Ausgewählte Gedichte und Lyrik auf blueprints
Gedichte verdichten Gedanken, Gefühle und Beobachtungen zu wenigen, kraftvollen Zeilen. Sie können zum Lächeln bringen, zum Nachdenken anregen oder uns für einen Moment aus dem Alltag herausheben. Auf dieser Seite findest du eine vielfältige Auswahl bekannter und weniger bekannter Gedichte aus unterschiedlichen Epochen der deutschsprachigen Literatur.
Die Sammlung reicht von humorvollen und spielerischen Versen – etwa von Joachim Ringelnatz oder Christian Morgenstern – über nachdenkliche und tiefgründige Lyrik wie Rainer Maria Rilkes Der Panther bis hin zu klassischen Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Seidel oder Theodor Fontane. Ergänzt wird die Auswahl durch Gebete und besinnliche Texte, die Themen wie Frieden, Hoffnung, Lebensmut und Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen.
Manche dieser Gedichte überraschen mit Witz und Sprachspiel, andere berühren durch ihre stillen Bilder von Natur, Jahreszeiten oder menschlichen Erfahrungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf ihre eigene Weise zeigen, wie reich und vielseitig Lyrik sein kann.
Lass dir Zeit beim Lesen, entdecke bekannte Verse neu und finde vielleicht ein Gedicht, das dich besonders anspricht – zum Nachdenken, Schmunzeln oder einfach zum Genießen der Sprache.

Gebet um Humor (von Thomas Morus)
Schenke mir eine heilige Seele, Herr,
die das im Auge behält,
was gut ist und rein,
damit sie im Anblick der Sünder
nicht erschrecke, sondern
das Mittel finde,
die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele,
der die Langeweile nicht fremd ist,
die kein Murren kennt
und kein Seufzen und Klagen,
und lasse nicht zu,
dass ich mir allzu viel Sorgen mache
um dieses sich breit machende Etwas,
das sich "Ich" nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor,
gib mir die Gnade,
einen Scherz zu verstehen,
damit ich ein wenig Glück kenne im Leben
und anderen davon mitteile.Amen.
Thomas Morus (1478 - 1535), englischer Staatsmann
Im Park (von Joachim Ringelnatz)
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise - ich atmete kaum -
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Joachim Ringelnatz (1883 - 1934), eigentlich Hans Gustav Bötticher, deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler
Der Schnupfen (von Christian Morgenstern)
Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse -
und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!"
Und hat ihn drauf bis Montag früh.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller

Die Mitternachtsmaus (von Christian Morgenstern)
Wenn's mitternächtigt und nicht Mond
noch Stern das Himmelshaus bewohnt,
läuft zwölfmal durch das Himmelshaus
die Mitternachtsmaus.Sie pfeift auf ihrem kleinen Maul, -
im Traume brüllt der Höllengaul ...
Doch ruhig läuft ihr Pensum aus
die Mitternachtsmaus.Ihr Herr, der große weiße Geist,
ist nämlich solche Nacht verreist.
Wohl ihm! Es hütet ihm sein Haus
die Mitternachtsmaus.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller, aus "Galgenlieder"

Frühling (von Heinrich Seidel)
Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!"Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!"Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
"Der Frühling, der Frühling!" - da wusst' ich genug!
Heinrich Seidel, deutscher Ingenieur und Schriftsteller, * 1842, † 1906

Letzter Versuch (von Ada Christen)
Ich habe mich zu erhängen gesucht:
Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in's Wasser gesprungen:
Sie erwischten mich bei den Füßen.Ich habe die Adern geöffnet mir:
Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
Weich hat der Sand mich gebettet.Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
Woran man sonst kann verderben -
Nun werd' ich wieder zu leben versuchen:
Vielleicht kann ich dann sterben.
Ada Christen (1839 - 1901), österreichische Schriftstellerin
Friedensgebet von Franz von Assisi
Oh Herr,
mache mich zu einem Werkzeug
Deines Friedens.
Dass ich Liebe übe,
da wo man mich hasst;
dass ich verzeihe,
da wo man mich beleidigt;
dass ich verbinde,
da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage,
da wo Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe,
wo Zweifel ist;
dass ich Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Dein Licht anzünde,
wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.Ach Herr,
lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern, dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern, dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern, dass ich liebe.Denn wer sich hingibt,
der empfängt;
wer sich selbst vergisst,
der findet;
wer verzeiht,
dem wird verziehen;
und wer stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben.Amen.

Christbaum (von Ada Christen)
Hörst auch du die leisen Stimmen
aus den bunten Kerzlein dringen?
Die vergessenen Gebete
aus den Tannenzweiglein singen?
Hörst auch du das schüchternfrohe,
helle Kinderlachen klingen?
Schaust auch du den stillen Engel
mit den reinen, weißen Schwingen?...
Schaust auch du dich selber wieder
fern und fremd nur wie im Traume?
Grüßt auch dich mit Märchenaugen
deine Kindheit aus dem Baume?...
Ada Christen, österreichische Schriftstellerin, * 1839, † 1901
Der Panther (von Rainer Maria Rilke)
Das Gedicht "Der Panther" (Untertitel: Im Jardin des Plantes, Paris) entstand Anfang des 19. Jahrhunderts. Es beschreibt einen Panther, wie er in der Menagerie im Pariser Jardin des Plantes ausgestellt wurde.
Der Panther
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, Lyriker, * 1875, † 1926
Vorlesen (von Heinrich Seidel)
Als lesen und lesen den ganzen Tag.
Die schwierigsten Wörter liest glatt sie und nett,
Wie Skagerrak, Skizze, Skunks und Skelett,
Wie Mittwochsnachmittagskaffeekränzchen
Und Sonntagsabendvergnügungstänzchen,
Wie Dudelsackspfeifenmachergeselle
Und Pferdeeisenbahnhaltestelle!
Das macht ihr viel Freude, und gern liest sie vor
Dem Lenchen, dem Karo, die beide ganz Ohr:
Schöne Geschichten und Sagen und Märchen
Vom Zimperlieschen und Siebenhärchen,
Prinzessin Zitrinchen und Tüpfel, dem Zwerg,
Und von dem herrlichen Pfannkuchenberg
Ich glaube, ich glaube, wenn's immer so bleibt,
Dass sie noch mal selber Geschichten schreibt.
(Aus "Neues Glockenspiel", 1893)
Heinrich Seidel, deutscher Ingenieur und Schriftsteller, * 1842, † 1906

Das Huhn und der Karpfen
Auf einer Meierei
Da war einmal ein braves Huhn,
Das legte, wie die Hühner tun,
An jedem Tag ein Ei
Und kakelte,
Mirakelte,
Spektakelte,
Als obs ein Wunder sei.
Es war ein Teich dabei,
Darin ein braver Karpfen saß
und stillvergnügt sein Futter fraß,
Der hörte das Geschrei:
Wies kakelte,
Mirakelte,
Spektakelte,
Als obs ein Wunder sei.
Da sprach der Karpfen: "Ei!
Alljährlich leg ich ne Million
Und rühm mich dess mit keinem Ton;
Wenn ich um jedes Ei
So kakelte,
Mirakelte,
Spektakelte -
Was gäbs für ein Geschrei.
Heinrich Seidel, deutscher Ingenieur und Schriftsteller, * 1842, † 1906
Die zwei Wurzeln
Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

Überall (von Joachim Ringelnatz)
Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband
Wie irgendwo daneben.Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.Wenn du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Das Gute liegt so nah (von Goethe)
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen:
Denn das Glück ist immer da.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), deutscher Dichter
John Maynard von Theodor Fontane
John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund."Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!", war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet steh'n sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich´s dicht,
und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? Wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. -Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?"
"Ja, Herr. Ich bin.""Auf den Strand! In die Brandung!"
"Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. - -"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt’s!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."
Hintergrund
In der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 geriet der Raddampfer Erie auf der Fahrt von Buffalo nach Erie (Pennsylvania) in Brand. Terpentin und Farbe hatten Feuer gefangen, da diese zu dicht bei den Kesseln eingelagert waren. Der Kapitän nahm sofort Kurs auf die acht Meilen entfernte Küste. Das Schiff erreichte diese allerdings nicht. Nur 29 der 200 bis 300 Passagiere überlebten.
Der Steuermann (Rudergänger), der als Vorbild für John Maynard steht, war Luther Fuller. Er soll tatsächlich bis zuletzt an seinem Posten ausgeharrt haben. Vermutlich starb auch er während oder kurz nach dem Unglück.
Deutsche Urlauber sind oftmals enttäuscht, wenn sie den in der Ballade erwähnten Gedenkstein in Buffalo nicht vorfinden ... Siehe mehr zum Hintergrund auf Wikipedia.
Als Lied
... von Achim Reichel. Video auf Youtube:
Schein und Sein (von Wilhelm Busch)
Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
Gleichviel, ob große, ob geringe,
Im Wesentlichen so verpackt,
Dass man sie nicht wie Nüsse knackt.Wie wolltest du dich unterwinden,
Kurzweg die Menschen zu ergründen.
Du kennst sie nur von außerwärts.
Du siehst die Weste, nicht das Herz.
Heinrich Christian Wilhelm Busch, Dichter und Zeichner, * 1832, † 1908
Der Werwolf (von Christian Morgenstern)
Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: "Bitte, beuge mich!"Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:"Der Werwolf", sprach der gute Mann,
des Werwolfs, Genetiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ wie mans nennt.
den Wenwolf, - damit hats ein End."Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
"Indessen", bat er, "füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!"Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäbe es in großer Schar,
doch "Wer" gäbe es nur im Singular.Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja noch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
schied er dankend und ergeben.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller
In der Neujahrsnacht (von Joachim Ringelnatz)
Die Kirchturmglocke
schlägt zwölfmal Bumm.
Das alte Jahr ist wieder mal um.Die Menschen können sich in den Gassen
vor lauter Übermut gar nicht mehr fassen.
Sie singen und springen umher wie die Flöhe und werfen die Mützen in die Höhe.Der Schornsteinfegergeselle Schwerzlich
küsst Konditor Krause recht herzlich.
Der alte Gendarm brummt heute sogar
ein freundliches: Prosit zum neuen Jahr.
Joachim Ringelnatz, deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, 1883 - 1934
Sommer (von Heinrich Seidel)
O komm mit mir aus dem Gewühl der Menge
Aus Rauch und Qualm und tobendem Gedränge,
Zum stillen Wald,
Dort wo die Wipfel sanfte Grüße tauschen,
Und aus der Zweige sanft bewegtem Rauschen
Ein Liedchen schallt.Dort zu dem Quell, der durch die Felsen gleitet
Und dann zum Teich die klaren Wasser breitet,
Führ' ich dich hin.
In seinem Spiegel schau die stolzen Bäume
Und weißen Wolken, die wie sanfte Träume
Vorüber ziehn.Dort lass uns lauschen auf der Quelle Tropfen
Und auf der Spechte weit entferntes Klopfen
Mit uns allein.
Dort wollen wir die laute Welt vergessen,
An unsrem Herzschlag nur die Stunden messen
Und glücklich sein!
Heinrich Seidel (1842 - 1906), deutscher Ingenieur und Schriftsteller
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Deine Kinder sind nicht Deine Kinder | Text vom Gedicht | Interpretation | Khalil Gibran
Khalil Gibran (gesprochen: chaliyl dschibraan, * 1883, † 1931) war ein libanesisch-amerikanischer Maler, Philosoph und Dichter.
In seiner Dichtung und seinem philosophischen Schaffen beschäftigte er sich mit den universellen menschlichen Themen. Leben, Liebe und Tod sind seiner Meinung nach die wichtigsten Themen, mit denen sich jeder, unabhängig von Religion und Region, beschäftigen sollte. Hier ein interessanter Gedanke zum Thema "Kinder"!
Deine Kinder sind nicht Deine Kinder,
sie sind die Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch Dich, aber nicht von Dir,
obwohl sie bei Dir sind, gehören sie Dir nicht.
Du kannst ihnen Deine Liebe geben, aber nicht
Deine Gedanken; denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im
Haus von morgen, das Du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in Deinen Träumen.
Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
aber nicht, sie Dir gleich zu machen,
denn das Leben geht nicht rückwärts
und verweilt nicht beim Gestern.
Du bist der Bogen, von dem Deine Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Lass Deine Bogenrundung in der Hand
des Schützen Freude bedeuten!
Clemens Brentano über das Glück – das Gedicht mit Ergänzungen
Dieses wunderschöne Gedicht wird immer wieder Clemens von Brentano zugeschrieben. Dies konnte aber bis dato nicht belegt werden. Wie dem auch sei, es ist ein nachdenkenswerter, aufbauender Appell, das Glück zu suchen, zu sehen und es zu teilen. Weiter unten findest du dann (weitere) Gedichte von Clemens Brentano.
Glück
Glück ist gar nicht mal so selten,
Glück wird überall beschert,
Vieles kann als Glück uns gelten,
was das Leben uns so lehrt.
Glück ist jeder neue Morgen,
Glück ist bunte Blumenpracht,
Glück sind Tage ohne Sorgen,
Glück ist, wenn man fröhlich lacht.
Blätterfall - das traurig-schöne Gedicht von Christian Morgenstern
Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichten Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller
Spaghetti | Gedicht von Joachim Ringelnatz
Nur eins von tausend Engelein
Stehe mir ausnahmsweise jetzt bei.
Denn die Spaghetti - Schlänglein
Entklitschen immer dicht vorm Mund.
Und das sieht aus wie Schweinerei
Und sticht die ganze Zunge wund.
Und ich bin doch hier feiner
Kaufleute Gast und schaufle schon
Zwei Stunden rum an der Portion
Und sie wird gar nicht kleiner.
aus Taschenkrümel,1922, Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)
An die Freude - Text und Musik eines großartigen Werkes
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.
C h o r.
Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder - überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.
Auszug aus dem Gedicht: An die Freude
Autor: Friedrich Schiller
An die Freude ist eines der berühmtesten Gedichte Friedrich Schillers. Es entstand im Sommer 1785 und wurde unter anderem von Ludwig van Beethoven im 4. Satz seiner 9. Sinfonie vertont.
Weihnachten
Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.
Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
dass die kleinste Welt die größte ist.
Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)
Das Rilke Gedicht - Du musst das Leben nicht verstehen
Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.
Feldeinsamkeit
Ich ruhe still im hohen, grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn Unterlass,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Das Lied der Vögel
Wir Vögel haben's wahrlich gut,
Wir fliegen, hüpfen, singen.
Wir singen frisch und wohlgemut,
Dass Wald und Feld erklingen.
Wir sind gesund und sorgenfrei,
Und finden, was uns schmecket;
Wohin wir fliegen, wo's auch sei,
Ist unser Tisch gedecket.

Gedicht von Joachim Ringelnatz
Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich "Euer Gnaden".
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

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Aus dem Brief an Franz Xaver Kappus vom 12. August 1904
Hinweis: Die Zwischenüberschriften sind von uns eingefügt.
... Wir müssen unser Dasein, soweit als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann.
Weiterlesen: Rilke über Mut, Tat und die Möglichkeiten des Lebens
Rainer Maria Rilke über die Geduld
Im Strom der Zeit scheint die Geduld oft unterzugehen wie eine leise Note in einem Orchester aus lauten Stimmen. Doch gerade die Werke Rainer Maria Rilkes werfen ein warmes Licht auf diese fast vergessene Tugend. Wenn wir uns in die Tiefe seiner Zeilen begeben, entdecken wir, dass Geduld mehr ist als nur das Warten – sie ist ein Schlüssel zur Tiefe des Lebens und des kreativen Geistes. Der Lyriker Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926 im Valmont bei Montreux, Schweiz) hat in verschiedenen Lebensphasen eindringlich zur Geduld ermahnt. Seine Worte können auch heute noch Orientierung in unserer schnelllebigen Zeit bieten.

Dein innerstes Geschehen ist aller Liebe wert
Warum eines Kindes weises Nicht-Verstehen vertauschen wollen gegen Abwehr und Verachtung, da doch Nicht-Verstehen Alleinsein ist, Abwehr und Verachtung aber Teilnahme an dem, wovon man sich mit diesen Mitteln scheiden will?

Vorbemerkung: Rilke will dem jungen Dichter Kappus Mut zusprechen, der über tiefe Traurigkeit klagt und von der Sehnsucht nach etwas Großen spricht. Textauszug:
[...] Erinnern Sie sich, wie sich dieses Leben aus der Kindheit heraus nach dem «Großen» gesehnt hat? Ich sehe, wie es sich jetzt von den Großen fort nach den Größeren sehnt. Darum hört es nicht auf, schwer zu sein, aber darum wird es auch nicht aufhören zu wachsen. [...]
Borgeby gård, Flädie, Schweden, am 12. August 1904
Hier findet sich der komplette Brief
Weiterlesen: Vom Sehnen und Wachsen und dem Lohn der Schwere
