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hand klein und gross s 564

"Und beim Anblick dieser Schönheit
Fällt mir alles wieder ein
Sind wir nicht eigentlich am Leben
Um zu lieben, um zu sein?
Hier würd' ich gern, für immer bleiben"

Auszug aus "Astronaut" von SIDO (feat. Andreas Bourani)

Ist es so? Ist das Leben trotz allen Leides auf dieser Welt immanent gut? Dieser Frage gehe ich in diesem Artikel nach. Der Text bleibt (natürlich) Fragment. Dennoch sind die Antwort-Ansätze einer Lektüre würdig, da sie in dunklen Stunden eine Leiter ins Licht sein können.

 

 
 

Inhalt

"Es müsste ... überhaupt kein Universum geben. Die meiste Zeit war es nicht da. Es gab keine Atome und kein Universum, in dem sie herumschwirren konnten. Es gab nichts – einfach nichts., nirgendwo.
[...]
Willkommen. Und herzlichen Glückwunsch. ...
Damit Sie da sein können, mussten sich zunächst einmal ein paar Billionen unstete Atome auf raffinierte, verblüffend freundschaftliche Weise zusammenfinden und Sie erschaffen. Es ist eine hoch spezialisierte, ganz besondere Anordnung – sie wurde noch nie zuvor ausprobiert und existiert nur dieses eine Mal. Während der nächsten vielen Jahre (das hoffen wir jedenfalls) werden diese winzigen Teilchen klaglos an den Milliarden komplexer, gemeinschaftlicher Anstrengungen mitwirken, die notwendig sind, damit Sie unversehrt bleiben und jenen höchst angenehmen, allgemein aber unterschätzten Zustand erleben können, den man Dasein nennt."

Aus folgendem Buch:

Punkt bp 1

Überblick der Maßstäbe: Wann ist ein Leben gut?

Voldemort: "Warum lebst du?"
Harry Potter: "Weil ich etwas habe, für das sich zu leben lohnt."

Was brauchen wir für ein gutes Leben? Als Grundbedürfnisse gelten:

  • Sicherheit des eigenen Lebens und dem von Familie und Freunden.
  • Ausreichend zu Essen und zu Trinken, möglichst wohlschmeckend.
  • Wohltuende Beziehungen.
  • Die Möglichkeit eines angenehmen Aufenthaltes in trockener, wohl temperierter Umgebung.
  • Ausreichend Schlaf und Erholung.
  • Gesundheit und Energie zum Handeln.

Darüber hinaus kann der Mensch Wünsche bis an den Horizont entfalten:

  • Gelegenheit zur Sexualität
  • Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung.
  • Zerstreuung: Ein gutes Buch, eine fesselnde Serie, Musik...
  • Konsum: Schicke Kleidung, Schmuck, ein gutes Smartphone, ein schickes Auto ...
  • Neue Erfahrungen.
  • Anerkennung.

Bei manchen der letzten Punkte herrscht Uneinigkeit auf der Welt. Ein Beispiel: Bei chinesischen Menschen genießt die Selbstbestimmung in weiten Teilen der Bevölkerung keine große Wertschätzung, im Sinne Konfuzius wird eher die sinnvolle Eingliederung in das soziale Ganze als erstrebenswert angesehen.

Punkt 2

brille rosarot ufer see 564Muss ich das Leben durch eine rosarote Britte betrachten, um es als "gut" ansehen zu können?

Das Leben – eine Qual?

Man kann sagen: Die Erfüllung der Grundbedürfnisse ist notwendig, um das Leben als gut zu bezeichnen. Zumindest brauchen wir Beziehungen und Essen und Trinken.

Auf der anderen Seite fühlen sich Menschen sogar dann glücklich und erfüllt, wenn sie unter chronischen Schmerzen leiden oder keinen Sex haben. Ein lesenswerter Artikel zu solch individueller Lebenseinschätzung findet sich bei Ulrich Willmes.

Wem käme die Aussage "Das Leben ist gut" weniger höhnisch vor als einem Suizidgefährdeten. Der Psychologe Schulte-Markwort schildert in diesem Zeit.de-Artikel anschaulich, wie groß die Not seiner langjährigen Patientin Ella immer wieder aufwallt. Ella gerät immer wieder in Gefühlszustände, die "kein Mensch aushalten kann". Sie hat, so der Psychologe, einen zerstörerischen Teil und einen zerstörten Teil in sich.

Wer würde unter solchen inneren Umständen behaupten, das Leben sei gut?

Punkt 3

Punkt

Isana 1: Das Leben vor dem Leben

"Seit ich mein Grab sah, will ich nichts als leben und frage nicht mehr, ob es rühmlich sei!"

Kleist, Prinz Friedrich von Homburg III, 5

Die Geschichte von Isana liegt schon einige Zeit zurück. Isana war die Schwester meiner Freundin Dana. Ich dachte immer: "Wie hält es Dana bloß mit Isana aus?" Ständig zeigte Isana ihr, was sie von Dana hielt: nichts.

Isana verachtete, ja hasste Dana geradezu dafür, dass Dana bereits mit 17 aus dem gemeinsamen Zuhause fortgezogen war und dabei die jüngere Schwester Isana zurückließ.

Ja, der Vater wäre Dana gegenüber wohl bestimmend und konservativ gewesen. Das gab Isana damals durchaus zu. Doch nur weil man keine Freundin geschweige denn einen Freund mit nach Hause bringen dürfe, müsse man ja nicht gleich die Familie verlassen!

Isana deutete die Familienlage damals so: Sie habe zu den Eltern gehalten, während Dana ihren Vergnügungen nachgegangen sei. Der Einwand, es sei für Dana aus einer ganzen Reihe weiterer Gründe zuhause nicht länger erträglich gewesen, wurde stets mit einem "Verschone mich mit diesen Ausreden für deinen Verrat. Ich will davon nichts hören" abgebügelt. Isana hielt sich manchmal sogar die Ohren zu und lief aus dem Raum.

Als die Schwestern beide in den 20ern waren, war es stets Dana, die immer mal wieder den Kontakt zu Isana suchte. Stets bereit, zu vergeben und die Beziehung neu aufzubauen. Immer wieder musste sie sich verachtende Ablehnung anhören.

Ich konnte Danas Hinterherlaufen nicht verstehen.

All dies änderte sich, als Isana mit 25 ihre Krebsdiagnose erhielt. Da stand auf einmal Isana in Danas Tür ... (wird unten fortgeführt)

SIDO - Astronaut (feat. Andreas Bourani) OFFICIAL VIDEO:

Punkt 4

Die persönliche Sicht

Bei Planung dieses Artikels stellte ich einer Reihe von Menschen per WhatsApp die Frage: Ist das Leben gut?

Ich erhoffte mir Antworten, welche Leben allgemein als gut oder weniger gut einordnen sollten. Unzutreffenderweise, im Nachhinein jedoch naheliegend, kamen stets Antworten, die mit "Mein Leben ist gut, weil ..." begannen.

Auszüge aus den Antworten:

"Das Leben ist gut, weil man lebt."
Louis, 13

"Das Leben ist gut, wenn man Glück und Spaß hat. Es gibt keinen höheren Sinn, kein objektives Ding, das ein Leben automatisch gut macht, außer die persönliche Zufriedenheit, rein subjektiv gesehen. Es gibt keinen objektiven Wert des Lebens. Vom Standpunkt des Universums aus betrachtet ist es schnurzpiepegal, ob hier Leben auf der Erde ist oder nicht."
Tilman, 48

"Das Leben ist gut weil es aufregend schön, spannend, manchmal traurig, wundervoll und bereichernd ist."
Meike, 47

"Spontaner Gedanke: Leben muss wertvoll sein, weil es sonst die Natur nicht hervorbringen würde. Der Trend in der Natur geht zu immer komplexeren Lebensformen, vermutlich doch deswegen, weil diese aus Sicht der Natur wertvoller sind als weniger komplexe Lebensformen oder gar unbelebte Natur."
Sebastian, 55

welt bunt blase 4 900

Eines ist sicher: Die Welt ist bunt

Punkt 5

Ist es gut oder schlecht bestellt auf dieser Welt? Selten gehörte Fakten

Die Weltlage ist undurchsichtig. Einerseits gibt es immer mehr Trumps an den Spitzen der Regierungen, scheint "Ritzen" zum Trendsport bei jungen Menschen zu avancieren, bedroht das Klima die menschliche Zivilisation. Zudem erscheinen neue Atommächte am Horizont, füllen sich die Weltmeere mit Plastik und manche Wissenschaftler sehen eine kleine Eiszeit auf uns zukommen.

Andererseits leben wir Westler seit über 70 Jahren in Frieden, genießen ein hohes Maß an Freiheit (nicht nur sexuell), kennen gleichgeschlechtliche Ehen und können aus einem nie da gewesenen Unterhaltungsangebot schöpfen. Zudem ermöglicht das Internet weltweites Wissen für jedermann zu jederzeit an jedem Ort.

Die Welt wird immer besser ...

... meinte jedenfalls der 2017 verstorbene schwedische Wissenschaftler Hans Rosling. Ihm lag viel daran, den Fortschritt auf dieser Welt aufzuzeigen. In einem Gastbeitrag auf faz.net werden 32 seiner guten Botschaften aufgezeigt.

Einige Beispiele:

  • Die Kindersterblichkeit (Tod vor dem 5. Jahr) ging weltweit von 44% im Jahr 1800 auf heute 4% zurück.
  • Die Quote der Menschen, die lesen und schreiben können, stieg im selben Zeitraum von 10% auf 86%.
  • Der Anteil von Menschen mit Zugang zu Wasser aus einer geschützten Quelle von 58% auf 88%.
  • Die Anzahl wissenschaftlicher Fachartikel von ein paar Hundert auf 2,5 Millionen – pro Jahr. Die Anzahl neuer Musikveröffentlichungen stieg im selben Zeitraum noch stärker: Auf heute über 6 Millionen pro Jahr.
  • Allein im Laufe der vergangenen 20 Jahre ist der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, von 29% auf 9% gesunken.
  • Anteil der Menschen, die in einer Demokratie leben: 1816 waren es 1%, 2015 schon 56%.
  • 1980 lag der Anteil der Kinder weltweit, die zumindest eine Impfung erhalten, bei 22%. Im Jahr 2016 waren es schon 88%.
  • 1900 lag der Anteil der Erdoberfläche, die als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, bei 0,03%. Heute sind es knapp 15%.
  • 1893 gab es in einem (1!) Land auf der Welt das Frauenwahlrecht. Heutzutage haben Frauen in 193 von 194 Ländern das gleiche Wahlrecht wie Männer. 90% der Mädchen weltweit besuchen heutzutage eine Grundschule, bei Jungen sind es 92%.

Rosling folgert, dass die Dinge auf dieser Erde zugleich schlecht und besser werden können. Er verweist darauf, dass Medien stets durch Dramatisierung um die Aufmerksamkeit ihrer Leser und Zuschauer buhlen. Politiker ebenfalls. Negative Geschichten klingen nun einmal wesentlich dramatischer als neutrale oder positive Erzählungen.

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Die Wahrheit der Friedhöfe

Archäologen haben sich daran gewöhnt, dass die Mehrzahl der Skelette auf alten Friedhöfen von Kindern stammen. Die meisten Menschen, deren Überreste dort liegen, sind an Gewalt oder schweren Krankheiten gestorben. Die Mordrate bei früheren Jäger- und Sammler-Gesellschaften lag sogar bei 10%. Gute alte Zeit?

Die für das Überleben der Menschheit wichtigen Parameter lauten heutzutage vor allem Bevölkerungsentwicklung, Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch. Rosling ist sich darüber im klaren, dass hier gewaltige Probleme vor uns liegen. Er betont aber, dass wir mit dem Blick auf unsere Fortschritte aus der Vergangenheit viel eher Kraft und Hoffnung finden, um die Herausforderungen in der Zukunft tatkräftig anzugehen.

Rosling rechnet mit einem Ende des Wachstums der Weltbevölkerung um das Jahr 2050 herum – mit dann 11 Milliarden Menschen.

Für seine Kinder (und seine Leser) hat er folgenden Tipp parat:

Bedenkt immer, dass positive Veränderungen wahrscheinlich häufiger geschehen als negative. Dieser Fortschritt wird uns aber nicht gewahr, er geschieht "hinter dem Horizont". Wir müssen ihn suchen.

Mit dieser Mahnung im Hinterkopf kann man die Tagesschau ansehen, ohne in Weltuntergangsstimmung zu versinken.

Lesetipp

Wer sich seine negative Weltsicht mithilfe von Hans Rosling austreiben möchte, lese erwähnten FAZ-Nachruf, diesen SZ.de-Artikel, diesen Spiegel-Beitrag oder Roslings letztes Buch:

Buch: Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.

Positive Entwicklungen in Deutschland sind unter www.gut-leben-in-deutschland.de und unter "10 simple reasons why living in Germany is truly awesome" zu finden.

Punkt 6

Dichter und Denker zum Thema

"Es ist ein Gesetz im Leben: Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere. Die Tragik ist jedoch, dass man nach der geschlossenen Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet."

André Paul Guillaume Gide, * 22. November 1869 in Paris; † 19. Februar 1951 ebenda, französischer Schriftsteller, erhielt 1947 den Literaturnobelpreis.

"Da ist man Milliarden von Jahren ungeboren,
und dann hat man den klitzekleinen Zeitraum
von achtzig / neunzig Jahren,
den man bewusst miterleben kann,
und dann ist man bis zum Ende der Zeit tot.
Und denen fehlt der Kick!"

Hauke Jacobs (Filmfigur) zum Motorradrennen in "Nord bei Nordwest"

"Ich finde, man sollte sich diese kleine Zeitspanne Leben nicht vermasseln."

Ulrich Tukur, deutscher Schauspieler und Musiker

"An sich ist nichts weder gut noch böse.
Das Denken macht es erst dazu."

Shakespeare, Hamlet II

"Ach, und wo kein Schatten, da ist auch kein Licht;
Lust muss doch ermatten, reizt Entbehrung nicht."

Grillparzer, Melusina II (dreiaktige ”romantische Zauber-Oper” mit gesprochenen Dialogen von Conradin Kreutzer)

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"Das Leben ist Schlaf, dessen Traum die Liebe ist. Du wirst gelebt haben, wenn du geliebt haben wirst."

Alfred de Musset, * 11. Dezember 1810 in Paris; † 2. Mai 1857 ebenda, französischer Schriftsteller, gilt als einer der Großen unter den französischen Romantikern

"Ist Leben doch des Lebens höchstes Gut! (Mortimer)"

Schiller, Maria Stuart III, 6

"Das Leben ist nur ein physikalisches Phänomen."

Ernst Haeckel, * 16. Februar 1834 in Potsdam; † 9. August 1919 in Jena, deutscher Mediziner, Zoologe, Philosoph und Freidenker, baute die Ideen Darwins aus

"Unser Leben kann man mit einem Wintertag vergleichen. Wir werden zwischen 12 und 1 des Nachts geboren, es wird 8 Uhr, ehe es Tag wird, vor 4 des Nachmittags wird es wieder dunkel, und um 12 sterben wir."

Georg Christoph Lichtenberg, * 1. Juli 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt; † 24. Februar 1799 in Göttingen, Mathematiker und Naturforscher

"Das Leben ist wie ein geschicktes Zahnausziehen. Man denkt immer, das Eigentliche solle erst kommen, bis man plötzlich sieht, dass alles vorbei ist."

Bismarck

"Wenn einer sagt, dass das Leben ein Dreck sei, da mag er schon recht haben. Das ist dann aber auch alles, was er hat."

Thomas Niederreuther, * 1. Juli 1909 in München; † 23. Januar 1990 ebenda, deutscher Kaufmann, Maler und Schriftsteller

"Ich habe versucht, das Leben gut zu behandeln, und es hat mich belohnt. Denn das Leben erwidert unweigerlich Lächeln mit Lächeln, Tritt mit Tritt!"

Prentice Mulford, (1834 - 1891), US-amerikanischer Journalist, Erzieher, Goldgräber und Warenhausbesitzer

Zu kaufen bei:

Punkt 7

Wunschlosigkeit, Akzeptanz und Gleichmut

Der Roman: "Das Leben ist gut" von Alex Capus

Der Held der Geschichte ist ein Kneipenwirt, der seit über zwanzig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet ist. Der Wirt meint, dass sich (wahres) Leben überall dort abspielt, wo Menschen aufeinandertreffen. Normalerweise streben die Hauptfiguren in literarischen Erzählungen stets nach Veränderung des Status quo. Alex Capus schildert durchaus interessant einen Menschen, der mit dem glücklich ist, was er hat. Ein Erfolgsrezept für Zufriedenheit?

Wird das Leben gut, wenn wir nichts anstreben und nichts ablehnen?

Cappus steht mit seiner Hommage an die Zufriedenheit mit dem, was ist, nicht allein. In zahlreichen Religionen und Philosophien taucht seit Jahrtausenden immer mal wieder dieser Gedanke auf. Er wird nur unterschiedlich umschrieben. Ein Beispiel:

"Drei von zehn bejahen das diesseitige Leben.
Drei von zehn bejahen das jenseitige Leben.
Drei von zehn verneinen das Leben und fürchten den Tod.
Diese neun sehen nur das äußere Leben und verfallen dem Tod.

Der Zehnte aber, der Weise, schreitet durchs äußere Leben ohne Ja und Nein, ohne Gier und Furcht, des inneren gewiss."

Laotse, Tao-Te-King 50

Dieser Ansatz ist aus der Philosophie des Yoga und Buddhismus bekannt und gilt dort u. a. als Glücksrezept und Grundbedingung für das Erlangen geistiger Klarheit und Freiheit. Die ergänzende Bedingung lautet übrigens: "Du sollst nichts ablehnen, keine Abneigung entwickeln". Das ist allerdings ein Ansatz, der dem normalen Empfinden in unserer heutigen Gesellschaft arg fremd ist.

Auch das "Du sollst keine Götter haben neben mir" und das Zitat "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich gelangt" aus dem Christentum kann in Richtung einer Forderung nach Wunschlosigkeit gedeutet werden.

Denkanregung

Wie würde deine Antwort auf die Frage "Ist das Leben gut?" lauten, wenn du nichts anstreben würdest, keine Wünsche hättest, nichts ablehnen tätest, was dir geschieht? Wäre dein Leben dann gut?

vogel rot blume iu 564

Punkt 8

Isana 2: Die Verwandlung

Es klingelte nachmittags um fünf bei Dana. Eine goldene Herbstsonne tauchte das Wohnzimmer in eine 70er-Jahre-Stimmung. Dana ging zur Tür – Isana.

"Hast du vielleicht Zeit für einen Kaffee?", fragte Isana und schaute Dana unsicher an.

"Sorry, Isana, aber ich kann gerade nicht auf deine Vorwürfe", wollte Dana sie abweisen.

"Ich hab Krebs."

Ab diesem Zeitpunkt wurde Isana zum neuen Menschen. Lassen wir Dana über die Wandlung ihrer Schwester erzählen:

"Bis zu ihrer Diagnose habe ich Isana als kaltherzig, vorwurfsvoll und nur sich selbst sehend erlebt. Nie fragte sie nach mir oder jemand anderen, immer nur ging es um ihre Wünsche und ihre Sorgen.

Ich erinnere mich noch genau, dass sie bei diesem Treffen im Oktober – für mich startete an diesem Tag Isanas Second Life – nur kurz von ihrer Brustkrebs-Diagnose berichtete und dann gleich fragte: Und wie läuft´s bei dir?

Da war ich vollkommen perplex. Isana wollte noch nie wissen, wie es bei mir läuft. Ich hab sie wohl nur sprachlos angestarrt.

Warum Second Life? Eigentlich hat Isana für mich ab diesem Tag erst zu leben begonnen. Sie hat alle möglichen Freunde besucht, war jeden Tag draußen, wir sind stundenlang spazieren gegangen: an der Elbe, im Nienburger Gehege, an der Alster. Wir waren im Tierpark, sind Segeln gegangen und haben die Alpen erklommen. Dabei haben wir mindestens so viel gelacht, wie wir geweint haben. Und Isana hat trotzdem tapfer weiter Jura studiert.

Im März wurde Isana die erste Brust abgenommen, im November die zweite. Danach sollte eigentlich alles gut sein. Aber ein Jahr später war dann die Leber mit Krebs befallen. Isana hat trotzdem weiter gefeiert. Sie konnte einfach nicht genug bekommen von diesem Leben.

Mit ihren Kräften ging es bergab. Sie war immer wieder tagelang ans Bett gebunden. Da hat sie dann gebüffelt. Sie wollte unbedingt noch ihr Examen schaffen. Und hat auf ein Wunder gehofft.

Das erste Mal ist sie durchgefallen, aber nach der Prüfung im Mai hatte sie ihr Examen in der Tasche. Im Oktober ist Isana gestorben.

paar alt weg kuehe wiese 564

Punkt 9

Mein Fazit: Ist das Leben gut?

"Lassen Sie uns hübsch diese Jahre daher als Geschenk annehmen, wie wir überhaupt unser ganzes Leben anzusehen haben, und jedes Jahr, das zugelegt wird, mit Dank erkennen."

Goethe an Catharina Elisabeth Goethe, 7.12.1783

Isana hat erst mit dem Tod vor Augen die Lust am Leben entwickelt. Dieser Effekt ist sicherlich ein Grund dafür, warum Philosophen und Weise zur regelmäßigen Erinnerung – Memento mori – an das Ende ermahnen.

Doch ein Automatismus in der Form "Das Leben ist endlich und darum gut" ergibt sich daraus nicht. Ich möchte nicht im Kopf der Menschen stecken, für die das Leben tagein tagaus – auch bei sehr guten äußeren Bedingungen – eine Qual ist.

Allen Übrigen, mich eingeschlossen, wird eine Rückbesinnung auf den grundlegenden Wert des Daseins Kraft schenken. Staunen darüber auslösen, "Überhaupt da-zu-sein" oder sinnliche und intellektuelle Erfahrungen zu erleben. Kurz: sich die Bedeutsamkeit des Wunders mit Namen Leben bewusst zu machen.

Mein Fazit lautet deshalb: Ja, (zu) Leben ist gut.

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