Beweggründe menschlichen Verhaltens: 3 einfache Möglichkeiten, das Verhalten meines Gegenüber richtig zu verstehen
Warum verhält sich ein Mensch so, wie er sich verhält?
Diese Frage beschäftigt uns täglich. Im Beruf, in der Familie, unter Freunden oder bei zufälligen Begegnungen. Wer die Beweggründe seiner Mitmenschen besser versteht, vermeidet Missverständnisse, führt angenehmere Gespräche und gestaltet Beziehungen erfolgreicher.
Das Problem dabei: Wir glauben oft zu wissen, warum jemand etwas tut.
Und genau darin liegt die Gefahr.
Inhalt: Beweggründe menschlichen Verhaltens: 3 einfache Möglichkeiten, das Verhalten meines Gegenüber richtig zu verstehen
Stell dir folgende Situation vor: Die neue Kollegin betritt gemeinsam mit dem Chef dein Büro.
„Guten Morgen, ich möchte Ihnen die Kollegin Frau Eingemach vorstellen. Sie wird sich ab sofort um den Einkauf im Bereich IT kümmern.“
Du stehst auf, lächelst freundlich und streckst ihr die Hand entgegen.
Doch Frau Eingemach wirkt reserviert. Ihre Lippen scheinen zusammengefroren, ihr Händedruck ist schwach und ihr Blick wandert kurz über den Boden.
In vielen Köpfen beginnt nun sofort ein innerer Film:
„Die hält sich wohl für etwas Besseres.“
„Offenbar mag sie mich nicht.“
„Mit der wird die Zusammenarbeit schwierig.“
Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch überhaupt nicht.
Möglicherweise ist Frau Eingemach schlicht nervös. Vielleicht hat sie schlecht geschlafen. Vielleicht beschäftigt sie ein privates Problem. Vielleicht hat sie Angst vor dem neuen Arbeitsplatz oder davor, keinen guten Eindruck zu hinterlassen.
Wir kennen die wahre Ursache meist nicht. Trotzdem ziehen wir oft erstaunlich schnell unsere Schlüsse.
Hinweis zum Thema "Der erste Eindruck"
Der erste Eindruck ist oft erstaunlich treffsicher – aber nicht unbedingt die Erklärung, die wir daraus ableiten. Wir erkennen häufig richtig, dass jemand angespannt, freundlich oder unsicher wirkt. Irren tun wir uns oft bei der Frage, warum das so ist. Deshalb lohnt es sich, den ersten Eindruck als nützlichen Hinweis zu betrachten, ihn aber durch Beobachtung und Nachfragen zu überprüfen.
Warum wir andere so schnell beurteilen
Unser Gehirn liebt einfache Erklärungen.
Jeden Tag müssen wir unzählige Informationen verarbeiten. Um Energie zu sparen, bildet unser Verstand rasch Hypothesen darüber, warum Menschen etwas tun.
Das hilft uns zwar, schnell Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig führt es jedoch zu Fehleinschätzungen.
Psychologen sprechen vom sogenannten fundamentalen Attributionsfehler. Gemeint ist die Tendenz, das Verhalten anderer Menschen eher auf deren Persönlichkeit zurückzuführen als auf äußere Umstände.
Wenn jemand unfreundlich wirkt, denken wir: „Der ist unfreundlich.“
Selten denken wir: „Vielleicht hatte er gerade einen schwierigen Tag.“
Dabei leben Menschen nicht in einem sozialen Vakuum. Ihr Verhalten wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst:
Stress
Sorgen
körperliche Beschwerden
Konflikte
Ängste
Müdigkeit
Zeitdruck
persönliche Erfahrungen
Wer das berücksichtigt, versteht andere Menschen oft deutlich besser.
Möglichkeit 1: Dem ersten Urteil misstrauen
Die erste und vielleicht wichtigste Regel lautet:
Traue deiner ersten Interpretation nicht blind.
Natürlich entstehen spontane Eindrücke automatisch. Das lässt sich kaum verhindern. Doch wir können lernen, sie als vorläufige Vermutung zu betrachten statt als Wahrheit.
Frage dich:
Welche anderen Erklärungen könnte es geben?
Welche Informationen fehlen mir?
Würde ich mein eigenes Verhalten immer korrekt erklären können?
Gerade der letzte Punkt ist interessant.
Denn oft wissen wir selbst nicht genau, warum wir gereizt, traurig oder zurückhaltend reagieren. Vieles geschieht unbewusst.
Warum sollten wir dann bei anderen Menschen automatisch annehmen, ihre Motive genau zu kennen?
Ein wenig geistige Bescheidenheit verhindert viele Konflikte.
„Es ist leichter, zu urteilen als zu verstehen.“
Gustave Le Bon (1841–1931), französischer Arzt und Sozialpsychologe
Eine zweite Möglichkeit besteht darin, genauer hinzuschauen.
Nicht bewerten, sondern beobachten.
Zeigt Frau Eingemach bereits seit ihrer Ankunft Anzeichen von Anspannung? Spricht sie leise? Vermeidet sie Blickkontakt mit allen Anwesenden?
Wir erkennen dann vielleicht: Die neue Kollegin verhält sich nicht speziell uns gegenüber reserviert. Sie scheint insgesamt angespannt oder unsicher zu sein.
Achtsamkeit bedeutet, Verhalten wahrzunehmen, ohne sofort eine Geschichte dazu zu erfinden.
Das ist schwieriger, als es klingt.
Denn unser Gehirn ergänzt fehlende Informationen ständig durch Vermutungen.
Wer achtsam beobachtet, gewinnt häufig ein realistischeres Bild seines Gegenübers.
„Die Menschen sehen nur, was sie zu sehen bereit sind.“
Ralph Waldo Emerson (1803–1882), amerikanischer Philosoph
Der kluge Hans vor der Untersuchungskommission
Was wir vom „klugen Hans“ lernen können
Eine bemerkenswerte Geschichte liefert das berühmte Pferd „Der kluge Hans“.
Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte Hans für Aufsehen. Das Pferd schien rechnen zu können. Es beantwortete mathematische Aufgaben, indem es mit dem Huf die richtige Anzahl von Schlägen klopfte.
Viele Menschen waren überzeugt, ein außergewöhnlich intelligentes Tier vor sich zu haben.
Bei genauer Untersuchung stellte sich jedoch etwas anderes heraus. Hans konnte gar nicht rechnen. Stattdessen war er ein Meister der Beobachtung.
Während des Hufklopfens achtete er aufmerksam auf Mimik, Körperhaltung und minimale Spannungsveränderungen der fragenden Person. Sobald diese bei der richtigen Zahl unbewusst reagierte, hörte Hans auf zu klopfen.
Das Pferd hatte gelernt, winzige Signale zu erkennen, die Menschen selbst kaum bemerkten.
Die Geschichte zeigt eindrucksvoll:
Oft verraten Körpersprache, Haltung und Verhalten mehr als Worte.
Wenn wir unseren Mitmenschen ähnlich aufmerksam begegnen würden wie der kluge Hans seinen Fragestellern, könnten viele Missverständnisse vermieden werden.
Die einfachste Methode wird gleichzeitig am seltensten genutzt.
Nachfragen.
Viele Konflikte lösen sich innerhalb weniger Minuten auf, wenn Menschen miteinander sprechen statt übereinander nachzudenken.
Ein einfaches: „Ist alles in Ordnung?“
oder
„Du wirkst heute etwas nachdenklich. Täuscht mich das?“
kann überraschende Einsichten bringen.
Wichtig dabei: Nicht jede Person möchte über ihre Gründe sprechen.
Und manchmal kennt jemand seine eigenen Beweggründe selbst nicht genau. Dennoch schafft ehrliches Interesse häufig mehr Verständnis als jede Interpretation.
„Wer fragt, ist ein Narr für fünf Minuten. Wer nicht fragt, bleibt ein Narr für immer.“
Chinesisches Sprichwort
Die Grenzen des Verstehens
So wertvoll Empathie und Nachfragen auch sind: Es gibt Grenzen. Nicht jedes Verhalten lässt sich vollständig erklären.
Manche Menschen handeln widersprüchlich. Manche verbergen ihre Motive bewusst. Manche kennen sie selbst nicht.
Deshalb sollte das Ziel nicht sein, andere Menschen vollständig zu durchschauen. Das Ziel ist vielmehr, vorschnelle Urteile zu vermeiden und offen für verschiedene Erklärungen zu bleiben.
Wer diese Haltung entwickelt, begegnet anderen gelassener, respektvoller und oft auch erfolgreicher.
Umfrage
Umfrage zum Thema "Menschen falsch einschätzen"
Wie oft stellst du im Nachhinein fest, dass du das Verhalten eines anderen Menschen falsch eingeschätzt hast?
Fazit: Hinter jedem Verhalten steckt mehr als wir sehen
Wenn wir das Verhalten anderer Menschen beurteilen, sehen wir meist nur die Oberfläche. Die eigentlichen Beweggründe bleiben oft verborgen.
Deshalb lohnt es sich,
dem ersten Urteil zu misstrauen,
achtsam zu beobachten,
nachzufragen statt zu spekulieren.
Je besser wir verstehen, dass Menschen von zahlreichen inneren und äußeren Faktoren beeinflusst werden, desto weniger Missverständnisse entstehen.
Und häufig stellen wir fest:
Der andere ist viel harmloser, sympathischer oder interessanter, als unsere erste Interpretation vermuten ließ.
Vielleicht beginnt genau dort der erste Schritt zu besseren Beziehungen.
„Alle Widersprüche im Leben und im Menschen sind nur scheinbar, und könnten wir wie ein Gott auf alle heruntersehen und sie alle verstehen, so würden wir unsere Augen von keinem mit Widerwillen wenden.“
Sophie Bernhardi (1775 bis 1833), deutsche Schriftstellerin
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Michael arbeitet als Trainer und Coach im Bereich Kommunikationstraining und Selbstmanagement. Er arbeitet bundesweit für kleine und mittelständische Unternehmen. Schwerpunkt sind Führungstrainings, Verkaufstrainings und das Thema Zeit- und Selbstmanagement. Er ist Gründer von blueprints, was seit dem Jahr 2000 eine Leidenschaft von ihm ist. -> Michael Behn auf Xing: https://www.xing.com/profile/Michael_Behn/web_profiles |||
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