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Warum wir dumme oder unsinnige Dinge tun: 3 faszinierende Gründe für irrationales Verhalten

Philip George „Phil“ Zimbardo (* 23. März 1933 in New York City) ist ein emeritierter Professor für Psychologie an der Stanford University in den USA. Er sagt:

"Mich interessiert vor allem, wie und warum gewöhnliche Menschen ungewöhnliche Dinge tun, Dinge, die ihrer Natur fremd erscheinen.
Warum handeln gute Menschen manchmal böse?
Warum tun intelligente Menschen manchmal dumme oder irrationale Dinge?"

Die folgenden drei Experimente bringen uns der Antwort auf diese Frage näher.

 
 

Die Anderen ...

Die Antwort für "ungünstiges" Verhalten ist oft auf die Anwesenheit anderer Menschen zurückzuführen - dies haben viele der unten aufgeführten Experimente gezeigt. Jedes erzählt uns eine aufschlussreiche Geschichte, die jeden Tag auch in unserem Leben relevant sein kann.

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Ich kenn dich nicht, bevorzuge dich aber: Soziale Identitätstheorie

Ein klassisches sozialpsychologische Experiment zeigt, wie wenig Menschen bedürfen, um sich in Gruppen zu formen und andere Nichtgruppenmitglieder zu diskriminieren.

Gruppenverhalten ist einerseits faszinierend, auf der anderen Seite weckt es unangenehme Gefühle. Dem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe, dem Miteinander und dem gemeinsamen Erreichen von Zielen steht oftmals die Benachteiligung gruppenfremder Menschen gegenüber. Gruppenmitglieder werden in vielerlei Hinsicht bevorzugt.

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Gruppe ist dabei nicht gleich Gruppe. Am einen Ende haben wir enge Gruppenbindungen, zum Beispiel in der Familie oder in einer Clique. Daneben gibt es lockerere Beziehungen zu Gruppen wie Arbeitskollegen oder Vereinsmitglieder.

Doch bilden wir schon eine Gruppe, wenn wir mit anderen Menschen gemeinsam ein Bild attraktiv finden? Beeinflussen diese schon unser Verhalten gegenüber anderen Menschen, die ein anderes Bild schöner finden?

Dieser Frage gingen der Sozialpsychologe Henry Tajfel und seine Kollegen nach. Sie postulierten, dass sich eine Gruppe mit all ihren Vorurteilen im Handumdrehen bildet. Sie gingen noch mehrere Schritte weiter und nahmen an, dass sich auch eine Gruppe bilden könnte, wenn es keinen direkten Kontakt zwischen den Mitgliedern gäbe, sie sich gegenseitig nicht kennen würden und auch wenn ein typisches Gruppenverhalten auf den ersten Blick keinerlei praktische Konsequenzen für den Einzelnen nach sich zöge.

Anders ausgedrückt: Die Mitglieder der getesteten "Gruppen" hatten über ihre Gruppenzugehörigkeit absolut nichts zu gewinnen oder zu verlieren.

Das Experiment

Den Teilnehmern wurden zwei Bilder präsentiert: eines von Klee und eines von Kandinsky. Danach wurde den Probanden gesagt, ihre Vorlieben für die Gemälde würden bestimmen, welcher von zwei Gruppen sie beitreten würden.

Nach dieser Einteilung wurden die Teilnehmer einzeln in eine Kabine gebracht. Jeder wurde dann gebeten, virtuelles Geld an die anderen Mitglieder beider Gruppen zu verteilen.

Die Ergebnisse

Anhand der Art und Weise, wie das virtuelle Geld verteilt wurde, zeigten die Teilnehmer die klassischen Verhaltensmuster der Gruppenmitgliedschaft - sie bevorzugten ihre eigene Gruppe gegenüber der anderen.

Viele weitere Experimente bestätigten dieses Gruppenverhalten, sogar in Gruppen, bei denen die Zusammengehörigkeitsmerkmale noch minimaler waren als bei dem geschilderten Gemäldeexperiment. Aus dieser Gruppenbevorzugung entwickelten die Forscher die sogenannte Soziale Identitätstheorie.

Irrationales Verhalten Grund 1

Auch wenn wir keinerlei Vorteile von einer Gruppenbevorzugung haben und die anderen Gruppenmitglieder gar nicht kennen, bevorzugen wir ein Gruppenmitglied gegenüber einem Nichtgruppenmitglied.

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Ich kann meinen Augen nicht trauen: Konform mit der Norm

Menschen neigen dazu, sich konform mit anderen zu verhalten. Wir beobachten das im Kleidungsstil, beim Musikgeschmack oder in der Art, wie wir reden. Das ist einerseits auch gut so, denn hierauf basiert in vielen Punkten ein funktionierendes Gemeinwesen.

Doch geht dieser Hang zur Konformität so weit, dass Menschen eindeutige Informationen, die sie über ihre Sinne erhalten, verleugnen, um mit der Gruppe konform zu bleiben? Würden Sie soweit gehen, eine offenkundig falsche Antwort zu geben, um mit den Menschen in Ihrer Umgebung übereinzustimmen?

Das Experiment

Schauen Sie sich die folgende Abbildung an. Vergleichen Sie die Linie links mit den drei Linien rechts: 1, 2 und 3. Welche dieser drei Linien ist gleich lang mit der Linken?

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Relativ offenkundig ist Linie 3 genauso lang wie die linke Linie. In einem klassischen psychologischen Experiment, das in den 50er Jahren durchgeführt wurde, verleugneten 76 Prozent der Menschen mindestens einmal ihre eigenen Sinne und wählten entweder 1 oder 2. Welcher psychologische Druck trieb sie zu dieser Falschaussage?

Eigentlich wollte der Psychologe Solomon Asch damals das Gegenteil beweisen. Es ist ja gut und schön, dass wir uns Rat in unserer Gruppe holen, wenn wir uns unsicher sind. Dieser Rat beeinflusst dann unsere Meinung. Doch wenn etwas offenkundig klar sei, so die Vermutung von Asch, dürfte eine Fehlmeinung der Gruppe die unsrige doch wohl nicht beeinflussen ...

Um diese Theorie zu überprüfen, brachte er männliche Studenten einzeln in einen Raum mit acht anderen Teilnehmern, die ihnen jeweils als Kommilitonen vorgestellt wurden. Der Gruppe wurden dann wie im Bild oben drei Linien mit einer anderen zum Vergleich gezeigt. Die Teilnehmer wurden gefragt, welche Linie - 1, 2 oder 3 - die gleiche Länge wie die Referenzlinie habe. Diese Befragung wurde 12-mal mit ähnlichen Abbildungen wiederholt.

Den "Eingeweihten" acht Mitteilnehmern wurde vom Leiter des Experiments eine falsche Antwort vorgegeben. Bei der Hälfte der Versuche wurde die zu kurze Linie den Eingeweihten als Antwort vorgegeben, auf der anderen Hälfte die zu lange. Der eigentliche und einzige Testteilnehmer wusste nichts davon.

Der echte Testteilnehmer musste immer als sechster seine Antwort geben, nachdem die vorherigen fünf die vorgegebene falsche Linie als Antwort ausriefen.

Das Experiment wurde natürlich mit weiteren "echten" Teilnehmern mehrfach wiederholt.

Überraschende Ergebnisse

Die Ergebnisse waren faszinierend und beängstigend zugleich:

  • Die tapfere Minderheit: Nur 25 Prozent der Teilnehmer waren so "stark", unbeeinflusst durch das falsche Urteil der Mehrheit in allen 12 Prozessen ihre eigene - korrekte - Antwort vor der Gruppe auszurufen.
  • In mehr als der Hälfte der Experimente jedoch gaben 50 Prozent der Testteilnehmer die gleiche - falsche! - Antwort wie die "eingeweihten" Teilnehmer. Obwohl ihre Sinne offenkundig etwas anderes erkennen ließen.
  • Fünf Prozent der Testteilnehmer stimmten immer mit der mehrheitlich falschen Meinung überein.
  • Über alle Versuche lag die durchschnittliche Konformitätsrate (mit der falschen Antwort!) bei 33 Prozent.

Hinterher wurden die Testteilnehmer aufgeklärt und dazu befragt, warum sie die doch offenkundig falsche Antwort gegeben hatten. Ihre Geständnisse kommen uns nur allzu bekannt vor:

  • Manche hatten Angst, durch eine andere Antwort als die Übrigen Missbilligung durch die Gruppe zu ernten.
  • Andere erkannten zwar klar die richtige Linie, wollten aber nicht auffallen und gaben so die falsche Antwort.
  • Die Meisten meinten, zunächst die richtige Linie identifiziert zu haben, dann aber, nachdem sie so oft die falsche Aussage gehört hatten, ein Gefühl bekamen, als ob doch die andere Linie genauso lang sei.
  • Nur ganz wenige meinten, dass sie die Linien tatsächlich genauso (falsch) eingeschätzt hätten wie die übrigen Guppenteilnehmer vorgegeben hatten, diese zu sehen.

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Wir neigen dazu, uns der Meinung einer Gruppe anzupassen, auch wenn wir eigentlich anderer Meinung sind oder offenkundig sein müssten.

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Der Halo-Effekt: Wenn uns der eigene Geist Fehlurteile einflüstert

Beim Halo-Effekt handelt es sich um eine bekannte kognitive Verzerrung, die in zahlreichen Experimenten bestätigt wurde. Prinzipiell geht es darum: Nehmen wir an, wir finden eine Person sympathisch. Zugleich finden wir eine bestimmte Eigenschaft bei Menschen angenehm, zum Beispiel Treue. Dann neigen wir laut Halo-Effekt automatisch dazu, dass die Person, die wir sympathisch finden, auch treu ist - zumindest tendenziell.

Der Effekt zeigt sich genauso umgekehrt.

Zahlreiche Experimente haben den Halo-Effekt bestätigt:

  • Im Ersten Weltkrieg sollten Vorgesetzte im Rahmen einer Studie ihre Untergebenen beurteilen. Das Ergebnis: Ohne dass es hierfür konkrete Hinweise gab, wurden Soldaten mit attraktivem Aussehen und guter Körperhaltung wesentlich bessere Beurteilungen zuteil. Diese sollten angeblich besser schießen, ihre Schuhe besser putzen und sogar eher Harmonika spielen können.
  • Ein Lehrer neigt dazu, attraktiven und/oder freundlichen Schülern bessere Noten zu geben.
  • Hollywoodstars werden aufgrund ihres Erscheinungsbildes für intelligent gehalten.
  • Eine flache Hierarchie im Unternehmen wird als positiver Faktor angesehen, wenn das Unternehmen erfolgreich ist. Rutscht es in die roten Zahlen, wird derselbe Faktor auf einmal mit den Worten "kein Wunder, bei dem Wildwuchs" kommentiert.

Irrationales Verhalten Grund 3

Einzelne Eigenschaften einer Person (z. B. dessen Attraktivität oder sein sozialer Status) bewirken eine Gesamteinschätzung der Person, welche die weitere Wahrnehmung anderer Eigenschaften der Person "überstrahlt" und so deren Einschätzung nachhaltig beeinflusst.

 

Fazit

Wir sollten uns stets bewusst sein, dass obige menschliche Verhaltensmuster (und viele weitere) unsere Meinungen und unser Verhalten beeinflussen.

Es gibt allerdings oftmals Gegenmaßnahmen, die erwähnte Effekte abschwächen oder komplett verhindern. So kann ein Hang zur Konformität mit der Gruppenmeinung durch schriftliche Abgabe der eigenen Meinung signifikant vermindert werden (Stichwort geheime Wahlen). Der Halo-Effekt wird abgeschwächt, wenn wir uns dessen sensibel bewusst sind. Zudem mildert eine Merkmal-für-Merkmal-Bewertung den Halo-Effekt. Beispiel: Ein Lehrer korrigiert erst die Aufgabe 1 bei allen Arbeiten, dann Aufgabe 2 usw.

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