sind belegt, welche nur vermutet? Welche Möglichkeiten gibt es und welche Folgen hätten sie?
- Die Intuition: Welche Lösung zieht mich spontan an? Wo entsteht Widerstand? Welche Möglichkeit habe ich vielleicht zu schnell verworfen, obwohl sie immer wieder auftaucht?
- Der Beobachter: Welche Annahme teilen Verstand und Bauch möglicherweise, ohne sie je überprüft zu haben? Was würde sich ändern, wenn das vermeintliche Hauptproblem gar nicht das Hauptproblem wäre?
Nicht jede Runde endet mit einem Geistesblitz. Schon eine etwas bessere Frage kann ein gutes Ergebnis sein.
Ergänzungen und Fragen von dir
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FunFacts zur Geschichte
- Eine einzige Biene kann an Tausenden Blaubeeren „mitarbeiten“
Bei der südöstlichen Blaubeerbiene (Habropoda laboriosa) kann ein Weibchen für die Versorgung einer einzigen Brutzelle mehr als 600 Blaubeerblüten besuchen. Über sein Leben hinweg kann ein einziges Weibchen laut USDA-Daten an der Entstehung von mehr als 6.000 reifen Blaubeeren beteiligt sein. Der Riese hätte sich mit diesen Tieren also besser verbündet. - Hummeln schütteln Blaubeeren regelrecht durch
Hummeln betreiben sogenannte Buzz Pollination: Sie packen die Blüte und bringen mithilfe ihrer Flugmuskulatur Teile der Blüte zum Vibrieren. Dadurch wird Pollen aus den speziellen Staubbeuteln geschüttelt. Gerade bei Blaubeeren macht sie das zu besonders effektiven Bestäubern. Honigbienen beherrschen dieses Verfahren nicht in derselben Weise. - Beim Hummelstaat überlebt im Winter fast nur die Königin
Am Ende der Saison sterben bei vielen Hummelarten die Arbeiterinnen und Männchen. Die begatteten jungen Königinnen überwintern und gründen im nächsten Frühjahr jeweils einen neuen Staat. Ein riesiger Hummelschwarm ist also keineswegs ein auf Dauer bestehendes Imperium. - Manche Bienen interessieren sich tatsächlich für Schweiß
Die sogenannten Schmal- oder Furchenbienen aus der Familie Halictidae werden im Englischen nicht ohne Grund „sweat bees“ genannt. Manche Arten werden von menschlichem Schweiß angezogen und landen beispielsweise auf Armen – laut University of Maine durchaus auch einmal in der Achselhöhle. Wenn sie dort eingeklemmt werden, können sie stechen. - Menschen können lernen, sich mit Klicklauten zu orientieren
Der beinahe blinde Riese orientiert sich ohne Brille nach dem Gehör. Ganz so märchenhaft ist das Prinzip nicht: In einer PLOS-Studie trainierten blinde und sehende Menschen zwischen 21 und 79 Jahren zehn Wochen lang die Echoortung mit Mundklicks. Beide Gruppen verbesserten ihre Leistungen deutlich; bei manchen Aufgaben näherten sich Teilnehmer dem Niveau erfahrener Echoorter. - Erfahrung kann Intuition messbar besser machen
63 sehr starke Schachspieler – von Anwärtern auf Meistertitel bis zu Weltklassespielern – durften Stellungen jeweils nur fünf Sekunden ansehen. Trotzdem zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Spielstärke und Treffgenauigkeit ihrer spontanen Einschätzung. In der Studie erklärte die Elo-Spielstärke rund 44 Prozent der Unterschiede im Bewertungsfehler. Intuition war hier also keineswegs bloß geratenes Bauchgefühl. Quelle: PMC – Intuition in chess: a study with world-class players - Wer feststeckt, kann von einer Pause profitieren
In der Kreativitätsforschung wird der Inkubationseffekt untersucht: Nach einer Unterbrechung gelingt die Lösung eines zuvor festgefahrenen Problems unter bestimmten Bedingungen häufiger. Besonders interessant ist, dass nicht unbedingt angestrengtes Weiterdenken hilfreich sein muss; auch eine wenig fordernde Zwischentätigkeit kann den späteren Lösungsprozess begünstigen. Die Forschung hierzu ist allerdings nicht in allen Experimenten einheitlich.