Das Zipperlein haben – Bedeutung, Herkunft und warum ein altes Leiden bis heute in unserer Sprache weiterlebt
Wer heute sagt, er habe „das Zipperlein“, meint meist kleinere Beschwerden, schmerzende Gelenke oder die Wehwehchen des Älterwerdens. Die Redewendung klingt vertraut und beinahe harmlos. Doch ihre Geschichte führt weit tiefer zurück, als die meisten vermuten.
Tatsächlich bezeichnete das Zipperlein ursprünglich keine unspezifische Befindlichkeitsstörung, sondern eine ganz konkrete Krankheit: die Gicht. Über Jahrhunderte hinweg galt sie als typische „Krankheit der Reichen“ und war eng mit Wohlstand, üppigen Festmahlen und gesellschaftlichem Status verbunden.
Wie wurde aus einer gefürchteten Krankheit eine alltägliche Redensart? Warum glaubte man einst, das Zipperlein ziehe wohlhabende Menschen den Bauern vor? Und weshalb verwenden wir den Ausdruck noch heute, obwohl seine ursprüngliche Bedeutung fast vergessen ist?
Die Antworten führen uns in die Medizin-, Sprach- und Kulturgeschichte vergangener Jahrhunderte – und zeigen, dass hinter diesem scheinbar unscheinbaren Begriff weit mehr steckt als nur ein paar schmerzende Knochen.
Was bedeutet „das Zipperlein haben“?
Wenn heute jemand sagt, er habe „das Zipperlein“, meint er meist:
- kleinere körperliche Beschwerden
- altersbedingte Wehwehchen
- Gelenkschmerzen
- Rückenprobleme
- allgemeines Unwohlsein
- ein Gefühl, nicht mehr ganz so beweglich zu sein wie früher
Der Ausdruck wird fast immer scherzhaft oder leicht ironisch verwendet.
Beispiele
- „Nach der Gartenarbeit meldet sich wieder mein Zipperlein.“
- „Früher bin ich Marathon gelaufen, heute habe ich das Zipperlein.“
- „Bei dem Wetter zwicken meine alten Zipperlein wieder.“
In vielen Fällen wird gar nicht näher erklärt, welche Beschwerden gemeint sind. Jeder versteht: Irgendetwas tut weh, zwickt oder funktioniert nicht mehr ganz so geschmeidig wie früher.
Woher kommt der Begriff „Zipperlein“?
Der Begriff „Zipperlein“ geht vermutlich auf die mittelhochdeutschen Wörter zipfen beziehungsweise zippeln zurück. Sie bedeuteten so viel wie zucken, zittern oder ruckartige Bewegungen ausführen – passend zu den heftigen Schmerzanfällen, die mit Gicht verbunden sein können.
Bereits im 16. und 17. Jahrhundert wurde „Zipperlein“ als volkstümliche Bezeichnung für Gicht verwendet. Das medizinische Fachwort lautete damals Podagra.
Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen: pous bedeutet „Fuß“, agra „Falle“ oder „Fangschlinge“. Sinngemäß beschreibt Podagra also eine „Fußfalle“ – ein treffendes Bild, da Gicht häufig das Großzehengelenk befällt.
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Warum sagt man nicht einfach „Gicht“?
Weil Sprache nicht nur Informationen transportiert, sondern auch Gefühle.
Wer sagt: „Ich habe Gicht.“
beschreibt eine konkrete Diagnose.
Wer dagegen sagt: „Ich habe mein Zipperlein.“
signalisiert häufig:
- Selbstironie
- Gelassenheit
- Humor
- Lebenserfahrung
Der Ausdruck wirkt weicher und sympathischer. Deshalb hat er sich bis heute gehalten.
Das Zipperlein in Literatur und Alltag
Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert tauchte das Wort häufig in Romanen, Theaterstücken und Zeitungsberichten auf. Dort begegnen uns oft ältere Herren, Beamte, Professoren oder wohlhabende Bürger, die vom „Zipperlein“ geplagt werden.
Die Redewendung eignete sich hervorragend, um eine Figur mit wenigen Worten zu charakterisieren:
- etwas älter
- etwas bequem
- vielleicht etwas wohlgenährt
- aber durchaus liebenswert
Das Wort transportierte also weit mehr als nur eine medizinische Diagnose.
Synonyme für "Zipperlein"
Je nach Zusammenhang kommen unterschiedliche Synonyme infrage:
Für die ursprüngliche Bedeutung (Gicht)
- Gicht
- Podagra
- Arthritis (teilweise)
- Gelenkleiden
Für die heutige Bedeutung
- Wehwehchen
- Beschwerden
- Gebrechen
- Altersbeschwerden
- Unpässlichkeit
- Leiden
- Malaisen
- Blessuren
- Gesundheitsprobleme
- Zwickereien (umgangssprachlich)
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Was bedeutet "Zipperlein" auf Englisch und in anderen Sprachen?
- Englisch: aches and pains (Wehwehchen, kleine Schmerzen und Beschwerden), gout (Gicht)
- Französisch: petits maux (kleine Beschwerden), Wehwehchengoutte (Gicht),
- Italienisch: acciacchi (Altersbeschwerden, Wehwehchen), gotta (Gicht)
- Spanisch: achaques (Altersbeschwerden, Gebrechen), gota (Gicht)
- Esperanto: malgrandaj doloroj (kleine Schmerzen, Wehwehchen), podagro (Gicht)
Kuriose und wenig bekannte Fakten rund um das Zipperlein
- Benjamin Franklin führte einen „Streit“ mit seiner eigenen Gicht.
- Gicht wurde als „Krankheit der Könige“ bekannt.
- Heinrich VIII. gilt als einer der berühmtesten Gichtpatienten der Geschichte.
- Der medizinische Begriff Podagra bedeutet wörtlich „Fußfalle“.
- Aus einer konkreten Krankheit wurde im Deutschen eine Redewendung für allgemeine Wehwehchen – ein ungewöhnlicher Bedeutungswandel.
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